Warum diese Startups ihren Mitarbeiterinnen während der Periode freigeben

Der Großteil der Frauen leidet während der Regelblutung an Krämpfen oder ist energielos.
Der Großteil der Frauen leidet während der Regelblutung an Krämpfen oder ist energielos.

Immer, wenn Vollmond ist, würden besonders viele ihrer Kolleginnen einen Tag Period Leave nehmen, weil sie starke Schmerzen haben, sagt Roos Jansen im Gespräch mit Gründerszene. Sie hat bis Anfang 2022 zwei Jahre lang die Personalabteilung des Krypto-Startups Nuri (ehemals Bitwala) geleitet und diese Sondertage im Unternehmen eingeführt. Mittlerweile ist sie selbstständig.

Period Leave oder Power Days, wie es beim Münchner Putzmittel-Startup Everdrop heißt, sind bezahlte freie Tage, die Frauen nehmen können, wenn sie unter Menstruationsschmerzen leiden. Ein Großteil der Frauen tut das, in unterschiedlicher Weise: Bei manchen sind es Krämpfe im Unterleib, andere haben Rückenschmerzen oder können sich nur schwer konzentrieren. Diverse Studien zeigen, dass die Beschwerden die Arbeit der Befragten negativ beeinflussen. Wie stark und wie häufig ist nicht ganz klar: Mal ist das Ergebnis über 80 Prozent der Teilnehmerinnen, mal sind es nur 30 Prozent.

In Asien normal, in Europa eine Seltenheit

Die japanische Regierung hat 1947 per Gesetz bestimmt, dass Frauen während ihrer Periode nicht arbeiten müssen, sollten sie sich unwohl fühlen. In Indonesien bekommen Angestellte auf Wunsch den ersten und letzten Tag ihrer Periode frei. In Südkorea erhalten diejenigen, die ihren Menstruationsurlaub nicht einlösen wollen, sogar eine Art Ausgleichszahlung. Der CEO einer südkoreanischen Airline bekam voriges Jahr eine Geldstrafe, weil er seinen Mitarbeiterinnen dieses Recht verwehrt hatte.

In der westlichen Welt sind solche freien Tage nicht im Gesetz verankert. In Italien wurde eine entsprechende Vorlage nach langen Diskussionen 2017 abgelehnt. Einige spanische Behörden haben 2021 Period Leave für Tausende Kolleginnen eingeführt. In Deutschland sind es nur wenige Unternehmen, die diesen Mitarbeiterinnen-Benefit freiwillig anbieten. Nuri und Everdrop sind zwei Beispiele, The Female Company aus Berlin, die Hygieneartikel für Frauen verkauft, ein weiteres.

„Period Leave war ein indirektes Feedback aus der Belegschaft“, sagt Jansen von Nuri. Ihre Kolleginnen hätten in Chatgruppen immer wieder berichtet, dass sie sich während ihrer Periode schwertun, mehrere Stunden konzentriert in Meetings zu verbringen oder überhaupt zu arbeiten. Die Personalchefin habe sich daraufhin mit dem Thema Menstruationsurlaub beschäftigt und es im Sommer 2020 ihrem C-Level vorgeschlagen – damals bestehend aus zwei Frauen und vier Männern. „Die Rückmeldungen waren sehr positiv“, sagt sie. Auch im Team sei die Begeisterung groß gewesen, sowohl bei den weiblichen als auch männlichen Mitarbeitern. Denn die Männer würden die Probleme häufig von ihren Partnerinnen oder Schwestern kennen.

Erdbeer-Emoji im Slack-Status

Nuri verbucht die Tage im HR-System zwar als Period Leave, vor allem, um die Aktion tracken zu können, letztendlich wird der Menstruationsurlaub aber über Krankentage abgerechnet. Everdrop und The Female Company machen das genauso. Betroffene packen entweder für alle ersichtlich ein Erdbeer-Emoji in ihren Slack-Status oder melden sich kommentarlos bei ihren Vorgesetzten ab, um nur der HR wegen des Period Leaves Bescheid zu geben. Würde man Frauen für ihre Regelschmerzen gesonderte Urlaubstage oder ein zusätzliches Budget zur Verfügung stellen, wäre das in Deutschland ein Verstoß gegen das Gleichbehandlungsgesetz. Obendrein dürfen und sollen Arbeitgeber nichts über den Gesundheitszustand der Mitarbeiterinnen wissen, kritisieren Arbeitsrechtler.

Warum also nicht einfach krankmelden? „Wir wollen die Menstruation nicht als Krankheit betiteln, weil es keine ist“, so Everdrop-Mitgründer David Löwe. Die Münchner hätten bewusst den Projektnamen Power Days gewählt, weil die Regelblutung und damit verbunden das Kinderkriegen eine Superkraft von Frauen sei. Gleiches sagt auch die ehemalige Nuri-Personalerin Jansen. The Female Company sieht das lockerer. „Wir unterscheiden intern nicht groß zum Kranksein, sondern wollen damit lieber die Transparenz fördern“, heißt es von Marketing-Managerin Aline Schmid. „Bei uns weiß ohnehin jede, wie der Zyklus der der anderen ist.“ Das Tampon-Startup beschäftige etwa 80 Prozent Frauen. In Meetings spreche man offen über seine Regelblutung, denn aufgrund des Geschäfts sei das thematisch bedingt.

Den Menstruationsurlaub als Mitarbeiterinnen-Benefit anzubieten, begrüßen die Startups zwar. Marketingmanagerin Schmid kritisiert jedoch, dass es keine gesetzliche Regelung gibt. Denn diese Zeit als Krankheitstage abzurechnen, stigmatisiere Frauen trotzdem.

Alle drei Startups berichten, dass die Angestellten diese Option regelmäßig ziehen. Manch eine in jedem Zyklus, andere nur alle vier Monate, und manche bräuchten den Period Leave auch gar nicht. Neid trete in den Teams nicht auf, heißt es von allen Seiten.

"Es wird sich langfristig auszahlen"

„Unsere Power Days kosten zwar Geld, aber das wird sich langfristig auszahlen“, ist sich Everdrop-Chef Löwe sicher. Die Mitarbeiterinnen hätten das Gefühl, gut behandelt zu werden und seien motivierter. Das zeigen auch Beispiele aus anderen Ländern. Die Frauen würden ihren Arbeitgeber eher weiterempfehlen und blieben länger.

In ihren Stellenanzeigen kommunizieren Everdrop, Nuri und The Female Company den Benefit nicht. Löwe erzählt jedoch, dass das Startup kürzlich in einem Linkedin-Beitrag seine Power Days vorgestellt und erklärt habe – und so viele Likes wie sonst nie erhalten habe. Und bis auf eine Kritikerin fast durchgängig Lob und Danksagungen.

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