Diese vier Faktoren haben Indiens massive Corona-Welle begünstigt

Aria Bendix
·Lesedauer: 8 Min.

Noch vor zwei Monaten schien die Situation in Indien eine Wende genommen zu haben. Die Zahl der Corona-Infektionen war auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Pandemie gesunken. Zudem wurden allmählich die Impfstoffe auf den Markt gebracht. Dass dieser Fortschritt jedoch nicht von Dauer sein würde, glaubte die Professorin für Epidemiologie an der University of Michigan, Bramer Mukherjee, bereits Mitte Februar. Zu diesem Zeitpunkt bemerkte sie einen Anstieg der Fälle inmitten einer Zunahme von sozialen Zusammenkünften wie Hochzeiten, Familientreffen, Festen und Sportveranstaltungen.

Die Professorin rief daraufhin ihren 81-jährigen Vater und ihre 79-jährige Mutter an, die in Kalkutta leben. Sie wollte erfahren, ob sie sich bald impfen lassen würden. In einem Gespräch mit Business Insider erzählt Mukherjee, ihre Eltern seien der Meinung, dass es keine Eile gäbe, da es im Moment keine starke Verbreitung des Virus gebe. „Ich denke, das zeigt, was passiert ist: Der Tiefpunkt der Infektionszahlen wäre der richtige Zeitpunkt für Indien gewesen, die Impfungen zu beschleunigen“, erklärte sie. „Aber das ist nicht passiert.“

Nun ist die Zahl der täglich registrierten Fälle in Indien in den vergangenen zwei Monaten um mehr als das 20-fache angestiegen. Am Montag meldete Indien mehr als 350.000 neue Fälle, bei 1,38 Milliarden Einwohnern. Das ist die weltweit höchste gemeldete Zahl an einem Tag — allerdings auch in einem enorm bevölkerungsreichen Land. Auch die Zahl der Todesfälle hat sich in den vergangenen zwei Monaten stark erhöht, um fast das 25-fache. In den indischen Krankenhäusern gibt es lange Warteschlangen mit Erkrankten, die darauf warten, behandelt zu werden. Dem Land mangelt es an Sauerstoff und Beatmungsgeräten und die in Zusammenhang mit dem Virus Verstorbenen häufen sich in den Krematorien.

Indien hätte die „Ruhepause“ über den Winter nutzen müssen

Expertinnen und Experten des öffentlichen Gesundheitswesens weisen auf vier Faktoren hin, die dazu geführt haben, dass der Ausbruch einer neuen Welle so stark außer Kontrolle geraten ist: die sich schneller ausbreitenden Mutationen, eine Zunahme gesellschaftlicher Zusammenkünfte, eine langsame Einführung der Impfstoffe und ein schlecht ausgestattetes Gesundheitssystem.

Indien hätte die „Ruhepause“ über den Winter nutzen müssen, um die Tests, die Beobachtung der Mutationen und die Versorgung mit Medikamenten zu verbessern, sagen Expertinnen und Experten. Dann wäre das Land besser darauf vorbereitet gewesen, mit dieser neuen Welle umzugehen.

„Unglücklicherweise hat das Bild, wie gut sich Indien bislang geschlagen hat, ein falsches Gefühl von Sicherheit ausgelöst“, erklärt Krutika Kuppalli. Sie arbeitet als Assistenzprofessorin an der University of South Carolina. „Ich hatte immer das Gefühl, dass Indien das Epizentrum dieser Pandemie werden würde.“ Die Epidemiologin Bramer Mukherjee betonte, dass Indiens „verfrühte Siegesfeier“ als Warnung für andere Länder dienen sollte. „Das Tückische an diesem Virus ist, dass man seine Wirkung nicht abwarten kann“, sagte sie. „Alle noch so kleinen Entwicklungen müssen beobachtet und verfolgt werden.“

Neue Genvarianten sind womöglich Hauptverursacher des enormen Anstiegs

Krematorium in Neu-Delhi, Indien, am 3. Juli 2020.
Krematorium in Neu-Delhi, Indien, am 3. Juli 2020.

Die sich schneller ausbreitenden Genvarianten des Virus sind vielleicht der Hauptverursacher des verheerenden Ausbruchs in Indien. Eine von ihnen, die Variante B.1.617, trägt Merkmale zweier Varianten in sich – der britischen und der südafrikanischen. Dies könnte dazu führen, dass die durch den Impfstoff oder frühere Infektionen gebildeten Antikörper eine Erkrankung mit dieser neuen Variante nicht verhindern können.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagen, die Variante zeige erste Anzeichen, dass sie leichter übertragbar sei als der ursprüngliche Stamm. „Diese neue Variante scheint infektiöser zu sein. Sie scheint auch jüngere Menschen zu erwischen, was die Zahlen deutlich nach oben getrieben hat“, sagte der Epidemiologe von der Universität von Toronto, Prabhat Jha.

Wissenschaftler im indischen Bundesstaat Maharashta identifizierten den Stamm B.1.617 erstmals im März. Zunächst gaben sie an, die Variante könne mit etwa 15 bis 20 Prozent aller Fälle zu dem Zeitpunkt dort in Verbindung gebracht werden. Im April hatte die Mutation laut der globalen Datenbank GISAID, die Coronavirus-Genome sammelt, aber bereits mehr als die Hälfte aller neuen Corona-Infektionen in Indien ausgemacht. „Die Doppelmutation ist jetzt in Kalifornien, sie ist in Großbritannien und ähnliche Varianten werden auf der ganzen Welt zirkulieren“, sagte Mukherjee.

Auch andere Stämme könnten die Ausbreitung des Virus vorantreiben. Wissenschaftler identifizierten erst kürzlich eine Variante mit drei Schlüsselmutationen, die Variante B.1.618, im indischen Bundesstaat Westbengalen. Ebenfalls wurde die Variante B.1.36 in Bangalore festgestellt. Diese wurde bereits mit Reinfektionen in Verbindung gebracht.

Experten raten dem Land zu regionalen Sperren in den Gebieten, in denen sich die Varianten weit verbreiten. „Wenn Indien die Situation nicht in den Griff bekommt, betrifft das die gesamte Welt“, sagte Kuppalli. „Wir können so viele Reisebeschränkungen erlassen, wie wir wollen, aber das wird nicht verhindern, dass diese Genvarianten an andere Orte gelangen.“

Zusammenkünfte gaben den Varianten mehr Möglichkeiten, sich zu verbreiten

Holi, das hinduistische Frühlingsfest der Farben, in einem Tempel in Amritsar, Indien.
Holi, das hinduistische Frühlingsfest der Farben, in einem Tempel in Amritsar, Indien.

Im Frühjahr hatten die Mutationen reichlich Gelegenheit, sich in Indien zu verbreiten. Anfang des Monats drängten sich mindestens 50 Millionen Menschen entlang des Flusses Ganges zu einem religiösen Hindu-Fest. Über 2.000 Corona-Infektionen wurden mit dem Fest in Verbindung gebracht. Zudem hat der indische Premierminister Narendra Modi große Wahlkampfveranstaltungen abgehalten, darunter eine im März, die rund 800.000 Menschen anzog.

Hinzu kommt, so die Experten, dass viele Inderinnen und Inder es nicht mehr für nötig halten, sich weiterhin an Kontaktbeschränkungen zu halten oder Masken zu tragen. Eine Untersuchung im Januar ergab, dass 56 Prozent von 28.000 in Delhi untersuchten Personen positiv auf Antikörper des Coronavirus getestet wurden. Diese Erkenntnis veranlasste viele Menschen zu glauben, in Großstädten sei bereits eine Herdenimmunität erreicht worden, so Mukherjee.

„Viele Leute dachten im Dezember und Januar ‚Oh, wir haben alles unter Kontrolle‘“, sagte Jha. „Das stellte sich als ein Irrtum heraus. Einige Kolleginnen und Kollegen und ich hatten davor gewarnt, dass es zu einer neuen Welle kommen kann.“ Selbst Länder wie die Vereinigten Staaten von Amerika, Großbritannien und Israel, die bereits 40 bis 65 Prozent ihrer Bevölkerung geimpft haben, müssen sich bewusst sein, dass das Virus nicht verschwunden ist, so die Expertinnen und Experten. „Die eigentliche Lektion ist: Respektiert das Virus, respektiert die Wissenschaft“, sagte Jha. „Es gibt keinen anderen Ausweg.“

Ausbruch der neuen Welle konnte aufgrund des langsamen Impfstarts nicht verhindert werden

Menschen warten auf den Impfstoff im Kanwatia Hospital in Jaipur, Rajasthan, Indien, am 11. April 2021.
Menschen warten auf den Impfstoff im Kanwatia Hospital in Jaipur, Rajasthan, Indien, am 11. April 2021.

Seit dem Start des nationalen Impfprogramms hat Indien weniger als neun Prozent seiner Bevölkerung geimpft. Das ist angesichts der Größe der Bevölkerung nicht besonders überraschend. „Die Herausforderung, eine Milliarde Menschen zu impfen, ist einfach außergewöhnlich“, sagte Jha. Jedoch half der Mangel an empfundener Dringlichkeit seitens der Bevölkerung nicht, so die Experten. Einige Einwohner sahen nicht die Notwendigkeit, sich sofort impfen zu lassen. Andere waren skeptisch gegenüber den Nebenwirkungen des Impfstoffs.

Das Land hat seinen eigenen Impfstoff namens Covaxin zugelassen – noch bevor die klinischen Untersuchungen am Menschen abgeschlossen waren. Er ist ähnlich konzipiert wie der chinesische Sinovac-Impfstoff. Die Hersteller des Impfstoffes, Bharat Biotech und das Indian Council of Medical Research, geben an, dass der Wirkstoff zu mindestens 78 Prozent wirksam sei. Der Epidemiologe Prabhat Jha sagt jedoch, es bestünde noch Unsicherheit darüber, wie gut der Impfstoff wirklich funktioniere. „Wir wissen, dass ein ähnlich konzipierter chinesischer Impfstoff in Lateinamerika unterdurchschnittlich abschneidet. Es könnte durchaus sein, dass das gleiche Problem in Indien auftritt“, sagte er.

Die Impfbemühungen erfuhren zusätzlich einen Rückschlag, als die Infektionszahlen drastisch anstiegen, so Kuppalli. Das lag daran, dass das Gesundheitspersonal gezwungen war, sich auf die Behandlung der Erkrankten zu konzentrieren, anstatt den Impfstoff zu verabreichen. „Impfstoffe sind gut und wichtig. Wir müssen sie verteilen und ausweiten, aber man kann sich nicht aus einem Ausbruch herausimpfen“, sagte Kuppalli.

Indiens Gesundheitssystem war auf eine weitere Welle nicht vorbereitet

Prabhat Jha erklärte, das indische Gesundheitssystem sei nicht in der Lage, einen weiteren Ausbruch zusätzlich zur Impfstoffeinführung zu bewältigen. „Ihr müsst bedenken, dass es seit geraumer Zeit eine kontinuierliche Unterinvestition in das indische Gesundheitswesen gibt“, sagte er. „Indien hat, wie viele andere Länder auch, leider kein Schutzprogramm für Erwachsene.“ Das Land hatte ein kurzes Zeitfenster, als die Infektionszahlen niedrig waren, in dem es einfacher gewesen wäre, die Tests und die Versorgung mit wichtigen Medikamenten zu erhöhen, fügte Jha hinzu. Doch viele Regierungsbeamte nahmen fälschlicherweise an, die Bedrohung sei vorbei.

Jetzt ist die Situation vor Ort wahrscheinlich noch erschütternder, als es die offiziellen Zahlen andeuten. Testmängel verhindern, dass die Nation das Ausmaß des Ausbruchs quantifizieren kann. Eine Handvoll Ärzte sowie Journalisten und zahlreiche Angehörige der Erkrankten haben berichtet, die offiziellen Zahlen würden nicht die tatsächliche Anzahl an Todesfällen angeben. Den indischen Gesundheitsdienstleistern fehlen die Ressourcen, einschließlich Betten und Medikamente, um die Patientinnen und Patienten zu behandeln. „Wenn man die Daten und die Anzahl der Todesfälle unterschlägt und unterdrückt, kann man nicht wirklich abschätzen, wie viele Menschen am nächsten Tag im Krankenhaus auftauchen werden“, sagte Mukherjee. „Das behindert massiv die Möglichkeit, genügend Menschen mit Sauerstoff zu versorgen und die allgemeine Gesundheitsversorgung zu gewährleisten.“

Experten sagten, dass einige Ärzte in Indien — sei es aufgrund mangelnder Ausbildung oder schierer Verzweiflung — versucht haben, Medikamente zu verabreichen, die nicht gegen das Virus wirken. Angeblich wurden Mittel wie Ivermectin verwendet: ein Medikament, das zur Behandlung von parasitären Infektionen verwendet wird. „Ich habe Geschichten von Menschen gehört, die drei, vier, fünf, sechs Medikamente verschrieben bekamen, die sich überhaupt nicht als wirksam erwiesen haben“, sagte Kuppalli. „Ich glaube, die Leute greifen einfach nach allem Möglichen. Das macht das Chaos und die Angst aber nur noch größer.“

Jha gab an, dass es auch einen finanziellen Anreiz geben kann, Patienten in kritischem Zustand Medikamente anzubieten. „Wenn ein Szenario wie dieses entsteht, verzweifeln viele Menschen“, sagte er. „Dann gibt es leider auch immer unseriöse private Anbieter, die das ausnutzen wollen und alle Arten von Behandlungen anbieten – egal ob sie funktionieren oder nicht.“ Währenddessen sind Medikamente, die wirksam sind, wie das antivirale Arzneimittel Remdesivir, sehr stark gefragt, so Kuppalli. Es gebe einen riesigen Schwarzmarkt für Remdesivir. „Ich habe die Sorge, dass das jetzt auch für Impfstoffe passieren könnte.“

Dieser Artikel wurde von Julia Knopf aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.