Diese Studie belegt nicht den Abbau von Impf-Spikes mittels Nattokinase

Impfskeptiker verbreiten online immer wieder falsche und irreführende Informationen zu mRNA-Impfstoffen und den im Körper produzierten Spike-Proteinen. Anfang Januar 2023 verbreitete sich online die Behauptung, das Nahrungsergänzungsmittel Nattokinase sei in der Lage, die Spike-Proteine abzubauen. Das soll angeblich eine japanisch-taiwanesische Studie gezeigt haben. So erhoffen sich die User, eine vermeintlich "toxische" Wirkung der Impfung zu neutralisieren. Expertinnen und Experten erklärten jedoch gegenüber AFP, der neutralisierende Effekt sei nicht aus der Studie abzulesen. Eine übermäßige Einnahme von Nattokinase berge zudem gesundheitliche Gefahren.

Dutzende Nutzerinnen und Nutzer haben die Beiträge zu Nattokinase auf Facebook geteilt. Auch auf Telegram und Twitter verbreitete sich die Meldung weiter.

Die Behauptung: "Spike-Killer: Wundermittel Nattokinase", schreibt ein User auf Facebook. Das Mittel sei bereits in der Vergangenheit als Blutverdünner bekannt. Nun hätten angeblich Forschende herausgefunden, dass "die toxischen Spike-Proteine, die durch die mRNA-Impfungen hergestellt werden, durch Nattokinase abgebaut werden können". Ein ebenfalls dazu kursierender Blog-Artikel beschreibt die Spike-Proteine als gefährlich und verantwortlich für die Zerstörung der "körpereigenen Immunabwehr". Als vermeintliche Lösung verweist der Artikel auf einen Onlineshop, der Nattokinase anbietet.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 20. Januar 2023

Falschinformationen zu mRNA-Impfstoffen und insbesondere den Spike-Proteinen verbreiten sich immer wieder im Netz. AFP überprüfte in der Vergangenheit bereits Behauptungen, wonach sich die Proteine angeblich über die Muttermilch übertragen oder sich Corona-Impfstoffe angeblich von Geimpften auf Ungeimpfte übertragen ließen. Faktenchecks zu Impfstoffen sammelt AFP hier.

Was steht in der Studie?

Bei der Nattokinase handelt es sich um ein Enzym aus dem traditionellen japanischen Lebensmittel Natto, welches aus fermentierten Sojabohnen hergestellt wird.

Das Enzym wurde in einer im August 2022 veröffentlichten Studie namens "Degradative Effect of Nattokinase on Spike Protein of Sars-CoV-2", untersucht, die abbauende Wirkung von Nattokinase auf das Spike-Protein von Sars-CoV-2 zum Thema hatte.

In der Zusammenfassung der Studie heißt es: "Sars-CoV-2 besitzt ein Spike-Protein (S-Protein) und die Spaltung des Spike-Proteins ist essentiell für das Eindringen des Virus in die Zelle (...). In dieser Studie haben wir den Effekt der Nattokinase auf das Spike-Protein von Sars-CoV-2 untersucht."

Eine AFP-Anfrage an die Autorinnen und Autoren der Studie blieb bis zur Veröffentlichung dieses Faktenchecks unbeantwortet.

Die Mehrheit der Autoren forscht laut der Wissenschaftsdatenbank PubMed an der japanischen Josai Universität in Saitama. Auch dem taiwanesischen Unternehmen Contek Life Science Co., sowie der japanischen Firma CellMark Japan, welche auf die Produktion von Nattokinase spezialisiert sind, werden einige Studienautoren zugeordnet.

Screenshot der Website von PubMed: 17. Januar 2023

Frederic Altare, Leiter der Abteilung für Immunologie am Forschungszentrum für Krebsforschung und Immunologie im französischen Nantes-Angers (CRCINA), erklärte am 16. Januar 2023 zu der Nattokinase-Studie: "Diese Studie soll die Wirkung dieses Moleküls, das als Nahrungsergänzungsmittel verkauft wird, beschreiben, um zu zeigen, dass es im Labor das Spike-Protein abbauen könnte. Ohne das Spike-Protein kann das Virus keine Zelle mehr infizieren, daher hoffen die japanischen Forscher, dass dies der erste Schritt zur Entwicklung eines antiviralen Mittels gegen Sars-Cov-2 ist."

Tatsächlich liefern auch die sogenannten Messenger-Ribonukleinsäure-Impfstoffe, abgekürzt mRNA-Impfstoffe, dem Körper den Bauplan eines Coronavirus-Spike-Proteins. Der Körper baut dieses dann für begrenzte Zeit nach, das Immunsystem erkennt es und reagiert darauf. Dabei lernt das Immunsystem, sich auch gegen das echte Virus zu wehren. Durch diese Immunreaktion wird der Körper trainiert, um im Falle einer Infektion das Coronavirus effektiv und sofort bekämpfen zu können. Die Impfstoffe von Pfizer-BioNTech oder Moderna nutzen dieses Verfahren. Das folgende Video von AFP erklärt genauer, wie die mRNA-Impfstoffe funktionieren.

Die Impfstoffe enthalten daher nicht selbst das Spike-Protein, sondern vermitteln Anweisungen aus der Messenger-RNA zur Produktion des Proteins. Das Spike-Protein allein ist zudem nicht pathogen, verursacht also keine Erkrankung und verschwindet schnell wieder aus dem Körper.

Aus der Nattokinase-Studie geht allerdings nicht hervor, dass das Nahrungsergänzungsmittel beim Kampf gegen Sars-CoV-2 bei Menschen helfen könnte. Online verbreiten User trotzdem die Annahme, dass Nattokinase dazu dienen könnte, die Wirkung von Corona-Impfungen aufzuheben, da diese die Produktion des Spike-Proteins im Körper anregen. Dieser Logik nach solle die Nattokinase angeblich auch das durch Impfung erzeugte Protein abbauen. Hierbei handele es sich aber um eine "Überinterpretation" der Studie, erklärten Expertinnen und Experten gegenüber AFP. Die Argumentation sei so nicht haltbar.

Studie mit begrenzter Aussagekraft

Die Nattokinase-Studie wurde "in vitro" durchgeführt. Das bedeutet, die Versuche fanden im Labor und nicht in einem lebenden Organismus statt.

Bernard Bégaud, emeritierter Professor für Pharmakologie der Universität Bordeaux in Frankreich, erklärte hierzu am 16. Januar 2023 gegenüber AFP, die Studienautorinnen und -autoren hätten für ihre Versuche hohe Konzentrationen von Nattokinase mit langen Inkubationszeiten verwendet und seien dann zum Schluss gekommen, dass so eine Wirkung auf das Spike-Protein nahe liege.

Ohne die Studie zumindest teilweise am Menschen durchzuführen, sei es aber völlig unmöglich, eine Aussage über die Wirkung der Nattokinase gegen Sars-CoV-2 zu treffen. Dies sei "weit weg von einer Versuchsdemonstration". Nur weil eine Behandlungsmethode "in vitro" ermutigende Ergebnisse zeige, bedeute das nicht, dass sie auch in lebenden Organismen funktioniere, besonders da in manchen Fällen die verwendete Dosis nicht an Menschen verwendet werden kann.

"Auch Bleichmittel sollen zum Beispiel sehr gut 'in vitro' gegen bestimmte Proteine wirken", erklärte Mathieu Molimard, Leiter der pharmakologischen Abteilung der Universitätsklinik Bordeaux, am 16. Januar 2023 gegenüber AFP.

Außerdem "verwenden die japanischen Forscher Zellen, die das Spike-Protein selbst produzieren", sie hätten aber kein Experiment durchgeführt, um zu zeigen, dass das Enzym auch auf das Virus wirkt, erläuterte Olivier Schwartz, Leiter der Abteilung für Virologie und Immunologie am französischen Institut Pasteur, am 16. Januar 2023 gegenüber AFP.

"Wenn man eine Protease (Anm. d. Red.: Enzym. das in Verdauungssäften vorkommt) und ein Protein mischt, kann die Protease, in diesem Fall die Nattokinase, das Protein abbauen oder zerschneiden. Das ist ein unspezifisches Phänomen, das schon seit sehr langer Zeit bekannt ist und nicht nur für Spike-Proteine, sondern für alle Proteine im Allgemeinen gilt", erklärte Schwartz weiter.

"In unserem Körper haben wir bereits viele Proteasen, das ist das Prinzip der Verdauung", so Oliver Schwartz. Alles, was der Mensch zu sich nehme, werde von Enzymen abgebaut, die Zucker, Proteine oder Lipide spalten. "Nattokinase zu essen, um neue Proteasen zu bekommen, wird also überhaupt nichts ändern."

Nattokinase trifft nicht auf Impfstoff

Die Wissenschaftler betonten zudem, die als Nahrungsergänzungsmittel aufgenommene Nattokinase würde lediglich in den Magen gelangen, wo sie verdaut wird. Daher könne sie nicht auf den Impfstoff treffen, der lokal in den Armmuskel gespritzt wird, oder auf diesen einwirken.

"Die Impfgegner glauben, dass das Spike-Protein im Blut verbleibt und dass man sich durch Entfernen des Spikes 'entimpfen' könnte. Aber das ist falsch, denn wenn das Spike-Protein aufgrund der von der Boten-RNA gelieferten Anweisungen produziert wird, verschwindet es danach schnell wieder", betonte Mathieu Molimard.

Auch Olivier Schwartz erläuterte: "Wenn man sich impft, lässt man die Spikes auf Muskelebene produzieren." Diese würden dann von den Zellen des Immunsystems abgefangen. "Der Verzehr eines Enzyms, das im Verdauungstrakt verbleibt, hat keine Auswirkungen auf den Impfstoff oder das Immunsystem."

Theoretisch müsse die Nattokinase gleichzeitig mit der Impfung injiziert werden, damit der Spike noch im Körper vorhanden ist, so Schwartz. Dann würde die Nattokinase aber wahrscheinlich "lokal Gewebe zerstören".

Frederic Altare warnte, dass hohe Dosen von Nattokinase auch negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben könnten. Auch Bernard Bégaud betonte, es sei nicht bekannt, welche Auswirkungen es habe, wenn man Nattokinase in hohen Dosen und über einen längeren Zeitraum hinweg zu sich nehme.

Corona-Impfung kann nicht rückgängig gemacht werden

Die von AFP befragten Forscherinnen und Forscher bestätigten, dass es nicht möglich sei, den Effekt einer Corona-Impfung rückgängig zu machen. Der Organismus habe bereits gelernt, Sars-CoV-2 im Fall einer Infektion abzuwehren.

"Wenn eine Impfung verabreicht wurde, haben die Zellen des Immunsystems gelernt, ein Antigen zu erkennen", erklärte Frederic Altare. Diese würden sich dann vermehren und im Körper verbleiben. Die einzige Möglichkeit, eine Impfung zu verhindern, sei es, alle Immunzellen eines Menschen zu zerstören und sie durch neue zu ersetzen, so Altare.

Mathieu Molimard kam zu dem Schluss: "Eine 'Ent-Impfung' wäre ohnehin nicht wünschenswert, da der Impfstoff seine Wirksamkeit gegen schwere Formen der Krankheit bewiesen hat." Als Beleg nannte Molimard eine im Juni 2022 erschienene Studie aus der Fachzeitschrift "The Lancet Infectious Diseases", die schätzt, dass die Corona-Impfung in ihrem ersten Jahr nach Einführung 19,8 Millionen Menschenleben gerettet habe.

Fazit: Die Studie weist nicht den Abbau von Spike-Proteinen mittels Nattokinase an Menschen nach, aus ihrem Aufbau lassen sich keine Rückschlüsse ziehen. Ein Verzehr von Nattokinase, die lediglich im Magen verdaut wird, habe Experten zufolge keine Auswirkungen auf einen Impfstoff, der in den Armmuskel injiziert wurde. Unter den Studienautorinnen und -autoren befinden sich Personen mit Verbindungen zu Produzenten von Nattokinase. Welche gesundheitlichen Auswirkungen ein übermäßiger Verzehr von Nattokinase hätte, ist nicht bekannt. Einige Experten befürchten negative Konsequenzen.