Auf diese pandemiebezogenen Fragen im Vorstellungsgespräch solltet ihr vorbereitet sein

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Die Pandemie hat uns alle auf die eine oder andere Weise betroffen. Und sie betrifft uns immer noch: Das Virus ist bisher genauso wenig aus der Welt verschwunden wie die Pandemie aus unseren Köpfen. Auch in nächster Zeit wird Covid-19 wohl Dauergesprächsthema bleiben – sogar bei Vorstellungsgesprächen. Das schreibt die Recruiterin und Karriereberaterin Jaclyn Westlake vom Karriereportal „The Muse“ in der US-Ausgabe von „Business Insider“.

Zusätzlich zu den typischen stellen- oder unternehmensbezogenen Themen könnten laut Westlake künftig Fragen zur Pandemie genutzt werden, um wichtige Eigenschaften wie Anpassungsfähigkeit oder Lernbereitschaft zu identifizieren. „Worauf die meisten Covid-19-bezogenen Fragen letztlich hinauslaufen, ist: Habt ihr die Qualitäten, von denen wir glauben, dass ihr sie braucht, um diesen Job gut zu machen? Dinge wie Produktivität, Arbeiten unter Druck, Belastbarkeit und Durchhaltevermögen?“, sagt Eleanor Meegoda, CEO und Lead Carreer Coach beim Stellen-Portal JobStep, zu Westlake.

Corona-Fragen als Eisbrecher

Die Autorin hat euch daher einige mögliche Fragen aufgelistet, die euch in Vorstellungsgesprächen erwarten können. Sie lassen sich in unterschiedliche Kategorien einteilen, je nachdem, auf welche Bereiche oder Fähigkeiten sie abzielen.

In der ersten Kategorie nutzen die Recruiter die Pandemie als Eisbrecher – ähnlich wie Jahreszeiten oder das Wetter: „Wie geht es Ihnen? Wie gewöhnen Sie sich an das Leben nach der Quarantäne?“ Das seien Smalltalk-Fragen und ihr solltet sie entsprechend behandeln, empfiehlt Westlake. Haltet eure Antworten also allgemein, vage und mehr oder weniger positiv. Es sei völlig in Ordnung, die Schwierigkeiten des vergangenen Jahres anzuerkennen oder Hoffnung über die Zukunft auszudrücken. Auch ein kleiner Hinweis, dass ihre endlich mal wieder eure Mutter umarmen oder auswärts essen gehen könnt, sei angemessen.

Ihr seid hier aber nicht verpflichtet, in die Tiefe zu gehen. Wenn ihr jemanden verloren habt, aber noch nicht darüber reden wollt, müsst ihr es nicht erwähnen. Und ihr solltet darauf achten, nicht zu viel über eventuelle Freizeitaktivitäten auf dem Höhepunkt der Pandemie reden: Wenn ihr euch ab und an über einige Corona-Richtlinien hinweggesetzt habt, sei es im Vorstellungsgespräch wohl besser, das für euch zu behalten.

Eine zweite mögliche Frage ist Westlake zufolge: „Wie hat die Pandemie Ihre beruflichen Ziele beeinflusst?“ Recruiter würden hier darauf abzielen, was ihr bei eurer nächsten Stelle sucht und wie das Unternehmen dazu passt. „Personalverantwortliche wollen wissen, dass ihr nicht nur an einer Stelle interessiert seid, weil ihr vor einem schlechten Arbeitgeber flieht oder einen Job kündigt, den ihr gehasst habt – auch wenn das vielleicht der Fall ist“, so Meegoda.

Ihr solltet hier also stärker die neue Rolle im Blick behalten: Wenn ihr dort beispielsweise an einem Produkt arbeitet, das mehr mit euren ökologischen Werten übereinstimmt, sei das eine passende Antwort. Oder wenn ihr im Zuge der Pandemie endlich den Schritt gewagt habt, von dem ihr schon seit Jahren träumt. Es müsse aber auch nicht zwingend etwas derart Drastisches sein, so Meegoda zu Westlake. Ihr könntet auch einfach sagen, dass euch das letzte Jahr in eurem Wunsch bestärkt hat, euch beruflich weiterzuentwickeln und so schnell wie möglich neue Fähigkeiten zu erlernen.

Eigenschaftsorientierte Fragen: Flexibilität, Belastbarkeit, Lernbereitschaft

Eine dritte Kategorie zielt nicht auf eure Ziele, sondern auf eure Eigenschaften als mögliches Teammitglied. Recruiter könnten euch beispielsweise fragen: „Wie haben Sie sich an das Arbeiten aus der Ferne gewöhnt?“ Dadurch wollen sie herausfinden, wie ihr mit Veränderungen, beispielsweise auch im Unternehmen, umgeht; ob ihr belastbar sein und Dinge nach und nach lösen könnt. Es sei also eine klassische, verhaltensorientierte Interviewfrage.

Als Antwort könntet ihr verschiedene Dinge erzählen, beispielsweise wie ihr euren Kleiderschrank in ein Home-Office umgewandelt oder die neue Kommunikation mit euren Teamkollegen gemeistert habt. Ihr solltet euch dabei aber an einen zusammenhängenden Rahmen aus vier Komponenten halten, empfiehlt die Autorin. Zunächst solltet ihr die Situation identifizieren, beispielsweise der plötzliche Umzug ins Homeoffice, und dann die vorliegende Aufgabe erklären — also, dass ihr vielleicht in einer Einzimmerwohnung lebt und euer Partner den ganzen Tag telefoniert. Dann solltet ihr die getroffenen Maßnahmen erklären, beispielsweise einen gemeinsamen Zeitplan oder geräuschunterdrückende Kopfhörer, und dann möglichst von einem positiven Ergebnis berichten.

Eine weitere fähigkeitsorientierte Frage sei: „Was haben Sie während der Pandemie gelernt?“ Seid ihr also in der Lage, durch Probleme und Hindernisse zu wachsen. Hier seien mehrere Antworte möglich, einmal der persönliche Weg — dass ihr beispielsweise die Zeit damit verbracht habt, ein neues Hobby zu entwickeln. Wenn ihr diesen Weg wählt, solltet ihr aber einen Bezug zu Erkenntnissen und Ergebnissen herstellen, beispielsweise, dass euch das Klavierspielen nach einem langen Tag entspannt.

Weiterbildungen seien ebenfalls eine gute Antwort, wie ihr beispielsweise aus der Not heraus eure technischen Kenntnisse erweitert habt und nun der inoffizielle IT-Experte in der Familie oder unter Kollegen seid, so Westlake. Und auch Erkenntnisse über euch selbst oder eure Arbeitsweise könntet ihr hier anbringen. Wie schone andere Fragen, verlange auch diese keine wahnsinnig beeindruckende Antwort. Vielleicht wart ihr in der Realität ja mit der Pflege von Angehörigen, Trauer oder virtuellem Lernen überfordert, was völlig legitim sei. Aber vielleicht habt ihr dabei zum Beispiel gelernt, dass ihr widerstandsfähiger seid, als ihr jemals gedacht hättet, so Westlake.

Und zuletzt in dieser Kategorie könnten Recruiter euch auch fragen, wie ihr während der Pandemie mit Stress umgegangen seid. Übersetzt also: Was tut ihr, wenn es schwierig wird? Auch das sei eine verhaltensorientierte Frage, bei deren Beantwortung ihr euch an das oben genannte Schema — Situation, Aufgabe, Maßnahme, Ergebnis — halten solltet, so Westlake. Ihr könntet beispielsweise erzählen, wie ihr im Home Office eure Zeiteinteilung überarbeitet habt und eure Tage nun besser plant. Aber auch Antworten wie „Joggen“ oder „True-Crime-Dokumentationen schauen“ seien völlig legitim.

Logistische Fragen: Büro, Home Office, hybrid?

Als letzte Kategorie gebe es noch gängige logistische Fragen, die auf die Arbeitsbedingungen in eurem neuen Job abzielen und ohnehin den Großteil Corona-bezogener Fragen ausmachen würden, so Westlake. „Wie denken Sie darüber, wieder ins Büro zurückzukehren?“ oder „Was würden Sie davon halten, auf unbestimmte Zeit von zu Hause zu arbeiten?“, seien hier Beispiele. Bei der ersten Frage würde euer neuer Arbeitgeber für die Stelle gern jemanden haben, der Vollzeit oder zumindest regelmäßig ins Büro kommen kann. Wird die zweite Option gewählt, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass das Unternehmen zumindest für einige Positionen auf eine permanente Remote-Arbeit umstellt.

In jedem Fall lohne es sich, nach den genauen Plänen für die Stelle zu fragen. „Wenn ihr in ein Büro zurückkehren wollt, könntet ihr sagen: ‚Ich bin sehr offen dafür, wieder ins Büro zu gehen, sobald die Dinge völlig sicher sind, ich würde gerne etwas über die Pläne Ihres Unternehmens zur Rückkehr ins Büro hören‘“, schlägt Eleanor Meegoda laut Westlake vor. Ihr könntet aber auch explizit nach den Richtlinien des Unternehmens in Bezug auf hybrides Arbeiten fragen. „Ich schätze die persönliche Zusammenarbeit sehr, aber ich habe festgestellt, dass ich am produktivsten bin, wenn ich von zu Hause aus arbeite. Idealerweise würde ich gerne eine Stelle finden, die es mir ermöglicht, sowohl vor Ort als auch von unterwegs zu arbeiten. Was sind Ihre Richtlinien für hybride Arbeitsformen?“, wäre Westlake zufolge eine mögliche Formulierung.

Eine letzte mögliche Frage von Arbeitgeberseite laute: „Welche positiven Dinge sind durch die Pandemie entstanden?“ Die Karriereberaterin findet zwar, dass die Frage eigentlich nicht gestellt werden sollte — schließlich haben Bewerber möglicherweise ihnen nahestehende Menschen verloren. Sie könne bei der Jobsuche aber durchaus auftauchen und bedeute nicht, dass die Fragensteller Böses im Sinn hätten. Auch hier solltet ihr euch also eine Antwort zurechtlegen, empfiehlt Westlake: Möglicherweise habt ihr die Zeit mit eurer Familie schätzen gelernt, ein neues Hobby entdeckt oder eine größere öffentliche Aufmerksamkeit für Diskriminierung oder soziale Ungleichheiten festgestellt. Bei allen Fragen sei es durchaus legitim, sich einen Moment Zeit zu nehmen — und das im Zweifelsfall auch zu kommunizieren. „Ihr könntet sagen: ‚Das ist eine tolle Frage. Kann ich mir einen Moment Zeit nehmen, um über meine Antwort nachzudenken?‘“, schlägt Meegoda vor. So könnt ihr einen geordneten Gedankengang entwickeln.

Gegenfragen können euch viel über die Unternehmnskultur verraten

Ihr seid aber nicht nur in der Position, Fragen zur Pandemie beantworten zu müssen, sondern könnt euren potenziellen Arbeitgeber auch selbst fragen, wie er die Pandemie bewältigt hat, so Westlake. Das könne euch viel über die Unternehmenskultur verraten. Etwa darüber, ob das Unternehmen selbst flexibel genug war, sich an die veränderten Bedingungen anzupassen, und ob es seinen Mitarbeitern entgegengekommen ist. Oder was von euch nach einem Onboarding erwartet wird und was eure Prioritäten sein sollen. So könntet ihr echtes Interesse an der Stelle zeigen.

Konkret könntet ihr fragen, wie sich die Pandemie auf die Vorgesetzten und ihre Teams ausgewirkt hat und wie sie sich auf die Pandemie eingestellt haben. Welche Strategien hat das Unternehmen angewendet, um im Home Office effektiv zu arbeiten? Außerdem könntet ihr fragen, wie die Pandemie die Unternehmenskultur beeinflusst hat und welche Auswirkungen sie auf das Unternehmen hat. Wie haben sich die Ziele und Prioritäten des Teams oder des Unternehmens verändert?

Und schließlich empfiehlt Westlake in ihrem Artikel noch eine Bonusfrage, die ihr euren potenziellen Arbeitgebern stellen könnt: „Wie geht es Ihnen?“ Wenn euer Gesprächspartner viele pandemiebezogene Fragen stelle, sei es wahrscheinlich, dass er oder sie selbst die Pandemie im Kopf habe. Auch Recruiter und Personalverantwortliche müssten die Ereignisse des letzten Jahres verarbeiten. Emotionale Intelligenz sei eine wünschenswerte Fähigkeit, also könntet ihr, wenn es sich richtig an anfühlt und der Zeitpunkt passt, ruhig auch zurückfragen.

Ganz grundsätzlich sei zu bedenken, dass es sich immer noch um ein professionelles Vorstellungsgespräch handelt, in dem ihr nicht eure Seele offenbaren müsst, so Westlake. Im Zweifelsfall würden Fragen also immer auf eure Fähigkeiten und Eigenschaften als Teammitglied abzielen – zum Beispiel Durchhaltevermögen, Belastbarkeit, Selbstreflexion, Anpassungsfähigkeit oder Lernbereitschaft – und sollten von euch auch in Bezug auf diese Eigenschaften beantwortet werden.

sb