Wie der Diesel den Dax beeinflusst

Im laufenden Jahr hat der Dax eine Rally hingelegt. 2018 dürfte für den Leitindex turbulenter werden – wegen steigender Inflation, geopolitischer Risiken und der Dieseldebatte. Der Auftakt zu unserer Serie „Anlegen 2018“.


Anleger können 2017 als erfolgreiches Aktienjahr abhaken: Seit Januar hat der Dax etwa 14 Prozent zugelegt. Und das, obwohl Anlageprofis etliche Turbulenzen vorausgesagt hatten. Einschneidende Ereignisse, wie etwa die Wahlen in Frankreich und den Niederlanden, sind jedoch deutlich glimpflicher ausgegangenen als befürchtet. Dass der deutsche Leitindex zwischenzeitlich ein Allzeithoch von 13.526 Punkten erreichen würde, hätte zum Jahresanfang kaum einer der Strategen gedacht.

Doch wie geht es nun weiter? Gibt es nach der fast neunjährigen Rally an den Aktienmärkten noch Luft nach oben, oder ist der Höhenflug schon vorbei? Schließlich hat sich die Börse bereits in den vergangenen Wochen eher seitwärts in einer Spanne von etwa 12.900 bis 13.300 Punkten bewegt. Die Prognosen der führenden Geldhäuser für 2018 fallen denn auch gemischt aus: Während die italienische Großbank Unicredit den Dax in zwölf Monaten bei 14.500 Punkten sieht, fällt die Schätzung der Landesbank Helaba mit 12.300 Punkten deutlich geringer aus. Dazwischen liegen etwa die Deutsche Bank mit 14.100 Punkten, Commerzbank, DZ Bank und LBBW mit 14.000 Punkten sowie die DekaBank mit 13.500 Punkten. Die Mehrheit der Banken erwartet also durchaus, dass der Aufwärtstrend noch etwas weitergehen kann. Vor größeren Schwankungen im neuen Jahr warnen dennoch wieder fast alle Analysten.


Die wichtigsten Gründe für weitere Kursanstiege sehen die Kapitalmarktexperten im soliden Weltwirtschaftswachstum, in verbesserten Firmengewinnen und in der anhaltenden Unterstützung durch die Notenbanken. „Die Unternehmensgewinne dürften sich weiterhin positiv entwickeln. Zwar kann es immer wieder Phasen mit größeren Kursschwankungen geben, aber insgesamt dürfte das Umfeld für deutsche Aktien im kommenden Jahr vor dem Hintergrund der anhaltend lockeren Geldpolitik der Zentralbanken und der robusten Konjunktur der Weltwirtschaft günstig bleiben“, sagt Christoph Berger, Leiter des Teams Deutsche Aktien bei Allianz Global Investors.

Vor allem die Konjunkturentwicklung hat viele Ökonomen zuletzt positiv überrascht. „Erstmals seit Langem findet der weltweite Konjunkturaufschwung synchron statt“, betont Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank. „So gering waren die Abweichungen zwischen den Ländern der Weltwirtschaft noch nie“, ergänzt er. Zusammen mit weiteren Anzeichen wie der geringen Leistungsbilanzungleichgewichte und der stabilen Aufwärtsbewegung deutet das für die Volkswirte der DekaBank auf einen andauernden Konjunkturaufschwung, der sich selbst verstärkt. 2018 wird die Weltwirtschaft nach Berechnung der Volkswirte der DekaBank um 3,7 Prozent wachsen, Deutschland immerhin um 2,2 Prozent.


In einem solch positiven Umfeld könnten also auch die Aktienkurse weiter steigen. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, sieht dabei die Unternehmensgewinne mittlerweile als die Haupttreiber der Kursentwicklung. „Während die Unternehmensbewertungen sogar leicht sinken könnten, liegen die Gewinnerwartungen für das kommende Jahr weltweit im Schnitt bei soliden zehn Prozent“, erläutert er. Ähnlich sieht es LBBW-Analyst Uwe Streich: „Anders als noch vor einem Jahr, als das Gewinnwachstum noch schwach oder sogar negativ ausfiel, wachsen die Gewinne zurzeit so dynamisch wie schon seit Langem nicht mehr.“

Für den Dax-Gewinn seien allerdings die Automobilwerte von besonderer Bedeutung. Ihr Anteil am für 2018 prognostizierten Gewinn beträgt fast ein Viertel. „Sollten die Folgen des Dieselskandals und des dadurch verursachten beschleunigten Umbaus in Richtung E-Mobilität größere Spuren im Gewinn dieses Sektors hinterlassen, wäre dies auch auf Indexebene deutlich spürbar“, schränkt Streich ein. Kurzfristig befürchtet er ein solches Szenario jedoch nicht. Steigende Gewinne dürften dann auch wieder zu einem Anstieg der Dividendensumme führen. Die Dividendenrendite der 30 Dax-Werte taxiert die DZ Bank im Jahr 2018 auf drei Prozent.


China und USA als Unsicherheitsfaktoren

Mit weiterer Unterstützung rechnen die Experten auch durch die Notenbanken. Angesichts des überschaubaren Inflationsdrucks wird die Geldpolitik im Euro-Raum nach Einschätzung der DZ-Bank-Analysten auch 2018 expansiv bleiben. „Die EZB ist in ihrer starren Ausrichtung auf das Zweiprozentziel gefangen. Sie wird die geldpolitische Wende daher weiter hinauszögern. Die angekündigte Reduktion des Kaufprogramms ist ein Schritt in die richtige Richtung, reicht aber nicht aus“, meint DZ Bank-Chefvolkswirt Stefan Bielmeier. Auf der Zinsseite erwartet er erst in der ersten Jahreshälfte 2019 Bewegung. Solange die Zinsen niedrig bleiben, rechnet die DZ Bank nicht mit größeren Korrekturen an den Aktienmärkten.

Gegenwind fürchten die Volkswirte allerdings, falls es doch zu einer schneller steigenden Inflation kommt als bislang angenommen: „Wenn der Preisdruck stärker als erwartet zunehmen sollte, könnten sich die Notenbanken zu einem aggressiveren Ausstieg aus ihrer nach wie vor expansiven Geldpolitik gedrängt fühlen – mit entsprechend negativen Auswirkungen auf die konjunkturelle Entwicklung weltweit“, sagt Stefan Schneider, Chefökonom für Deutschland bei Deutsche Bank Research.

Doch auch ohne ein mögliches Überschießen der Inflation sei an den Kapitalmärkten im kommenden Jahr mit stärkeren Schwankungen zu rechnen: Unruhepotenzial bieten nach Ansicht der Deutschen Bank unter anderem geopolitische Faktoren, wie eine Verschärfung des Konflikts mit Nordkorea, sowie politische Risiken in Europa.


Martin Lück, leitender Kapitalmarktstratege beim Vermögensverwalter Blackrock, weist in dem Zusammenhang auf die vermutlich im März anstehenden Wahlen in Italien hin und darauf, dass sich auch in Deutschland die Regierungsbildung noch bis Ostern hinziehen könnte. „Zwei der drei größten Volkswirtschaften in der Euro-Zone bleiben damit unsichere Kantonisten“, meint er. Im Herbst müsse zudem der Brexit-Deal für die Umsetzung Ende März 2019 in trockenen Tüchern sein, und am 6. November stehen in den USA Kongresswahlen an. Von der US-Steuerreform erwartet er indes „nur sehr moderate Wachstumsimpulse“.

„Auch ein stärkerer Wachstumsrückgang in China könnte dämpfenden Einfluss auf die Weltkonjunktur haben“, ergänzt Axel Angermann, Chefvolkswirt vom Investmenthaus Feri. Die DZ Bank sieht ebenfalls „immense politische Risiken“, so Chefvolkswirt Bielmeier. Doch viele Unsicherheitsfaktoren, wie etwa die Handlungen von US-Präsident Donald Trump und die neue chinesische Wirtschaftspolitik, seien für die meisten Unternehmen bisher folgenlos geblieben. „Dies kann sich schnell ändern, denn bislang haben die Märkte die politischen Risiken nicht einmal annähernd eingepreist – auch weil sie schlicht unkalkulierbar sind“, betont Bielmeier. Das Aktienjahr 2018 könnte also durchaus bei einigen Anlegern für Aufregung sorgen. Doch insgesamt stehen die Zeichen gut, dass es auch wieder ein erfolgreiches Jahr wird.




Anlegen 2018 – Alle Teile der Serie


Teil 1 (21.12.): Aktien Deutschland

Teil 2 (22.12.): Wohnimmobilien

Teil 3 (23.12.): Unternehmens- und Staatsanleihen: Industrieländer

Teil 4 (24.12.): Aktien Europa

Teil 5 (25.12.): Aktien Emerging Markets

Teil 6 (26.12.): Aktien Skandinavien

Teil 7 (27.12.): Unternehmens- und Staatsanleihen: Schwellenländer

Teil 8 (28.12.): Gold

Teil 9 (29.12.): Devisen

Teil 10 (30.12.): Aktien USA

Teil 11 (31.12.): Der beste Markt der Welt

Teil 12 (1.1.2018): Die Fehler des Jahres 2017

Teil 13 (2.1.): Kreditzinsen

Teil 14 (3.1.): Leser-Erwartungen 2018

Teil 15 (4.1.): Ölpreis

KONTEXT

Chancen und Risiken für die deutsche Konjunktur

Chance "Eurokurs"

Vom vergleichsweise schwachen Euro profitieren vor allem exportorientierte Unternehmen. Waren "Made in Germany" werden dadurch außerhalb des Euroraums billiger. Das kann die Nachfrage ankurbeln. Zudem steigen bei Umrechnung in Euro die im Ausland erzielten Erlöse.

Chance "Binnenwirtschaft"

Angetrieben wird Europas größte Volkswirtschaft seit geraumer Zeit vor allem von der starken Nachfrage im Inland. Weil Sparbuch und Co. wegen der Zinsflaute kaum noch etwas abwerfen, sitzt vielen Verbrauchern das Geld locker. Zudem ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt historisch günstig. Im April sank die Zahl der Erwerbslosen auf den niedrigsten Stand in diesem Monat seit 1991. Manche Unternehmen suchen inzwischen händeringend Mitarbeiter. Ökonomen erwarten, dass vor allem Konsum und Bauinvestitionen die Konjunktur im Gesamtjahr auf Wachstumskurs halten werden.

Chance "Niedrigzinsen"

Die Zinsflaute beflügelt die Baubranche. Verbraucher nutzen die günstigen Finanzierungsbedingungen, um den Traum von den eigenen vier Wänden zu verwirklichen - auch wenn die Preise vor allem in Ballungsräumen kräftig angezogen haben. "Die Erschwinglichkeit von Wohneigentum ist aufgrund zunehmender Einkommen und rekordniedriger Zinsen trotz der gestiegenen Immobilienpreise noch immer für viele gegeben", argumentieren Helaba-Ökonomen. Zugleich investieren Anleger mangels lukrativer Alternativen verstärkt in Immobilien.

Chance "Weltwirtschaft"

Der Exportweltmeister Deutschland profitiert von der Erholung der globalen Konjunktur. Im März kletterten die deutschen Ausfuhren auf den höchsten Monatswert seit 1950. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet in diesem Jahr mit einem weltweiten Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent nach 3,1 Prozent 2016. "Frühling liegt in der Luft und Frühling wird es auch in der Wirtschaft", zeigte sich IWF-Chefin Christine Lagarde vor kurzem zuversichtlich.

Risiko "Inflation"

Steigende Verbraucherpreise können die Konsumlust der Bundesbürger dämpfen. Im Ferienmonat April zog die Inflation getrieben von höheren Preisen für Energie und Urlaubsreisen nach ersten Zahlen auf 2,0 Prozent an. Ökonomen rechnen allerdings damit, dass sich die Teuerung wieder abschwächen wird. "Das Hoch bei den deutschen Inflationsraten dürften wir vorerst gesehen haben", sagte DZ-Bank-Volkswirt Michael Holstein jüngst voraus.

Risiko "Zinswende"

Sollte die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen erhöhen, könnte das die Konjunkturerholung abwürgen, denn Kredite für Verbraucher und Unternehmen würden dann teurer. Europas Währungshüter machten zuletzt jedoch keine Anstalten, ihre ultralockere Geldpolitik zu ändern. Aus Sorge vor einer Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen und schrumpfender Wirtschaft (Deflation) flutet die EZB die Märkte mit Geld. Zwar seien Deflationsgefahren fast verschwunden, die Preisentwicklung brauche aber weiterhin Unterstützung durch die Geldpolitik, bekräftigte EZB-Präsident Mario Draghi.

Risiko "Protektionismus"

Sorgen bereiten Ökonomen Abschottungstendenzen wichtiger Märkte - insbesondere der USA unter Präsident Donald Trump. Zwar ist nach Commerzbank-Einschätzung das Risiko eines Handelskrieges gesunken. Dies heiße aber nicht, "dass Trump sich von seinem zugkräftigsten Wahlkampfthema, dem Protektionismus, verabschiedet hat". Die Welthandelsorganisation (WTO) warnt, die Unsicherheit über die Handelspolitik der großen Wirtschaftsmächte könnte die Erholung des Welthandels gefährden: "Unsicherheit friert Investitionen und Produktion ein", erklärte WTO-Generaldirektor Roberto AzevÁªdo.

Risiko "Politische Krisen"

Die Folgen des geplanten Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union (Brexit) sind noch nicht absehbar. Im vergangenen Jahr war das Vereinigte Königreich mit gut 12 Prozent Anteil nach Frankreich (14,3 Prozent) der wichtigste Absatzmarkt für deutsche Exporteure innerhalb der EU. In Frankreich indes setzte sich zwar der sozialliberale Emmanuel Macron in der Präsidentschaftswahl gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen durch. Ob der pro-europäische Politiker bei der Parlamentswahl im Juni eine ausreichende Mehrheit für seine Reformpolitik bekommt, ist jedoch fraglich.

Risiko "Exportstärke"

Europas größte Volkswirtschaft verkauft seit Jahren deutlich mehr Waren ins Ausland als von dort eingeführt werden. Das ist vor allem US-Präsident Trump ein Dorn im Auge. Er drohte bereits mit Strafzöllen. Sein Finanzminister Steven Mnuchin forderte auf der IWF-Frühjahrstagung Ende April Berlin unmissverständlich auf, die Exportüberschüsse abzubauen. Auch die EU-Kommission, der IWF und Frankreichs künftiger Präsident Macron kritisieren den hohen Handelsüberschuss.