Diese Kurve widerlegt nicht den menschengemachten Klimawandel

Dass der Klimawandel durch menschengemachte Treibhausgasemissionen verursacht wird, ist vielfach wissenschaftlich belegt. Aktuell kursiert eine Grafik in sozialen Netzwerken, die beweisen soll, dass die Erderwärmung nicht vom Menschen angetrieben wird, da es auf der Erde in früheren Zeiten deutlich wärmer gewesen sei. Die Darstellung gibt jedoch keine Auskunft über das Erdklima und endet zudem vor mehr als 100 Jahren.

Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben seit Anfang Dezember 2022 einen Beitrag auf Facebook geteilt (hier, hier), in dem der menschengemachte Klimawandel geleugnet wird. Die verbreitete Grafik soll belegen, dass die derzeitige Erderwärmung natürliche Ursachen hat. Das Posting wurde zuerst auf Twitter verbreitet, wo es tausendfach geteilt wurde. Auch auf Telegram sahen Zehntausende die Behauptung.

Die Behauptung: Der aktuell geteilte Beitrag enthält eine Grafik, die angeblich die Temperaturanomalien der vergangenen 9500 Jahre darstellt. Besonders warme Zeiträume im Vergleich zur Durschnittstemperatur sind mit roten Kreisen markiert. Am rechten Rand der Darstellung ist ein leichter Anstieg des Graphen aus einer länger andauernden Kaltphase zu erkennen. Dieser Bereich ist mit den Worten "angeblich 'beispiellose' Erwärmung des gegenwärtigen Klimas" beschriftet.

Im Beitragstext heißt es: "In den letzten 9.500 Jahre[n] war es fast immer wärmer als jetzt. Der kleine Aufwärtstrend ganz rechts ist das, was sie uns als Klimakrise verkaufen wollen. Die Mär vom menschengemachten Klimawandel ist der größte Betrug aller Zeiten."

Screenshot der Behauptung auf Facebook: 7. Dezember 2022

Immer wieder stellen Nutzerinnen und Nutzer in sozialen Netzwerken die Existenz des menschengemachten Klimawandels infrage. AFP prüfte in der Vergangenheit in diesem Zusammenhang bereits Behauptungen, wonach nicht der Mensch, sondern die Sonne oder Veränderungen in der Erdumlaufbahn für den Klimawandel verantwortlich seien oder dass CO2 keinen Einfluss auf das Klima der Erde habe. Faktenchecks zum Thema Klima sammelt AFP hier.

Grafik aus dem Zusammenhang gerissen

Die Grafik ist als Temperaturgeschichte von 7643 vor Christus bis 1885 beschrieben, die mehrere natürliche Warmzeiten enthält. Die Beschriftung suggeriert, dass es sich bei der aktuellen Erderwärmung um einen Anstieg handelt, der relativ betrachtet kaum ins Gewicht fällt.

Die Grafik ist aus mehreren Gründen irreführend. Tatsächlich zeigt sie nicht die historische Temperaturentwicklung auf der Erde, sondern visualisiert Daten aus einem Eisbohrkern aus Grönland, der Anfang der 1990er-Jahre gefördert wurde. Die Kurve bezieht sich auf die historischen Temperaturen in Zentralgrönland, nicht wie behauptet auf das gesamte Erdklima, wie Experten gegenüber AFP erklärten. Darüber hinaus sagt sie nichts über die aktuelle Entwicklung des Klimas aus, da die Darstellung im Jahr 1885 endet. Den jüngsten Anstieg der globalen Temperaturen, der auf die menschengemachten Treibhausgasemissionen zurückgeht, bildet die Grafik demnach gar nicht ab.

Kurve zeigt Bohrkerndaten aus Grönland

Die Erforschung des Klimas vergangener Epochen ist der Gegenstand der Paläoklimatologie. Sie bedient sich verschiedener sogenannter Klima-Archive, um Daten über die klimatischen Verhältnisse vergangener Zeiten zu erhalten. Das können Baumringe, Stalagmiten, Sedimente oder Bohrkerne aus Polar- oder Gletschereis sein. Das "Greenland Ice Sheet Project 2" (GISP2) war ein Bohrprogramm US-amerikanischer Forschungsinstitute, mit dem Eisbohrkerne aus dem grönländischen Eisschild gewonnen wurden.

GISP2 förderte unter anderem einen mehr als 3000 Meter langen Bohrkern zutage, der Informationen über das Klima auf Grönland der vergangenen 110.000 Jahre enthält. Die paläoklimatologischen Daten der GISP2-Bohrkerne bildeten in der Folge die Grundlage für zahlreiche Studien. Einige Studien rekonstruierten die historischen Temperaturen auf Grönland in den vergangenen 10.000 Jahren (hier, hier).

Auch der Geologe und Klimaforscher Richard B. Alley von der Penn State University im US-Bundesstaat Pennsylvania nutzte die GISP2-Daten in der Vergangenheit mehrfach für seine Forschung. Die aktuell geteilte Grafik verweist in der Überschrift auf eine von Alleys Publikationen. Sein Aufsatz mit dem Titel "Abrupt Climate Change" erschien 2004 in der Fachzeitschrift "Scientific American". Darin beschreibt Alley, aufbauend auf seinen Analysen der GISP2-Daten, wie sich das Klima Zentralgrönlands in den vergangenen Jahrtausenden mehrfach stark gewandelt hat.

Wiederkehrende Falschinformation

Alley erklärte am 7. Dezember 2022 per E-Mail gegenüber AFP, er erhalte seit zehn Jahren mehrere Anfragen pro Jahr zu dem Thema. Er verwies auf einen Beitrag auf einem Blog der "New York Times" aus dem Jahr 2010, in dem er sich ausführlich zu der irreführenden Grafik geäußert hatte. Damals sagte Alley: "Keine einzelne Temperaturaufzeichnung von irgendwoher kann die globale Erwärmung beweisen oder widerlegen, denn diese Temperatur ist eine lokale Aufzeichnung, und ein Ort ist nicht die ganze Welt."

Stefan Rahmstorf, Klimaforscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), erklärte via Twitter am 20. November 2022, die aktuell verbreitete Grafik zeige nicht die globale Mitteltemperatur und ende vor Beginn der modernen Klimaerwärmung: "Das gibt’s in vielen Varianten: Klimaleugner, die eine Paläoklimakurve posten, die nicht die globale Mitteltemperatur zeigt (oft ist’s Grönland), und schon vor der moderne[n] Erwärmung endet."

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Grafik kursiert seit Jahren im Netz

Die aktuell geteilte Grafik kursiert seit Jahren im Netz und wird in unregelmäßigen Abständen in sozialen Netzwerken geteilt. Das US-amerikanische Faktencheckportal "Carbon Brief", das sich auf Desinformation rund um den Klimawandel spezialisiert hat, hat die Verbreitung der Grafik 2019 in einem Faktencheck aufgearbeitet. Die Grafik geht auf eine Studie zurück, die 1997 im "Journal of Geophysical Research: Oceans" veröffentlicht wurde und in der die Autoren die Temperaturgeschichte Grönlands auf Grundlage der GISP2-Daten nachvollziehen.

Darauf bezog sich Don Easterbrook, emeritierter Professor für Geologie an der Western Washington University, 2010 in einem Text auf dem klimawandelskeptischen Blog "Watts Up With That", in dem er mit Hilfe von GISP2-Daten Aussagen über die Geschichte des Erdklimas zu treffen versucht. In Easterbrooks Text taucht ein Satz auf, der sich nahezu wortgleich in den aktuell geteilten Postings wiederfindet: "Beide Temperaturkurven zeigen, dass es in den letzten 10.000 Jahren praktisch immer wärmer war als heute." Easterbrook nennt als Quelle der von ihm verwendeten Daten Richard Alleys Studie zur Jüngeren Dryaszeit aus dem Jahr 2000. Diese Studie belegt jedoch nicht, dass es in den vergangenen 10.000 Jahren auf der Erde stets wärmer war als heute.

Zeitachse endet bereits vor aktuellem Temperaturanstieg

Der Zeitstrahl des Koordinatensystems der aktuell geteilten Grafik endet zudem im Jahr 1885, lange vor moderner Forschung zur aktuellen Erwärmung des Erdklimas. Die GISP2-Daten gehen einer Konvention der Paläoklimatologie folgend vom Jahr 1950 als Zeitpunkt der Gegenwart (Present) aus. Der früheste GISP2-Datenpunkt liegt bei 95 Jahren Before Present (BP). Ausgehend von 1950 wären 95 Jahre früher das Jahr 1855 – lange bevor irgendeine andere globale Temperaturaufzeichnung die moderne Erderwärmung zeigt. Woher die Jahresangabe 1885 in der Grafik stammt, bleibt unklar. Richard Alley bestätigte gegenüber AFP, dass die "Gegenwart" von GISP2 das Jahr 1950 ist, und dass die jüngste Temperaturangabe in der GISP2-Datenreihe daher 1855 ist.

Eine Studie von 2013, die 73 historische Temperaturrekonstruktionen aus der ganzen Welt mit Messdaten der jüngeren Vergangenheit kombiniert, zeigt eine andere Kurve als die in den aktuell geteilten Postings. Zwar wird auch hier deutlich, dass es in manchen Jahrtausenden auf der Erde deutlich wärmer war als heute, allerdings ist hier der menschengemachte Klimawandel und der abrupte Temperaturanstieg der letzten Jahrzehnte deutlich zu erkennen.

Globale Temperaturanomalien der letzten 11.300 Jahre im Vergleich zum historischen Durchschnitt (1961-1990) ( Marcott et al., Science 339 (2013), S. 1199)

Auch Geologe Alley erklärte, dass es auf der Erde tatsächlich über lange Zeit sehr viel heißer war als in der jüngeren Vergangenheit. Mit der Folge, dass weite Teile des Planeten für Menschen wegen der hohen Temperaturen unbewohnbar gewesen wären. Auch hier sei zusätzliches CO2 in der Atmosphäre der treibende Faktor der Erderwärmung gewesen, erklärte der Experte. "Die hohen Temperaturen in jenen vergangenen Zeiten wurden in erster Linie durch hohe CO2-Werte verursacht. Diese hatten aber natürliche Ursachen und die Erwärmung verlief viel langsamer als jetzt. Der derzeitige Anstieg ist nicht natürlich, sondern von uns verursacht."

Dass es in der Vergangenheit große Klimaveränderungen ohne menschliches Zutun gegeben habe, bedeute nicht, dass der Mensch nicht für den derzeitigen Klimawandel verantwortlich sein könne. Das Klima verändere sich aus vielen Gründen, erklärte Alley vor allem aber aufgrund der Veränderung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre. "Ich bin noch nie jemandem begegnet, der sagte: 'Brände sind schon immer auf natürliche Weise entstanden, also brauchen wir uns keine Sorgen um Brandstiftung zu machen'", sagte Alley.

Tatsächlich sind die Temperaturen auf der Erde in den vergangenen 50 Jahren so stark und in so kurzer Zeit gestiegen wie in den vergangenen 2000 Jahren nicht, wie der Weltklimarat IPCC in seinem sechsten Sachstandsbericht vom April 2022 feststellt. Der Bericht stellt die umfassendste Bewertung der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel dar. Nach Auffassung des IPCC wird sich die globale Durchschnittstemperatur in den kommenden zwei Jahrzehnten um 1,5 Grad erhöhen.

Die Autorinnen und Autoren überprüfen darin hunderte Studien, die in den Anmerkungen aufgeführt sind. Laut dem IPCC-Bericht gibt es "eindeutige" Beweise, dass Menschen das Weltklima erwärmen, indem sie fossile Brennstoffe verbrennen. Der IPCC beruft sich dabei auf die Arbeit Tausender Forscherinnen und Forscher aus der ganzen Welt – darunter auch Geologe Richard Alley.

Fazit: Die aktuell geteilte Grafik beweist nicht, dass die derzeitige Erderwärmung natürliche Ursachen hat. Sie zeigt eine Kurve, die auf Daten eines Bohrkerns aus Grönland beruht und hat wenig Aussagekraft für die globale Durchschnittstemperatur in den zurückliegenden 9500 Jahren. Die Darstellung endet vor dem Beginn des 20. Jahrhunderts und bildet den aktuellen Temperaturanstieg nicht ab. Der Mensch trägt Verantwortung für die aktuelle Erderwärmung.