Diese Karten beweisen keinen "Fake-Klimawandel"

In sozialen Netzwerken haben Nutzerinnen und Nutzer Ende Mai einen Vergleich zweier Wetterkarten geteilt, der zeigen soll, wie Medien die Erderwärmung lediglich inszenieren. Während eine mit dem Jahr 1986 datierte Karte grün gehalten ist, sollen ähnliche Temperaturen auf einer Karte aus dem Jahr 2022 orange angezeigt worden sein. Die Karten sind allerdings von zwei verschiedenen Medien und stammen aus den Jahren 2016 und 2021. Die globale Erderwärmung ist wissenschaftlicher Konsens. Der Sommer 2021 war laut europäischem Klimadienst Copernicus der heißeste gemessene in der europäischen Geschichte.

Die mediale Darstellung der Temperaturen in Schweden sei laut Postings in sozialen Netzwerken ein Beweis für die "fake Klima-Plandemie". Auf Facebook, Instagram und Twitter verbreiteten User die Behauptung von der medial überzogen dargestellten Erderwärmung. Auch auf Telegram sahen Zehntausende die Behauptung. User teilten die beiden Wetterkarten auch in zahlreichen weiteren Sprachen, etwa auf Englisch, Französisch, Schwedisch, Ungarisch, Rumänisch, Estnisch oder Koreanisch.

Die Behauptung: Die Postings vergleichen zwei Wetterkarten Schwedens miteinander. Auf der linken Seite eine angeblich aus dem Jahr 1986 stammende in grün gehaltene Karte, rechts daneben eine orange und rot eingefärbte Karte angeblich aus dem Jahr 2022. Dazu heißt es: "1986 war es 'normaler Sommer'. Heute färben sie die Karte rot und nennen es 'extreme Hitze'". Andere User bezeichneten die Erderwärmung als "Fake Klima-Plandemie".

Facebook-Screenshot der Behauptung: 03.06.2022

User stellen immer wieder die Existenz des menschengemachten Klimawandels infrage. AFP prüfte bereits Behauptungen, wonach die Erderwärmung natürlich und nicht ungewöhnlich sei oder dass für die Klimaerwärmung nicht der Mensch, sondern die Sonne oder Veränderungen in der Erdumlaufbahn verantwortlich seien. Auch Medien wurde bereits in der Vergangenheit unterstellt, mit selektiven Temperaturdaten die Situation besonders dramatisch darzustellen. Die aktuell geteilten schwedischen Temperaturkarten gehört ebenfalls in diese Reihe.

Der Vergleich der beiden Karten ist aber gleich aus mehreren Gründen irreführend. Zum einen sind die Jahreszahlen auf den Karten falsch: Die erste Karte wurde Ende Juli 2016 und die zweite Anfang August 2021 veröffentlicht. Zum anderen stammen die beiden Karten aus unterschiedlichen schwedischen Medien, die für ihre Wetterberichte unterschiedliche Farbcodes verwenden.

Karte aus dem Juli 2016

Mithilfe einer Bildrückwärtssuche fand AFP den Ursprung der linken Karte. Sie stammt aus einem Wetterbericht auf der Website des schwedischen Fernsehsenders "Sveriges Television" (SVT), der die gleiche grüne Karte in einer größeren Bildversion und besserer Qualität zeigt.

Die beiden Karten stimmen in allen Punkten überein: Die angezeigten Temperaturen sind identisch, ebenso wie die Wettersymbole oder der Buchstabe "H" in der Mitte der Karte (rot eingekreist). Das angegebene Datum unterscheidet sich hingegen (gelb eingekreist).

Auf Facebook geteiltes Posting der Behauptung links, Ausschnitt der Karte von SVT rechts, Hervorhebungen durch AFP (Screenshot: 03.06.2022)

Die Karte von SVT stammt allerdings nicht wie behauptet aus dem Jahr 1986, sondern zeigt die Wettervorhersage für den 21. Juli 2016.

Der Wettervorhersage von SVT für den 8. Juni 2022 zeigt auch, dass die Karten dort in grünen Farbtönen gehalten sind und nicht orange wie die rechte Karte, die in sozialen Netzwerken geteilt wird. Gleiches gilt für das durchsuchbare Online-Archiv der Wetterberichte der Website, das für bestimmte Tage in den Jahren 2021 und 2022 verfügbar ist.

Die Karten von SVT enthalten außerdem Wettersymbole wie Sonnen und Wolken, was bei der orangefarbenen Karte im aktuell geteilten Posting nicht der Fall ist.

Karte aus dem August 2021

Die zweite Karte stammt von einem anderen Medium. Eine umgekehrte Bildsuche mit der russischen Suchmaschine Yandex führte zu einem Tweet aus dem August 2021. Dort ist der Bildausschnitt etwas größer und erlaubt Rückschlüsse auf die Herkunft der Karte: Am oberen rechten Rand ist schwach die Ziffer "4" zu sehen, genauso wie eine Wettermoderatorin. Außerdem ist "Freitag", auf Schwedisch "Fredag", lesbar.

Karte mit größerem Ausschnitt, Hervorhebungen durch AFP, Twitter-Screenshot: 07.06.2022

Eine Suche nach der "4" im Logo führt zur Seite des schwedischen Fernsehsenders "TV4". Die Frau im Bild ist Madeleine Westin, eine der Wettermoderatorinnen des Senders. Das Archiv der von "TV4" ausgestrahlten Wetterberichte zeigt dieselbe orangefarbene Karte im Wetterbericht vom 13. August 2021. Details wie die Temperaturen stimmen überein, genauso trägt Westin dasselbe hellblaue Kleid und zwei Ketten.

Auf Facebook geteiltes Posting der Behauptung links, Ausschnitt der Karte von "TV4" rechts, Hervorhebungen durch AFP (Screenshot: 03.06.2022)

Die orangen Farbtöne sind für "TV4" nicht ungewöhnlich – sie sind bereits in anderen, früheren Wettervorhersagen zu sehen.

Heißester Sommer der Geschichte

Ende April 2022 stellte der europäische Klimadienst Copernicus (C3S) in seinem Jahresbericht fest, dass der Sommer 2021 mit einem Grad Celsius über dem Durchschnitt der letzten 30 Jahre der heißeste gemessene in der europäischen Geschichte gewesen sei. Es kam zu intensiven, mehrwöchigen Hitzewellen – in Sizilien kletterte die Temperatur auf einen (noch zu bestätigenden) Rekordwert von 48,8 Grad Celsius. Auch Spanien verzeichnete mit 47 Grad Celsius einen neuen Landesrekord.

In Italien, Griechenland und der Türkei kam es zu großen Waldbränden. Im Juli und August verbrannte eine Gesamtfläche von 800.000 Hektar, eine der stärksten Brandsaisons in Europa seit 30 Jahren.

"2021 war ein Jahr der Extreme, darunter der heißeste Sommer in Europa, Hitzewellen am Mittelmeer, Überflutungen und Winddürren in Westeuropa", erklärte dazu Carlo Buontempo, der Direktor des Klimawandel-Dienstes von Copernicus, wie AFP berichtete.

Während die Temperaturen vergangenes Jahr global 1,2 Grad über dem vorindustriellen Niveau gelegen hätten, seien es in Europa im Schnitt mehr als zwei Grad darüber gewesen, hebt der Bericht hervor.

Konsens über Erderwärmung

Die derzeit beobachtete Erderwärmung lässt sich nach derzeitigem wissenschaftlichem Kenntnisstand allerdings eindeutig auf den Menschen zurückführen. Der Weltklimarat IPCC veröffentlicht regelmäßig Berichte, die in der Wissenschaftsgemeinschaft als zuverlässige und anerkannte Quelle zur globalen Erwärmung angesehen sind.

Am 4. April 2022 veröffentlichte der IPCC den neuesten Teil seines sechsten Sachstandsberichts und rief darin dazu auf, weitreichende Maßnahmen zu ergreifen. Die Expertinnen und Experten schlagen strukturelle Änderungen vor, um eine Erwärmung um 3,2 Grad bis zum Jahr 2100 zu vermeiden, die einen Teil der Welt unbewohnbar machen könnte. Sie nennen Maßnahmen wie die Umstellung der Mobilität, Arbeit von zu Hause oder die bessere Isolierung von Gebäuden, die die Reduktion von Treibhausgasen zum Ziel haben.

Im ersten Teil dieses sechsten Sachstandsberichts, der am 9. August 2021 veröffentlicht wurde, hieß es: "Es ist eindeutig, dass der Einfluss des Menschen die Atmosphäre, Ozeane und die Landflächen erwärmt hat."

Hauptpunkte des Berichts des Weltklimarats ( AFP / Kenan AUGEARD, Sophie RAMIS)

Fazit: In unterschiedlichen Farben gehaltene schwedische Temperaturkarten widersprechen nicht der Erderwärmung. Die darin angegebenen Jahreszahlen sind falsch. Beide Karten stammen außerdem von unterschiedlichen schwedischen Medien. Die Wissenschaftsgemeinschaft ist sich einig, dass der Mensch Einfluss auf die Erwärmung der Erde hat.

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