Diese Frage hilft mir in Bewerbungsgesprächen herauszufinden, ob ich wirklich in dem Unternehmen arbeiten möchte

Unsere Redakterin stellt in Bewerbungsgesprächen vor allem eine Frage, um zu wissen, ob sie dort arbeiten möchte. (Symbolfoto) - Copyright: Getty Images/ monkeybusinessimages
Unsere Redakterin stellt in Bewerbungsgesprächen vor allem eine Frage, um zu wissen, ob sie dort arbeiten möchte. (Symbolfoto) - Copyright: Getty Images/ monkeybusinessimages

Es ist nicht lange her, da war ich auf der Suche nach einem neuen Job. Ich bewarb mich etwa bei zehn verschiedenen Unternehmen. Auf manche Bewerbungen bekam ich nie eine Antwort, andere sagten mir direkt ab und wieder andere vertrösteten mich erst nach fünf Monaten. Mit drei Unternehmen führte ich Bewerbungsgespräche. (Spoiler: Eines davon verschaffte mir meinen jetzigen Job als Redakteurin.)

Zu entscheiden, dass dieser und kein anderer Posten der richtige für mich ist, fiel mir tatsächlich ziemlich leicht – und das lag unter anderem an einer Frage, die ich zum Ende eines jeden Bewerbungsgespräches stellte. Sie lautet: Gab es in unserem Gespräch einen Punkt, an dem Sie dachten, dass ich nicht die Richtige für den Job sein könnte?

Bewerbungsgespräche: eine Zitterpartie für mich

Bewerbungsgespräche lösen bei mir in der Regel ein Wechselbad der Gefühle aus. Bekomme ich die Einladung zugeschickt, könnte ich im ersten Moment Freudensprünge machen – je nachdem, wo ich gerade bin, mache ich das auch. Kurz darauf folgt ein Moment der Klarheit: Es ist nur die Einladung zu einem Gespräch. Den Job muss ich mir erst noch sichern. Folgerichtig setze ich mich selbst unter Druck, weil ich mich bestens auf das Gespräch vorbereiten, einen guten Eindruck hinterlassen und zudem authentisch bleiben möchte.

In der Regel lese ich mir vor dem Gespräch alles Mögliche über das Unternehmen durch, stalke meine Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner in den sozialen Netzwerken, bereite Themen-Pitches vor und versuche mich auf gängige Bewerbungsfragen, die beispielsweise auf meine Stärken und Schwächen abzielen, einzustimmen. Denke ich an meine letzten Bewerbungsgespräche zurück, hatte ich allerdings zum Teil das Gefühl, dass ich besser vorbereitet war als meine Gesprächspartner. Und mit diesem Gefühl bin ich nicht allein.

Nur 40 Prozent der Bewerber haben das Gefühl, dass auch ihr Gegenüber vorbereitet war

2018 führte die Video-Recruiting-Plattform Viasto zusammen mit dem Marktforschungsinstitut respondi eine Umfrage mit mehr als 1000 Menschen durch, die erst vor Kurzem an Bewerbungsgesprächen teilgenommen hatten. Hier wurden sie unter anderem danach gefragt, ob sie das Gefühl hatten, dass Personaler und Vertreter der Fachabteilungen gut auf das Gespräch vorbereitet gewesen seien.

Das ernüchternde Ergebnis: Nur 40 Prozent konnten dem zustimmen. Bezogen auf die Geschäftsführung hatten sogar nur 29 Prozent das Gefühl, dass diese wusste, was sie im Gespräch tat. Bei den Vertretern der Fachabteilungen konnten gerade einmal 28 Prozent mit ihrem Auftreten überzeugen; bei den Personalern war es gerade mal jeder Vierte (24 Prozent).

Diese Zahlen zeigen eines sehr deutlich: In einem Bewerbungsgespräch haben sich nicht nur Bewerber zu beweisen, auch Unternehmen müssen sich von ihrer besten Seite zeigen und dem Bewerber den Job schmackhaft machen. In Zeiten des Fachkräftemangels umso mehr. Ansonsten droht, was auch die Umfrage zeigt: Mehr als ein Drittel der Befragten (36 Prozent) sagten die Stelle trotz eines erfolgreich geführten Gesprächs selbst ab. Jeder Fünfte tat das direkt nach dem Gespräch und 13 Prozent sogar, nachdem sie eine Zusage für den Job bekommen hatten.

Kein Bewerbungsgespräch gleicht dem anderen

Wenn ich in meinen wenigen Berufsjahren eines gelernt habe, dann, dass kein Bewerbungsgespräch dem anderen gleicht. Zu hundert Prozent darauf vorbereiten kann man sich also nie. Etwas Mut zur Improvisation gehört einfach dazu.

Mit einer Ausnahme: Was man nie dem Zufall überlassen sollte, sind die Fragen, die man den Vertretern des Unternehmens am Ende des Gesprächs stellen möchte. Diese sollte man meiner Meinung nach sorgfältig vorbereiten, um den bestmöglichen Einblick ins Unternehmen zu erlangen. Und wie die Viasto-Umfrage sowie meine persönlichen Erfahrungen zeigen, sollten sich Unternehmen eindeutig besser auf diese Fragen vorbereiten.

Ich frage beispielsweise sehr gerne danach, wie ein normaler Arbeitstag aussehen würde, wer in meinem Team arbeiten und wer mein direkter Vorgesetzter sein würde, was von mir erwartet wird und warum mein Gegenüber selbst gerne im Unternehmen arbeitet. Wenn die letzte Frage zugegeben schon ziemlich gut ist, um einen authentischen Einblick in die Unternehmenskultur zu erlangen, so ist meine liebste Frage in Bewerbungsgesprächen doch eine andere. Sie lautet: „Gab es in dem Gespräch einen Punkt, an dem Sie dachten, dass ich nicht die Richtige für den Job bin?“

Gab es in dem Gespräch einen Punkt, an dem Sie dachten, dass ich nicht die Richtige für den Job bin?

Gefunden habe ich diese Frage in den Tiefen des Internets bei meinen Vorbereitungen auf meine letzten Bewerbungsgespräche. Theoretisch soll sie dabei helfen, mögliche Zweifel des Gegenübers direkt aufzufangen und diese, wenn möglich, aus der Welt zu räumen. Das erhöhe die Chancen auf den Job enorm.

Praktisch vermochte diese Frage aber noch so viel mehr: Sie verriet mir extrem viel über mein Gegenüber, welches oftmals völlig unvorbereitet auf diese Frage reagierte – und dadurch umso ehrlicher antwortete. Und verhalf mir damit, Einblicke in das Unternehmen zu bekommen, die ich sonst wohl nie bekommen hätte.

Bewerbungsgespräch Nummer eins: „Ich frage mich, ob du zu feministisch bist“

So passierte es, dass ich am Ende des ersten meiner drei kürzlich geführten Bewerbungsgespräche besagte Frage stellte und mein Gegenüber damit ordentlich ins Schwitzen brachte. „Puh, du stellst aber gute Fragen, hier muss ich mich ja richtig anstrengen“, entgegnete er noch lässig zurückgelehnt. Man konnte ihm ansehen, wie es in seinem Kopf zu rattern begann.

Nach kurzer Bedenkzeit lehnte er sich nach vorne und antwortete: „Eigentlich war alles sehr gut, ich frage mich nur, ob du nicht etwas zu feministisch unterwegs bist.“ Heute kann ich über diese Antwort lauthals lachen. Nicht aber in diesem Moment. Die Frage sollte mir theoretisch dazu dienen, Zweifel auszuräumen. Praktisch erwies sich das als schwierig, denn: Ich bin Feministin.

Also erklärte ich ihm die Vorteile einer feministischen Sichtweise und wir beendeten das Bewerbungsgespräch kurz darauf. Sekunden später wusste ich: Hier möchte ich nicht arbeiten. Zumal er mein direkter Vorgesetzter gewesen wäre. Der Clue an der Geschichte ist, dass ich bis zu dieser letzten Frage tatsächlich überzeugt davon war, hier einen potenziellen neuen Arbeitgeber vor mir sitzen zu haben.

Bewerbungsgespräch Nummer zwei: „Ich habe Zweifel, ob du eher weg möchtest als zu etwas hin“

Trotz dieses ernüchternden ersten Bewerbungsgespräches wagte ich es in einem zweiten Bewerbungsgespräch bei einem anderen Arbeitgeber einmal mehr und fragte, warum ich nicht die Richtige für den Posten sein könnte. Erneut holte ich mir ein Lob für meine kreative Frage ein. Erneut erwischte ich meinen Gesprächspartner damit kalt. Und erneut bekam ich eine Antwort, mit der ich kaum umzugehen wusste. Zugegeben: Diese Frage erfordert einiges an Kritik- und Schlagfertigkeit.

So antwortete mein Gesprächspartner: „Ich frage mich, ob du eher von etwas weg möchtest als zu etwas hin.“ Ich war völlig überfordert mit dieser philosophisch anmutenden Antwort. Ist nicht jedes „weg-von-etwas“ ein „hin-zu-etwas“? Und überhaupt: Ist das nicht völlig egal? Ich sitze hier und möchte einen Job. In mir machte sich ein schlechtes Bauchgefühl breit. Ich fragte mich, ob man mich hier überhaupt brauchen würde und fühlte mich so gar nicht umworben.

Laut der Viasto-Umfrage bin ich mit diesem Wunsch im Übrigen nicht allein. 36 Prozent wünschen sich demnach, in einem Bewerbungsgespräch umworben zu werden. 74 Prozent wünschen sich zudem eine allgemein gute Gesprächsatmosphäre. Von der spürte ich nach dieser Frage nur noch herzlich wenig – und das, obwohl das restliche Gespräch mehr als gut lief. Einmal mehr zeigte mir die Frage auf den letzten Metern des Bewerbungsgesprächs, dass dieser Arbeitgeber im Zweifel nicht der Richtige für mich ist.

Bewerbungsgespräch Nummer drei: „Ich frage mich, ob du dich für diese Themen begeistern kannst“

Vor meinem dritten Bewerbungsgespräch überlegte ich mir gut, ob ich diese Frage tatsächlich noch einmal stellen soll. Bislang brachte sie mir eher Pech als Glück. Da sie aber so gut ankam und sie mir so tiefe Einblicke erlaubte, stellte ich sie aber auch hier. Rückblickend eine mehr als gute Entscheidung. Ich fragte also: „Gab es in unserem Gespräch einen Moment, in dem Sie dachten, dass ich nicht die Richtige für die Position bin?“

Ich konnte meiner Gesprächspartnerin ansehen, dass auch sie diese Frage noch nie gehört hatte. Sie nahm sich Zeit zum Überlegen und sagte dann: „Eine interessante Frage. Nein, bislang nicht. Ich frage mich nur, ob du dich auch für Karrierethemen begeistern kannst und über diese schreiben möchtest.“

Meine Gesprächspartnerin gab mir damit eine Steilvorlage und erlaubte mir, wie theoretisch gedacht, ihre Zweifel auszuräumen. Ich erklärte ihr, dass ich bislang zwar wenig Erfahrung darin habe, jedoch sehr neugierig darauf bin. Bis heute bin ich stolz auf diese ehrliche und souveräne Antwort. Endlich erfüllte die Frage ihren eigentlichen Zweck und ließ mich glänzen.

Und das sah anscheinend nicht nur ich so, denn: Heute ist eben jene Gesprächspartnerin meine Chefin. Ich sagte die anderen Jobmöglichkeiten ab, unter anderem, weil sie von den drei Gesprächspartnern als einzige souverän und professionell auf meine neue Lieblingsfrage in Bewerbungsgesprächen reagierte. Und ihre Zweifel mit den Karrierethemen? Die sollten mit diesem Artikel wohl endgültig ausgeräumt sein.