„Diese Leute wollen eigentlich nicht regieren“ – Polittalk am Tag der Deutschen Einheit bei „Markus Lanz“

Auch am Tag der Deutschen Einheit lud Gastgeber Markus Lanz zum Talk im ZDF. (Bild: ZDF)

Die deutsche Innenpolitik nach der Bundestagswahl stand im Zentrum der Talkrunde von Markus Lanz am 3. Oktober.

Zu Beginn der Sendung thematisierte Lanz das „Spiegel“-Porträt über Martin Schulz: Journalist Markus Feldenkirchen (nicht anwesend) begleitete den SPD-Spitzenkandidaten über 50 Tage und zeichnete ein ungeschöntes, oft zwiegespaltenes Bild des Wahlkampfs und der Person Schulz. Journalist und Autor, Robin Alexander, bezeichnete das Porträt als „Meisterstück“: „Ich sehe [Schulz] nicht als Loser. Er hat an menschlicher Kontur gewonnen. Er hat natürlich schlimme Fehlentscheidungen getroffen in dem Wahlkampf und es war auch sein Wahlkampf. Aber er war nicht der falsche Kandidat als Person“, so Alexander. Schulz habe dadurch als Mensch und politisch gewonnen.

Der Komiker Atze Schröder sah das anders: „Teilweise liest es sich […] so hilflos. Es hat ein bisschen etwas, als würde eine Hallentournee von Pietro Lombardi geplant […] Es ist so dilettantisch, was da passiert. Der Mensch gewinnt vielleicht, aber ich erwarte doch von jemandem, der Bundeskanzler werden will, mehr Professionalität, auch im Umgang mit der eigenen Person.“ Alexander widersprach Schröder deutlich. Zudem kritisierte er die SPD: Die Schuld am Wahldebakel habe die Partei viel mehr bei sich selbst zu suchen als bei ihrem Spitzenkandidaten.

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FDP und Grüne wollen keine Koalition

Die Situation, in der sich die deutsche Bundeskanzlerin befindet, beschrieb er folgendermaßen: „Merkel hat gewonnen, aber um sie rum liegt ganz viel zerbrochenes Spielzeug.“ Dadurch, dass die Kanzlerin mit ihren Positionen so weit nach links gerutscht sei, habe sie der SPD keinen Platz mehr gelassen und sie ins Abseits manövriert. Auch die Konstellation einer Jamaika-Koalition beurteilt Alexander als schwierig: „Christian Lindner von der FDP hatte sich vorgestellt, der schneidige Oppositionsführer zu sein, der starke Reden gegen die Große Koalition hält. Wird auch nichts.“

„Der will gar nicht in die Regierung?“, fragte Lanz. Darauf Alexander: „Ich glaube, er freundet sich vielleicht mit dem Gedanken langsam an, dass er muss. Aber wenn er sich es aussuchen könnte, würde er es nicht machen. Und bei den Grünen: Da ist mindestens die Hälfte der Meinung, dass die FDP eigentlich der ideologische Feind ist. All diese Leute wollen eigentlich nicht regieren.“

AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland stellte sich den kritischen Fragen des Moderators. (Bild: Becher/Wenn.com)

Von AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland wollte Markus Lanz wissen, was die Option von Neuwahlen für die AfD bedeuten würde. „Wenn wir bis dahin uns gut zusammenraufen, was nicht immer ganz einfach ist in einer jungen Partei, dann hoffe ich, wir würden mehr Stimmen bekommen als diesmal […]. Das kommt auch auf unser Auftreten an und ob wir als Fraktion in der Lage sind, Arbeit im Bundestag zu leisten und auch deutlich auszusprechen, was wir wollen.“

Einer der bekanntesten Sätze aus dem vergangenen Bundestagwahlkampf von Gauland lautete: „Wir holen uns unser Land zurück.“ Was das eigentlich bedeute, fragte der Moderator. „Auf allen Veranstaltungen von uns stehen Leute auf und sagen ‚Wir fühlen uns hier nicht mehr zu Hause. Wir trauen uns nicht mehr auf die Straße. Wir trauen uns nicht mehr in die U-Bahn’. Es gibt ein Gefühl der Veränderung, der kulturellen Entfremdung in diesem Land. Dem haben wir Ausdruck gegeben.“ Dann ergänzte Gauland, man könne den Satz des „Landes zurückholen“ auch anders interpretieren: „Wir wollen es nicht verlieren an Menschen, die hier nicht hingehören.“

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Dann stellte Lanz Gauland die Frage, warum die AfD gerade in Ostdeutschland so erfolgreich sei, obwohl die Ausländer-Quote in den meisten Ostgebieten gering sei. Es gehe nicht um die Situation im eigenen Dorf, sondern um die Bilder, die man im Fernsehen zu sehen bekommt: „Die Menschen fühlen sich von dieser kulturellen Entfremdung bedroht. Und das ist das Problem im Osten.“ Gauland betonte, er sei von Anfang an gegen die „Refugees Welcome-Politik“ gewesen, die von allen vertreten worden sei.

Dann erfolgte ein Themenwechsel: Comedian Atze Schröder erzählte von seiner zweimonatigen Weltreise und brachte etwas Urlaubsgefühl in die Talkrunde. Den Abschluss machte das Thema Gedächtnis: Eingeladen war Max Rinneberg, der bei einem Sturz die Erinnerungen an die ersten 17 Jahre seines Lebens verlor und am Krankenbett seine Mutter nicht erkannte. Wie das medizinisch vonstatten geht und wie das Gedächtnis funktioniert, erklärte Neurowissenschaftlerin Franca Parianen. „Je komplizierter so ein Gedächtnis ist, desto schwieriger ist es zu beschützen, desto anfälliger ist es für Beschädigungen. Das Problem ist halt: das episodische Gedächtnis – das biografische Gedächtnis ist ein Meisterwerk.“

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