Diese Serien haben uns im letzten Jahr modisch am meisten inspiriert

Fawnia Soo Hoo
·Lesedauer: 8 Min.

Es ist Award-Saison – und wäre nicht immer noch Corona angesagt, würden wir jetzt wohl alle vor unseren diversen Bildschirmen hängen und uns von den Looks der Stars modemäßig inspirieren lassen. Als Nächstes würden wir uns vorstellen, in unseren eigenen (preisgünstigeren) Versionen der Outfits durch gut besuchte Restaurants, volle Bars oder (wenn wir uns besonders fancy fühlen) das Büro zu schlendern. Dadurch, dass IRL-Events mit rotem Teppich im vergangenen Jahr allerdings weltweit gecancelt wurden, mussten wir uns unsere Inspiration anderswo holen. Und wo sollte das zu Corona-Zeiten anderswo sein als auf Netflix & Co.? Während uns der Lockdown in die eigenen vier Wände zwang, haben wir die Außenwelt durch die Augen anderer über unsere Bildschirme erlebt – und sind in endlos hohen High Heels in Emily in Paris durch die Stadt der Liebe gestöckelt, haben dank zu enger Korsetts (und Regé-Jean Page) im Londoner Bridgerton unter Atemnot gelitten und durch Die Ausgrabung nicht nur historische Artefakte im ländlichen England, sondern auch unsere Liebe für Strickcardigans wiederentdeckt.

Natürlich ist das kein neues Phänomen; die Menschheit hat sich schon immer von TV-Fashion inspirieren lassen. Denk nur mal an Drei Engel für Charlie in den 70ern, Dallas und Der Denver-Clan in den 80ern, Der Prinz von Bel-Air, Friends und Sex and the City in den 90ern und frühen 00ern, und Gossip Girl, Mad Men und Scandal von den späten 00ern bis hin in die Mitt-2010er. All diese Serien haben auf ihre Art eigene Mode-Trends losgetreten. Ist es da wirklich so erstaunlich, dass wir uns als Zuschauer:innen – während die Hollywood-Elite den glamourösen Part ihres Privatlebens, von Partys bis zu Premieren, nicht mehr ausleben konnte –, während der Pandemie umso mehr Inspiration von fiktiven Charakteren, nicht realen Menschen geholt haben? Und tatsächlich schlägt sich das auch in Zahlen nieder: Die Beziehung zwischen Bildschirm & Style hinterlässt online nämlich eindeutige Daten.

Laut der globalen Shopping-Plattform Lyst sorgte der Oktober-Start von Emily in Paris nämlich zum Beispiel für einen Ansturm auf diverse Pieces, die der Titelcharakter (gespielt von Lily Collins) in der Serie trägt. Dazu gehören beispielsweise der grüne Schlangenprint-Minirock von Ronny Kobo, den Emily an ihrem ersten Arbeitstag trägt, und der grellpinke Denim-Rock von Chiara Ferragni aus Folge 9 – beide sind inzwischen ausverkauft. Die Suchanfragen nach ihrem Bucket Hat von Kangol schossen um ganze 342 Prozent in die Höhe; bei ihrem Ganni-Rock waren es 289 Prozent; ihre Jelly Snapshot Camera Bag von Marc Jacobs wurde um 92 Prozent häufiger gesucht.

Dass sich das TV-Publikum inzwischen mehr denn je für die Looks der fiktiven Menschen interessiert, bemerken auch die Kostüm-Designer:innen – zum Beispiel Michelle Cole, Kostüm-Designerin für die Serie Grown-ish, die im Juni 2021 auf Disney Plus nach Deutschland kommt. Seit die zweite Hälfte von Staffel 3 im Januar in den USA ausgestrahlt wird, spürt Cole deutlich, wie viele modebegeisterte Fans zusehen: Auf ihrem Instagram-Account und den Kanälen der Serie selbst kommentieren die Leute immer häufiger die Outfits aus der Show. „Das sind definitiv mehr Kommentare denn je“, sagt sie. Der Datenplattform Semrush zufolge nahmen die Suchanfragen nach „grown-ish outfits“ im Januar 2021 schlagartig um 93 Prozent zu – insbesondere in Bezug auf Zoeys (Yara Shahidi) Looks. Cole meint dabei, dass die Fans scheinbar besonders auf Mode stehen, die wir gerade eindeutig nicht selbst tragen können: Eyecatcher-Looks wie zum Beispiel Zoeys holografisches Kleid über einem regenbogenfarbigen Maschentop von Dolls Kills. Sprich: Outfits, von denen wir hoffen, sie in Zukunft irgendwann selbst tragen zu können – selbst wenn wir gerade noch in Jogginghose und Schlabbershirt rumhängen. „Die Klamotten der Serie entsprechen nicht dem, was gerade passiert, und diese Art von Kleidung gibt es aktuell kaum irgendwo zu kaufen“, sagt Cole.

Dabei beschränkt sich dieser Enthusiasmus für On-Screen-Styles nicht nur auf moderne Mode. Als im Dezember die neueste Shonda-Rhimes-Produktion Bridgerton an den Start ging, dominierte in der Fashionwelt vor allem eins: #Regencycore, Mode aus dem Großbritannien des frühen 19. Jahrhunderts. Laut Lyst schossen die Suchanfragen nach Korsetts um 123 Prozent in die Höhe, nach Perlen- und Feder-Haarreifen um 49 Prozent, nach Kleidern mit Empire-Taille um 93 Prozent. Die Marken Brock Collection und Erdem waren da ganz vorne mit dabei. „Ich habe Bekannte in England, die sich jetzt Fächer kaufen“, lacht die Kostüm-Designerin Lyn Paolo. Sie persönlich hat die Serie durchgesuchtet und bewundert die Arbeit ihrer Kollegin Ellen Mirojnick, die die damalige Mode für die Serie interessant neu inszeniert.

Paolo selbst wurde in der Fashion-Fan-Community berühmt, als sie für die Shonda-Rhimes-Show Scandal die Kostüme entwarf. Kerry Washingtons traumhafte, aber praktische Prada-Schultertaschen und edlen Designermantel wurden schnell zum Aushängeschild der Serie, und dank Paolos enger Beziehung zu großen Luxusmarken wie Ralph Lauren, Michael Kors und Christian Siriano kamen manche der Looks der fiktiven Olivia Pope noch ganz frisch vom Laufsteg. Als besonders auffällige Pieces (wie der ikonische weiße Burberry-Trenchcoat) also auf dem Bildschirm auftauchten, waren sie direkt zum Kauf verfügbar – und natürlich in Nullkommanix ausverkauft.

Paolo vermutet, dass der Enthusiasmus für Serien-Styles so schnell nicht verebben wird; tatsächlich liefert sie selbst direkt nach: Ihr nächstes Shondaland-Projekt ist Inventing Anna, eine Netflix-Miniserie, die den skandalösen Aufstieg der deutschen Fake-Erbin Anna Delvey porträtiert, die mit ihrem Betrug die New Yorker Elite eroberte. „Mode ist ein großer Aspekt der Show“, verrät Paolo schon jetzt.

Kein Wunder: Delvey stellte damals sicher, dass ihre teure, fragwürdig erworbene Garderobe alle Fashion-Highlights der Mitt-2010er beinhaltete, von Gucci-Sandalen bis hin zu Céline-Sonnenbrillen sowie Pieces, die zumindest nach Alaïa oder Balenciaga aussahen. Anhand Paolos vergangener Projekte schätzen wir, dass die Serien-Version der Society-Schummlerin – gespielt von Julia Garner – eine gehobenere, noch stylischere Ausgabe des Originals werden dürfte. Die Paparazzi-Pics der Schauspielerin am Set, samt roter Dior Lady Bag und Hahnentritt-Cape, deuten jedenfalls schon mal darauf hin.

Delveys Betrug wurde 2018 in einer Story der Journalistin Jessica Pressler im New York Magazine enthüllt. Paolo bediente sich für ihre Arbeit aber aus aktuellen Kollektionen, nicht aus Mode-Archiven auf den 2010ern. Heißt das, Delveys Looks gibt es für uns zu kaufen? … Vielleicht. Den Release der Serie auf die Verfügbarkeit der jeweiligen Kollektionen abzupassen, dürfte angesichts der Pandemie schwierig sein, und ein konkretes Datum gibt es für die Netflix-Produktion auch noch gar nicht. (Aber hey, zumindest via eBay oder andere Secondhand-Seiten dürfte da dann auf jeden Fall was zu machen sein.)

Auch das bevorstehende Reboot von Gossip Girl wird uns sicherlich jede Menge #fashioninspo liefern: Schon im November sorgten erste Fotos vom neuen Cast auf den Treppen des New Yorker Metropolitan Museum of Art dafür, dass gefühlt das halbe Internet versuchte, die Looks nachzukaufen. „Das ging so durch die Decke, weil die Leute alle zu Hause waren und die Fotos der erste Vorgeschmack der Serie waren“, meint Gossip-Girl-Kostüm-Designer Eric Daman.

Der begann seine Karriere als Assistent der Emily-in-Paris-Designerin Patricia Field, damals noch bei Sex and the City – eine Serie, die den Modegeschmack einer ganzen Generation prägte (und die ebenfalls bald ein Reboot bekommt). Als Designer für Gossip Girl (das Original) wurde Daman dann selbst zum kulturellen Influencer, und das in einer Zeit, in der Mode und Fernsehen näher denn je aneinanderrückten: Schauspieler:innen wurden immer mehr zu Style-Stars, was auch großen Modehäusern auffiel. Daman gehörte damals zu den Pionier:innen der Praxis, Runway-Pieces von etablierten und aufsteigenden Designer:innen auszuleihen – von Chanel und Valentino bis hin zu Proenza Schouler und 3.1 Phillip Lim.

„Wir verwandelten die TV-Serie in ein lebendes Editorial. Viele schalteten ein, um sich modisch inspirieren zu lassen und den gleichen Kitzel zu erleben, den früher nur Mode-Zeitschriften lieferten“, erklärt Daman. Seitdem hat sich der Kreislauf geschlossen, und die Gossip-Girl-Ästhetik beeinflusst inzwischen die Runway-Looks, von denen sich Daman damals inspirieren ließ – das ist zum Beispiel in der Herbstkollektion 2021 von alice + olivia by Stacey Bendet klar erkennbar, voller schultypischer Karo-Muster und Puffärmeln à la Blair Waldorf.

Fast ein Jahrzehnt nach dem Ende von Gossip Girl kreiert Daman für die Serien, für die er arbeitet, immer noch unerwartete Looks, die wir liebend gerne kopieren und nachkaufen. Dabei hilft es, dass er darunter immer wieder alltagstaugliche und preisgünstige Pieces einstreut – was sich auch in Serien wie Sex and the City und Emily in Paris durchgesetzt hat –, wie im Fall des neuen Gossip Girl zum Beispiel die weißen Kroko-Stiefel von Schutz Abbey, die Jordan Alexander auf dem Bild trägt, oder Savannah Smiths Plateau-Loafers von Sam Edelman.

Natürlich verzichtet Daman bei seiner Arbeit trotzdem nicht auf High-End-Designer- und Couture-Looks, wenn man den Paparazzi-Pics glauben darf. Im November wurde Jordan Alexander bei den Dreharbeiten zum Beispiel in einer Robe von Christopher John Rogers aus der Frühlingskollektion 2021 geknipst, Zion Moreno in einem blumigen Kleid von Giambattista Valli. Diese Outfits stillen unseren Appetit nach Red-Carpet-Looks – und wir freuen uns schon drauf, diese ganze Inspiration nach der Pandemie selbst in die Realität umsetzen zu können.

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