Diese neun Chinesen verschwanden, weil sie Staatsführer Xi Jinping gefährlich wurden

Die Kommunitische Partei Chinas unter Staatsführer Xi Jinping lässt immer wieder berühmte Prominente verschwinden. - Copyright: getty/Wanmg He/Sander Koning/Fred Lee/Pascal Le Segretain, Staff/	Stephane Cardinale-Corbis
Die Kommunitische Partei Chinas unter Staatsführer Xi Jinping lässt immer wieder berühmte Prominente verschwinden. - Copyright: getty/Wanmg He/Sander Koning/Fred Lee/Pascal Le Segretain, Staff/ Stephane Cardinale-Corbis

Wer sich in der Volksrepublik kritisch gegenüber der Regierung äußert, für den wird es eng. Xi Jinping und seine Kommunistische Partei (KP) dulden keinerlei Kritik an Xis Person oder Politik. Dementsprechend viel Geld hat der Parteichef seit seinem Amtsantritt als Staatsführer 2013 in den Propaganda- und Überwachungsapparat gesteckt.

Auch technisch wird die Kontrolle der Bürger immer "professioneller": Das sogenannte Sozialkreditsystem soll Menschen zukünftig einen Punktabzug geben, wenn sie im Internet Kritik üben. Dann kann es sein, dass die Betreffenden keine Fernzüge mehr buchen oder Flugzeuge besteigen können. In einigen chinesischen Städten wurde dieses System schon zum Testen eingeführt; der Ausbruch der Coronoa-Pandemie hat eine flächendeckende Einführung noch verzögert.

Die Wirklichkeit zeigt jedoch, dass ein Punktabzug nicht das Schlimmste ist, was einem in der chinesischen Diktatur blühen kann. Immer mehr prominente Personen verschwinden, nicht nur, weil sie sich direkt kritisch gegenüber Machthaber Xi Jinping gezeigt hätten, sondern weil ihr Lebensstil, ihr Beruf oder sonstige Eigenschaften der Kommunistischen Partei nicht in den Kram passen.

Oberstes Ziel der KP ist, die Kontrolle über die Meinung der Gesellschaft zu behalten, sie zu steuern und im Zweifel durch gezielte Propaganda zu drehen – weshalb andere öffentliche Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Sport und der Unterhaltungsbranche mit vielen Followern und Fans nur so lange geduldet werden, wie sie der offiziellen Parteilinie treu sind. Üben sie Kritik oder gewinnen zu viel Macht, geschieht es nicht selten, dass sie plötzlich tage-, zum Teil sogar monatelang verschwinden. Manche tauchen nie wieder auf. Neun Beispiele:

Der Künstler Ai Weiwei

Der bekannte Künstler Ai Wei Wei (65) verschwand, nachdem er soziale Probleme in China kritisierte. Mittlerweile lebt er in England. - Copyright: Getty/Sander Koning
Der bekannte Künstler Ai Wei Wei (65) verschwand, nachdem er soziale Probleme in China kritisierte. Mittlerweile lebt er in England. - Copyright: Getty/Sander Koning

In Deutschland dürfte unter anderem durch seine Ausstellung auf der Documenta 2007 in Kassel der Künstler Ai Weiwei bekannt sein. 2011 wurde er für 81 Tage eingesperrt, konnte in dieser Zeit nicht einmal mit einem Anwalt sprechen. Im Jahr 2018 flüchtete sich Ai in die Bundesrepublik, von wo aus er wenig später weiter nach Großbritannien zog. Dort lebt er noch heute im Exil. Von offizieller Seite wurde Ai "Wirtschaftskriminalität" vorgeworfen, tatsächlich störte wohl die hohe Followerzahl in chinesischen Netzwerken. In seinen Posts machte der heute 65-Jährige auf soziale Themen und Versäumnisse der Regierung aufmerksam, versuchte zum Beispiel, die Fehler beim schweren Erdbeben 2008 in der Provinz Sichuan aufzuarbeiten, bei dem fast 70.000 Menschen gestorben waren.

Künstler sind normalerweise die ersten, die in das Visier von Autokraten und Diktatoren geraten, wird ihnen doch nachgesagt, die geborenen Dissidenten zu sein. In China ist allerdings niemand mehr gefeit gegen den Staatsterror ...

Der Alibaba-Gründer Jack Ma

Auch der Alibaba-Gründer Jack Ma (57) geriet ins Visier der Kommunistischen Partei, weil er sich in einer Rede kritisch zur Finanzpolitik geäußert hatte. - Copyright: Getty/Wang He
Auch der Alibaba-Gründer Jack Ma (57) geriet ins Visier der Kommunistischen Partei, weil er sich in einer Rede kritisch zur Finanzpolitik geäußert hatte. - Copyright: Getty/Wang He

Der auch in Deutschland bekannte Gründer des Online-Riesen Alibaba, Jack Ma, verschwand im Oktober 2020 von der Bildfläche, nachdem er in einem Interview Chinas Finanzsystem kritisiert hatte. Der extravagante Unternehmer, der bis dahin der reichste Mann in der Volksrepublik war, tauchte erst zwei Monate später wieder auf. Wo er – von den Behörden in der Zwischenzeit beobachtet – verbracht hatte, ist unbekannt. Seine Firma Alibaba wurde zu einer Rekordstrafe von 2,8 Milliarden US-Dollar verurteilt. Mit der Verhaftung Mas begannen die Schläge Xi Jinpings gegen die aufstrebende Tech-Industrie in der Volksrepublik.

Der Immobilienmogul Ren Zhiqiang

Immobilienmogul Ren Zhiqiang (heute 71) soll Xi Jinping in einem anonymen Essay einen "Clown" genannt haben. - Copyright: picture alliance/dpa/HPIC, Wang Huan
Immobilienmogul Ren Zhiqiang (heute 71) soll Xi Jinping in einem anonymen Essay einen "Clown" genannt haben. - Copyright: picture alliance/dpa/HPIC, Wang Huan

Neben Jack Ma traf es auch Wirtschaftsgrößen anderer Industriezweige: Der Immobilienmogul Ren Zhiqiang verschwand im März 2020. Ren, der selbst in den höchsten Kreisen der Kommunistischen Partei verkehrte, wurde später in dem Jahr wegen angeblicher Korruption und anderer Verbrechen zu 18 Jahren Haft verurteilt. Beobachter halten dies für vorgeschobene Behauptungen. Chinas Führung hält Ren Zhiqiang für den Autor eines Essays, das anonym im Internet publiziert wurde. Darin wurde Chinas Covid-Politik kritisiert und Xi Jinping als „Clown“ bezeichnet, „der keine Kleider anhat und trotzdem fest entschlossen ist, den Kaiser zu spielen“.

Die Geschäftsfrau Duan Weihong

Auch die in der Partei gut verdrahtete Geschäftsfrau Duan Weihong verschwand 2017 in Peking spurlos. Erst vier Jahre später erhielt ihr Ex-Mann einen Anruf von ihr. Laut einem Artikel der "New York Times" soll sie aufgrund von Korruptionsvorwürfen "außer-rechtlich" gekidnappt worden sein. Als tatsächlichen Grund nennen Angehörige, dass sie zu viele Geheimnisse von hohen Parteikadern kannte, die sie deshalb von der Bildfläche verschwinden ließen.

Der Millionär Xiao Jianhua

Der kanadisch-chinesische Millionär Xiao Jianhua (50) wurde im August 2022 zu einer Haftstrafe verurteilt. - Copyright: picture alliance/AP
Der kanadisch-chinesische Millionär Xiao Jianhua (50) wurde im August 2022 zu einer Haftstrafe verurteilt. - Copyright: picture alliance/AP

Diese außer-rechtlichen Kidnappings, wie im Fall der Geschäftsfrau Duan, wurden unter Xi Jinping laut "Financial Times" zu einer neuen Methode des chinesischen Staatsterrors. Im Zuge dessen soll auch der kanadisch-chinesische Millionär Xiao Jianhua 2017 aus seiner Luxus-Suite im Hongkonger Vier Jahreszeiten-Hotel entführt worden sein. Das war deshalb auch so ungewöhnlich, weil die chinesische Polizei ihn im eigentlich eigenständig verwalteten Hongkong verhaftete – ein Zeichen, wie die KP in der ursprünglich freiheitlichen Hafenmetropole ihre Macht ausweitet und sich dort einfach über Gesetze hinwegsetzt.

Im August 2022 wurde Xiao wegen angeblicher Korruption und anderer Anklagepunkte zu 13 Jahren Haft verurteilt. Brisant an seinem Fall ist, dass er Geschäftsbeziehungen in allerhöchste Parteikreise pflegte, bis hin zur Familie von Xi Jinpings Schwester, wie die China-Korrespondentin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Ende August schrieb. Offenbar befürchtete Xiao, ins Visier von Xi Jinpings Antikorruptionsaffäre zu geraten, welche in der Vergangenheit schon mehrfach zur Beseitigung unbequemer Geister gedient hat. Er erwarb bereits 2008 die kanadische Staatsbürgerschaft – was ihn jedoch nicht vor einem Prozess in China bewahrte.

Die Schauspielerin Zhao Wei

2015 führte "Forbes" Zhao Wei (46) als reichste Schauspielerin der Welt. - Copyright: Getty/Pascal Le Segretain
2015 führte "Forbes" Zhao Wei (46) als reichste Schauspielerin der Welt. - Copyright: Getty/Pascal Le Segretain

Die Maxime von Xis Politik ist es, dass niemand so mächtig sein darf, dass die Person ihm oder der Kommunistische Partei gefährlich werden kann. Das mussten auch Prominente erfahren, die in den sozialen Netzwerken nach Meinung der KP zu viele Follower haben. So verschwand die beliebte Schauspielerin Zhao Wei 2021 zwei Monate von der Bildfläche, nachdem ihre Web-Präsenz gesperrt worden war. Auf Weibo, einer Art chinesischem Twitter, hatte sie 86 Millionen Follower. Sie spielte in Fernsehserien und Filmen die Hauptrollen, war Sängerin und verdiente Millionen US-Dollar damit. Laut "Forbes" war sie 2015 sogar die reichste Schauspielerin der Welt.

Behauptungen, wonach sie nach Frankreich gegangen sei, widersprach sie in einem kurz darauf wieder gelöschten Post im Internet. Zhao Wei ist laut Partei angeblich für ihr "schlechtes Verhalten” bestraft worden und stand Medienberichten zufolge auf einer Liste mit Namen von Schauspielern, die aufgrund ihrer Prominenz und angeblicher Skandale zensiert werden sollten. Zhaos Filme und Serien sind seitdem im chinesischen Internet nicht mehr abrufbar. Auch Informationen zu ihrer Person sind weitgehend gelöscht.

Der Influencer Li Jiaqi

"König der Lippenstifte" wurde der erfolgreiche Kosmetik-Unternehmer und Influencer Li Jiaqi (30) genannt. Das Foto zeigt ihn im März 2021 in Shanghai  - Copyright: picture alliance / ZUMAPRESS.com; ChinaImages
"König der Lippenstifte" wurde der erfolgreiche Kosmetik-Unternehmer und Influencer Li Jiaqi (30) genannt. Das Foto zeigt ihn im März 2021 in Shanghai - Copyright: picture alliance / ZUMAPRESS.com; ChinaImages

Auch dem bekannten Make-up-Artisten Li Jiaqi wurden die Socialmedia- und Online-Shoppingkanäle gesperrt, nachdem er sich bei der kommunistischen Führung unbeliebt gemacht hatte: Am 4. Juni 2022 nahm er in einer seiner Verkaufssendungen ein Stück Eistorte entgegen, dessen Schokoladen-Dekoration an einen Panzer erinnerte.

Dieses Foto ging um die Welt: Ein Mann mit Einkaufstüte stellt sich den Panzern der sogenannten "Volksbefreiungsarmee" entgegen. - Copyright: picture alliance/AP, Jeff Widener
Dieses Foto ging um die Welt: Ein Mann mit Einkaufstüte stellt sich den Panzern der sogenannten "Volksbefreiungsarmee" entgegen. - Copyright: picture alliance/AP, Jeff Widener

Der 4. Juni ist der Gedenktag für die ermordeten Studierenden auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking im Jahr 1989. Sieben Wochen hatten Hunderttausende, nicht nur Studentinnen und Studenten, im Herzen der chinesischen Hauptstadt gegen Korruption und für mehr Freiheit demonstriert. Als die Bewegung zu groß wurde, gab die KP-Führung den Marschbefehl, den Platz zu räumen. Die Volksbefreiungsarmee rollte mit Panzern an, erschoss zahlreiche Demonstrierende. Offizielle Opferzahlen sind nicht bekannt, aber Menschenrechtsorganisationen schätzen basierend auf Augenzeugenberichten, dass Tausende Chinesen an diesem Tag niedergemetzelt wurden.

Bis heute ist es in China bei drakonischen Strafen verboten, über das Massaker zu sprechen. Auch Li Jiaqi war nach dem Schlag der Zensoren gegen seine Online-Präsenz nicht mehr auffindbar. Im westlichen Internet gibt es keine Informationen zu seinem gegenwärtigen Aufenthaltsort.

Die Tennisspielerin Peng Shuai

Die chinesische Tennisspielerin Peng Shuai (36) klagte an, von einem ehemaligen Vize-Premierminister vergewaltigt worden sein. - Copyright: Getty/Fred Lee
Die chinesische Tennisspielerin Peng Shuai (36) klagte an, von einem ehemaligen Vize-Premierminister vergewaltigt worden sein. - Copyright: Getty/Fred Lee

Auch der Fall der Tennisspielerin Peng Shuai sorgte für traurige Furore: Sie warf dem ehemaligen Vize-Premier Chinas, Zhang Gaoli, vor, sie sexuell belästigt zu haben. Durch Peng erreichte damit die #metoo-Bewegung auch die Volksrepublik; Fans zeigten Mitgefühl in den sozialen Netzwerken, bis die Zensurbehörde schnell und effektiv eingriff, Einträge dazu löschte. Pengs Äußerung gegen den hochrangigen Genossen wurde als Angriff auf die Partei verstanden, woraufhin die Sportlerin am 2. November 2021 aus der Öffentlichkeit verschwand. Im Februar 2022 veröffentlichte Peng ein Statement, in dem sie bekannt gab, mit dem Tennis aufzuhören. Gleichzeitig widerrief sie ihre Aussage, sexuell missbraucht worden zu sein.

Der Menschenrechtsanwalt Wang Quanzhang

Der berühmte Menschenrechtsanwalt Wang Quanzhang (heute 46) mit seiner Ehefrau Li Wenzu und ihrem Sohn im Februar 2015  - Copyright: picture alliance/AP Photo, Wang Quanxiu
Der berühmte Menschenrechtsanwalt Wang Quanzhang (heute 46) mit seiner Ehefrau Li Wenzu und ihrem Sohn im Februar 2015 - Copyright: picture alliance/AP Photo, Wang Quanxiu

Wer sich in China für die Menschenrechte einsetzt, kandidiert für eine Entführung: Der Menschenrechtsanwalt Wang Quanzhang verschwand im August 2015. Drei Jahre lang wussten seine Angehörigen nicht, wohin der Familienvater gebracht worden war. Wang war einer von 200 Anwälten, Rechtsberatern und Aktivisten, die sich für Menschenrechte in China einsetzten. Xi Jinping ließ sie verhaften beziehungsweise verschleppen, um allen Chinesinnen und Chinesen zu signalisieren, dass mit seinem Amtsantritt 2013 ein neues, totalitäres Kapitel in der Volksrepublik begonnen wurde. Erst im April 2020 kam Wang wieder frei, nachdem er 2019 wegen "Untergrabung der staatlichen Autorität” zu Gefängnishaft verurteilt worden war. Wangs Einsatz galt der armen Landbevölkerung, deren Interessen er vor Gericht vertrat. Ebenso übernahm er Fälle von Angehörigen der Falun Gong, einer Meditationsbewegung, die im atheistischen China wie andere religiöse und ethnische Gruppen massiv verfolgt wird.