"Diese Vorgeschichte ist für Marco Rose sehr belastend"

"Diese Vorgeschichte ist für Marco Rose sehr belastend"
"Diese Vorgeschichte ist für Marco Rose sehr belastend"

Michael Meier arbeitete in seiner Zeit als Manager beim 1. FC Köln, bei Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund mit vielen hochkarätigen Trainern zusammen - ob sie nun Rinus Michels, Erich Ribbeck, Ottmar Hitzfeld oder Udo Lattek hießen. Auch der junge Christoph Daum war zu Meiers Zeit bei den Geißböcken dort Trainer.

Gemeinsam mit dem damaligen BVB-Präsidenten Gerd Niebaum brachte Meier die Schwarz-Gelben als ersten deutschen Fußballverein im Oktober 2000 an die Börse. Sein größter sportlicher Erfolg als Manager war der Champions-League-Gewinn 1997 mit den Dortmundern. 2005 musste er den Verein wegen Managementfehlern und einer wirtschaftlichen schwierigen Lage verlassen.

Meier, der heute in der Unternehmensberatung tätig ist und den Fußballlehrer Heiko Herrlich berät, schaut weiter genau auf die Trainerbranche. Bei SPORT1 spricht der 72-Jährige unter anderem über seine Liebe zum BVB. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

SPORT1: Herr Meier, Sie waren zu Beginn Ihrer Manager-Karriere zunächst beim 1. FC Köln, sind über Bayer Leverkusen 1990 zum BVB gewechselt. Wie blicken Sie heute auf diese Zeit zurück?

Michael Meier: Ich bin mit mir selbst im Reinen und gleichzeitig sehr dankbar für all das, was ich erreicht habe. Mit 31 Jahren kam ich als ganz junger Mann direkt nach meinem Studium und der anschließenden Wirtschaftsprüfungstätigkeit zum Fußballgeschäft und wurde Geschäftsführer beim 1. FC Köln. Diese Zeit war für mich eine intensive Zeit, in der ich auch viel über das Fußballgeschäft gelernt habe. Als Junge aus dem Revier war ich von klein auf Fan des BVB. Zum FC hatte ich anfangs eigentlich keine emotionale Beziehung. Mein Verein war der BVB. Aber mein Verhältnis zum FC hat sich dann geändert. Je länger ich in Köln war, umso größer wurde auch meine emotionale Bindung zum Klub. Heute würde ich es auf den Nenner bringen: Köln ist meine platonische Liebe, Dortmund meine wahre Liebe.

SPORT1: Das wird der Kölner nicht gerne hören.

Meier: (lacht) In meiner ersten Kölner Zeit gewannen wir 1983 übrigens den DFB-Pokal. Aber in Köln gab es damals, wie so oft Querelen innerhalb des Vorstands, das Präsidium ist zurückgetreten und ich habe mich dann entschieden, auf die andere Rheinseite nach Leverkusen zu wechseln. Damals konnte ich mit dem UEFA-Pokal (heute Europa League, d. Red.) 1988 bei Bayer Leverkusen unter dem Trainer Erich Ribbeck meinen zweiten Titel gewinnen. Bayer Leverkusen war eine Erweiterung meines Horizonts, weil ich sehen konnte, wie der Profisport unter dem Patronat einer großen Aktiengesellschaft mit all seinen Vor-, aber auch Nachteilen funktioniert.

SPORT1: Die Chance, beim BVB zu arbeiten, war für Sie ein Riesending?

Meier: Absolut. Am ersten Tag traf ich sofort Hoppy Kurrat, einen „meiner Helden“ aus dem Team, welches 1966 den Europapokal gewonnen hatte. Ich habe mich beim BVB sofort wohl gefühlt. Ich bin in Lünen geboren und kenne daher die Mentalität des Ruhrgebiets.

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SPORT1: Sind Sie heute mit dem BVB im Reinen? Damals gab es den Ärger mit der drohenden Insolvenz, für die man Sie und den ehemaligen Präsidenten Gerd Niebaum verantwortlich machte.

Meier: Die Geschichte ist geschrieben. Auch meine Rolle wird in der Rückschau nicht mehr so negativ gesehen wie damals. Insofern war und bin ich mit dem BVB im Reinen und kann mich an der positiven Weiter-Entwicklung des BVB genauso erfreuen. Aber genauso gerne denke ich auch die erfolgreiche Zeit zurück, als ich in der Verantwortung stand. Das waren drei hochemotionale Deutsche Meisterschaften, der sensationelle Champions-League-Sieg und dann durften wir uns auch noch Weltpokal-Sieger nennen. Zudem fallen die großen Projekte, als die Weichen für eine erfolgreiche BVB-Zukunft gestellt wurden, unter meine Ägide: Der Stadionbau sowie der Börsengang. All das durfte ich gestalten während meiner fast 16-jährigen Tätigkeit für den BVB.

Meier sieht BVB auf Top-Niveau

SPORT1: Wie sehen Sie den BVB heute?

Meier: Wirtschaftlich stabil und sportlich auf nationalem und internationalem Top-Niveau, auch wenn die Ergebnisse in den internationalen Wettbewerben der vergangenen Saison nicht so waren, wir es die Mannschaft hergeben könnte. So komisch es klingen mag, aber der BVB ist zu Beginn der Saison Opfer seiner frühzeitigen Weichenstellung auf der Trainerposition geworden. Sie hatten sich für die Zeit nach Lucien Favre frühzeitig für Rose entschieden. Die Trennung von Favre während der Saison hatte zur Folge, dass eine Interimslösung für die Zeit bis zum Dienstantritt von Rose gefunden werden musste.

Die installierte der BVB intern mit dem dann sehr erfolgreichen Edin Terzic, während Roses Mannschaft in Gladbach gleichzeitig sportlich ins Schlingern geriet. Diese Vorgeschichte ist für Marco Rose sehr belastend gewesen, zumal er noch dazu den unschönen Abschied von den Fans in Mönchengladbach über sich ergehen lassen musste. Ich glaube, dass diese Hypothek die Arbeit von Rose beeinträchtigt hat. Man wirft den Klubverantwortlichen oft vor, dass sie nicht frühzeitig planen. Dieser Fall zeigt, dass zu frühzeitige Planungen auch mit unwägbaren Risiken verbunden sind. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

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Meier: „Terzic wird als Borusse gesehen“

SPORT1: Und Terzic ist jetzt der richtige Trainer für die Schwarz-Gelben?

Meier: Er hat den Vorteil, dass er als authentischer Trainer von Borussia Dortmund gesehen wird. Terzic hat mit der Mannschaft den Pokal gewonnen und er ist jetzt die logische Konsequenz nach Rose. Terzic wird als Borusse gesehen.

SPORT1: Ist der große Fehler, dass in Dortmund die Sehnsucht nach Jürgen Klopp immer noch groß ist?

Meier: Ein Fehler ist es nicht, wenn man sich bewusst ist, dass sich diese Sehnsucht nicht mehr realisieren lässt. Gut, Jürgen Klopp ist eine Ausnahmeerscheinung, weil er einer Trainer Idealbesetzung für Dortmund mit all seiner Emotionalität sehr nahe kommt. Er hat dem BVB und der Stadt Dortmund viel Freude bereitet. Er und Ottmar Hitzfeld haben beim BVB die längsten Erfolgs-Perioden geprägt. Diese Sehnsucht würde erst dann zum Fluch, wenn das Publikum die Nachfolger ablehnen würde, weil sie nicht so sind wie Jürgen Klopp. Aber das Gefühl hatte ich nicht.

Meier: „Große Unzufriedenheit und viele Wechsel“

SPORT1: Das ganze Trainerkarussell nahm im vergangenen Sommer erst durch Roses Entscheidung pro BVB Fahrt auf.

Meier: Ich glaube nicht, dass die Entscheidung des BVB dafür ursächlich war. Wir erinnern uns: Es gab sieben Trainerwechsel zu Beginn der Saison 2021/22. Entscheidend war doch, dass die ersten fünf Vereine in der Tabelle jeweils ihren Trainer gewechselt haben. Von all diesen Trainern sind nur noch Nagelsmann und Glasner im Amt. Auch diese Saison ist das gleiche Phänomen zu beobachten. Wieder große Unzufriedenheit und viele Wechsel.

Auffällig ist allerdings diese Saison, dass es nicht nur die Trainer betrifft, wie in der Vergangenheit, sondern mittlerweile auch die Manager und Sportverantwortlichen. Jeder aber weiß, dass ein konstruktives Zusammenspiel von Trainern und Sportverantwortlichen für den Erfolg extrem wichtig ist. Diese Entlassungen von Trainern und gleichzeitig Sportverantwortlichen ist für mich neu in der Bundesliga. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

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SPORT1: Für Trainer werden inzwischen hohe Ablösesummen bezahlt. Wie denken Sie darüber?

Meier: Ablösesummen wurden auch schon in der Vergangenheit gezahlt. Ich denke, dass die vertraglich festgelegten Ausstiegsklauseln für beide Seiten von Übel sind. Ein Jürgen Klopp oder ein Ottmar Hitzfeld hatten zu ihrer Zeit beim BVB sicher viele Angebote von namhaften Vereinen. Von Ottmar weiß ich, dass Real Madrid ihn unbedingt wollte. Aber beide haben damals den Standpunkt vertreten: „Wir sind doch noch gar nicht fertig bei Borussia Dortmund.“ Indem sie sich zu 100 Prozent auf die Situation eingestellt und damit identifiziert haben, konnten sie sich einen hohen Stellenwert erwerben. Wenn du aber heute als Trainer oder Manager den Verein mit Hilfe einer monetären Freigabe- oder Abfindungsklausel verlässt, läufst du Gefahr, deine Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen. Werte wie Loyalität und Integrität bekommen dadurch ein Verfallsdatum. (ÜBERSICHT: Die fixen Transfers aller Bundesliga-Klubs)

SPORT1: Welche aktuellen Trainer gefallen Ihnen?

Meier: Die authentischen. Du bist nur glaubwürdig, wenn du ganz bei dir bleibst. Typisches Beispiel für mich Christian Streich.

Meier: „Sehr intensive Zeit“

SPORT1: Oder Steffen Baumgart? Bei ihm prophezeiten die Kritiker und Nörgler schon, dass er sich abnutzt. Wie sehen Sie es?

Meier: Mir hat mal jemand, der mit Baumgart eng zusammengearbeitet hat, gesagt, dass er Eigenschaften hat, die du nicht lernen kannst. Deshalb ist er natürlich und wirkt nicht nur so - authentisch eben. Das, was er in Köln macht, ist nicht simpel, sondern ziemlich klug. Da haben wir einen Trainer, der sicher hier und da belächelt wird, aber mit seinem Fußball Erfolg hat. Er begeistert die Leute mit der Art, wie er Fußball spielen lässt.

SPORT1: Sie beraten und coachen Trainer wie zum Beispiel Heiko Herrlich. Er ist aktuell ohne Job. War der Zeitpunkt noch nie so günstig wie jetzt?

Meier: Könnte man meinen. Es ist eine sehr intensive Zeit. Ich bin mit meinen Mandanten im Gespräch, weil alle wieder als Trainer arbeiten wollen. Ich bin da auch als Freund, Mensch und Gesprächspartner gefragt. Es ist für jeden schmerzhaft zu erfahren, dass man nicht mehr gebraucht wird. Es sind Gespräche, in denen ich meine eigenen Erfahrungen weitergeben kann.

SPORT1: Glauben Sie, dass Herrlich zur neuen Saison wieder einen Job haben wird?

Meier: Ja. Er ist ein Trainer, der von seiner Außenwirkung her ein ziemlich ruhiger Vertreter ist, aber aufgrund seiner Vita einiges nachweisen kann. Seine Performance in Regensburg von der Regionalliga in die 2. Liga durchzumarschieren, konnte sich sehen lassen. Bei ihm hat man immer ein Konzept gesehen. Aus dem Grund wurde Rudi Völler damals auf ihn aufmerksam. In Leverkusen hat er nur knapp die Champions-League-Qualifikation verpasst. In Augsburg konnte Heiko nicht den Fußball spielen lassen, wie er ihn sich wünscht, um erfolgreich zu sein.


Lob für Kovac: „Völlig integres Profil“

SPORT1: Niko Kovac ist als Trainer zurück in der Bundesliga. Hat es Sie überrascht, dass Wolfsburg der neue Klub ist?

Meier: Für die Wolfsburger ist das großartig und ich glaube auch, dass Niko Kovac eine gute Wahl getroffen hat. Er wird sicher auch andere Optionen gehabt haben. Sein Arbeitsnachweis war bisher fantastisch und er hat ein völlig integres Profil. Kovac wird in Wolfsburg sicher einiges bewegen können. Natürlich ist der VfL völlig anders aufgestellt als der FC Bayern. Aber er weiß, wie erfolgreiche Arbeit aussieht.

SPORT1: Wird das zweite Jahr bei den Bayern für Julian Nagelsmann leichter?

Meier: Bei den Bayern ist es nie leicht. Der Schritt dorthin hat ihn wieder ein Stück weitergebracht. Ich halte Nagelsmann für so intelligent, dass er seine Erfahrung und sein Wissen aus dem letzten Jahr noch erfolgsorientierter für den FC Bayern einsetzen wird.

SPORT1: Was wünschen Sie sich für die Trainerbranche außer Kontinuität?

Meier: Wir brauchen ein Umdenken. Eine halbherzige Vertrags-Loyalität auf der einen und das Prinzip „Hire and Fire“ auf der anderen Seite bringen uns nicht weiter. Eine Entlassung ist alltäglich und gewöhnlich geworden. Das hat etwas mit einem anderen Selbstverständnis zu tun. Man muss auch mal mit einem Coach durch einen Sturm hindurch gehen dürfen. Streich ist mit Freiburg abgestiegen und blieb da. Aber dafür brauchst du einen starken Klub.

SPORT1: Was wünschen Sie dem BVB?

Meier: Ich bin zuversichtlich, dass die Borussen eine erfolgreiche Saison mit einem hohen Identifikationsfaktor für das Publikum spielen werden. Es sind wichtige Dinge in die richtige Richtung gestellt worden. Die Entscheidung für Terzic hat einen hohen Wert in Dortmund. Er hat die BVB-DNA. Zudem sehe ich mit den Verpflichtungen von Schlotterbeck und Süle eine enorme Steigerung der Mentalität und Qualität.

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