Diese Investorin setzt auf E-Commerce-Startups, will aber keine Anteile

Michele Romanow Ende Mai 2022 auf der Münchner DLD-Konferenz. Hier stellte sie Clearco in einem Panel vor.
Michele Romanow Ende Mai 2022 auf der Münchner DLD-Konferenz. Hier stellte sie Clearco in einem Panel vor.

„Ich fand das Model Venture Capital schon irgendwie verrückt.“ Das sagt überraschenderweise eine Investorin: Michele Romanow ist eine der bekanntesten Gründerinnen Kanadas, hat als Business Angel Millionen in Digitalunternehmen investiert und sitzt als Jurorin in der kanadischen Version von „Die Höhle der Löwen“ – „Dragons‘ Den“ wie die Sendung dort heißt.

Ausgerechnet Romanow zweifelt am Prinzip Wagniskapital? Ja. Denn bekanntermaßen sei es bei VCs doch so, sagt sie in einem Videocall mit Gründerszene: „Die investieren in zehn Firmen, zwei davon werden echte Heroes, bei zweien kriegen sie ihr Geld gerade so zurück und sechs Firmen funktionieren gar nicht.“ Das sei nicht nur schlecht für diese sechs Firmen – sondern auch schade um das Geld, so Romanow.

Umsatzbeteiligung statt wertvolle Anteile

„Equity Dollars sind einfach viel zu wertvoll“, erklärt die Investorin ihre Sicht der Dinge weiter. „Wagniskapital sollte nur für Unternehmen ausgegeben werden, bei denen das Risiko groß und binär ist.“ Entweder es klappt und wird ein Riesending – oder es floppt komplett. Gehe es hingegen um das kalkulierbare Wachstum eines weithin erprobten Geschäftsmodells, dann empfehle sie eine andere Form der Finanzierung: Revenue Based Financing, deutsch: umsatzbasierte Wachstumsfinanzierung.

Genau das bieten Michele Romanow und ihr Partner Andrew D’Souza seit 2015 mit Clearco: Das Fintech ist global im Bereich umsatzbasierte Wachstumsfinanzierung aktiv und startete Anfang Juni auch in Deutschland. Hier wird Mariam Koorang das Geschäft leiten, ehemalige Managerin bei der Preisvergleichplattform Idealo. Im Juli 2021 investierte Softbank 215 Millionen Dollar in Romanows Unternehmen und gesellt sich damit zu Bestandsinvestoren wie Oak HC / FT, Highland Capital, Emergence, Founder's Fund und Inovia. Auch, wenn Clearco einen ähnlichen Service wie die Kapitalgeber Riverside Acceleration Capital, Uplift1 oder Round2 Capital anbietet, als Fonds würde sich das Unternehmen nicht bezeichnen.

Von 10.000 bis 20 Millionen Euro

Das Produkt von Clearco lässt sich als Startup-freundliche Kapitalspritze von 10.000 bis 20 Millionen Euro beschreiben. Ihr „Sweetspot“, wie Romanow sagt, liege zwischen 100.000 und zwei Millionen Euro. Im Grunde gibt es nur drei Kriterien, die Startups erfüllen müssen, um eine Clearco-Finanzierung beantragen zu können. Sie müssen:

  • mindestens sechs Monate im Geschäft sein,

  • 10.000 Euro Umsatz im Monat generieren

  • und ein digitales Geschäftsmodell haben.

Wer das erfüllt, kann online einen Antrag auf Finanzierung stellen. In Minuten. Statt stundenlang an Pitchdecks zu feilen und vor 25 verschiedenen Investoren zu präsentieren. „Die wertvollste Ressource eines Gründers ist Zeit“, sagt Romanow. Das wisse sie aus Erfahrung.

Clearco trifft Investmententscheidungen per KI

Geprüft werde der Antrag von einer Künstlichen Intelligenz, erklärt die Clearco-Chefin. Die Gründer geben der Software Zugang zu ihren Finanzdaten. Und die prüft dann: Funktioniert das Geschäftsmodell? Hat das Startup eine positive Bilanz? Wächst die Firma? Am Ende kann so binnen Tagen über eine Finanzierung entschieden werden. Ob der Gründer ein großes Netzwerk, an der WHU studiert, einflussreiche Eltern hat, oder eine Frau mit Migrationshintergrund ist, sei dem Algorithmus egal. Das führe dazu, erzählt Romanow, dass sie in etwa so viele Frauen wie Männer finanziert und erstaunlich oft Startups aus der Provinz – ein positiver Nebeneffekt, auf den sie und ihr Mann es nie angelegt hätten.

Im Gegensatz zu einem reinen VC verlangt Clearco keine Unternehmensanteile von den Startups. Anders als eine Bank wollen die Kanadier keine Zinsen und Garantien. Es gibt eine Pauschalgebühr von sechs Prozent des Finanzierungsbetrages und die Abmachung, dass Rückzahlung nur erfolgt, wenn das Unternehmen weiterhin Umsätze generiert. Und wenn das nicht der Fall ist? Dann sei das ihr Risiko, sagt Romanow achselzuckend und lächelt fröhlich in die Kamera. Bei den 9.000 Startups und den 3,9 Milliarden Dollar, die Clearco bereits investiert hat, sei das aber bisher nur sehr selten vorgekommen.

Clearco investiert etwa in E-Commerce

Das liege vor allem daran, dass Clearco grundsätzlich nur in funktionierende Geschäftsmodelle investiert, ausschließlich aus den Bereichen E-Commerce, Mobile Apps und Software-as-a-Service. Wolle jemand eine Mondrakete bauen und brauche Geld, um 500 Ingenieure anzuheuern, ohne zu wissen, ob die Rakete je fliegen wird – dann sei das ein Fall für die VCs, erklärt Romanow. Wolle ein Team hingegen nachhaltige Rucksäcke produzieren und online verkaufen, dann sei sie die richtige Ansprechpartnerin. Das Startup brauche zwar auch Geld, aber in allererster Linie, um Werbung zu machen.

„Hier ist die Situation einfach: Man weiß meistens schon, dass Werbung klappt. Auch, weil man die Anzeigen testen und entsprechend ausrichten kann.“ Insofern könne der Rucksack-Gründer im Gegensatz zum Raketen-Gründer recht sicher sein, seinen Umsatz bald zu steigern. Er kann die Finanzierung dann einfach zurückzahlen. Warum sollte er Anteile abgeben?

Zu viele Gründer hätten zu wenig eigene Anteile

Michele Romanow findet: Unternehmen sollten Gründern gehören. Zumindest zu großen Teilen. „Ideal wäre, wenn die Gründer ein Drittel, die Investoren ein Drittel und die Mitarbeiter ein Drittel der Anteile hätten. Die Realität ist aber oft: 95 Prozent der Anteile eines Startups gehören Investoren.“ Das sei dann nicht nur schade für Gründer, sondern oft auch anstrengend und kompliziert. Als Gründerin hat sie häufig auch selbst Investoren an ihren Startups beteiligt. Daher wisse die Kanadierin: "So oft Investoren behaupten, dass sie helfen wollen, so häufig stören sie auch die Entwicklung eines Startups.“

„Wir haben nichts gegen VCs“, fügt sie schnell hinzu, nichts spräche dagegen, sich zusätzlich zur Clearco-Finanzierung auch einen Investor an Bord zu holen. Clearco arbeite Hand in Hand mit Investoren und Business Angels, auf der Webseite des Fintechs werden Gründer-Persönlichkeiten als Venture Partner gelistet: Gary Vaynerchuck, Matt Salzberg, der Gründer von Blue Apron, Harry Stebbings von Stride VC.

Gerade in Anbetracht der aktuellen Situation, der weltweiten Verschlechterung des Investmentklimas, betont Romanow dann aber doch noch mal die Vorteile, die Clearco gegenüber der VC-Finanzierung biete: Keine Down-Rounds, also Finanzierungsrunden mit schlechteren Firmenbewertungen, keine Verwässerung, keine Preiskorrekturen nötig – „wenn man Kapital nutzen kann, das nicht die Bewertung der eigenen Firma beeinträchtigt, ist das doch ein viel besserer Weg“, so die Investorin.

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