Diese Folgen hätte die Schließung aller Filialen von Galeria Karstadt Kaufhof für Mitarbeiter, Kunden und Innenstädte

Galeria Karstadt Kaufhof schloss im Sommer dieses Jahres eine Filiale am Stachus Karlsplatz in München. - Copyright: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann/SVEN SIMON
Galeria Karstadt Kaufhof schloss im Sommer dieses Jahres eine Filiale am Stachus Karlsplatz in München. - Copyright: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann/SVEN SIMON

Deutschlands letzter großer Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof sucht erneut Rettung in einem Schutzschirmverfahren und will das Insolvenzverfahren in Eigenregie verwalten. Das teilte ein Unternehmenssprecher am Montag in Essen mit. Auf den Handelsriesen kommen damit weitere Filialschließungen zu. Galeria-Chef Miguel Müllenbach sagte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", das Filialnetz müsse im Zuge des Schutzschirmverfahrens "um mindestens ein Drittel reduziert werden". Betriebsbedingte Kündigungen seien unvermeidbar. Der Konzern betreibt mit 17.000 Mitarbeitern im Moment noch 131 Warenhäuser in 97 deutschen Städten.

Zuvor hatte der letzte große deutsche Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof zum dritten Mal in Folge innerhalb von nur zwei Jahren Staatshilfe beantragt. Nur dieses Mal vergeblich. GKK habe sich mit dem WSF geeinigt, dass ein Schutzschirmverfahren die bessere Option sei. Wie Business Insider berichtete, stand die Bundesregierung einer weiteren Staatshilfe sehr skeptisch gegenüber, da Eigentümer René Benko bislang nur bereit war, 15 Prozent beizusteuern. Die Politik forderte jedoch 50 Prozent der Kreditsumme von Benko, die er nicht bereit war, zu zahlen. Die Pandemie, die hohe Inflation sowie explodierende Energiepreise haben dem sowieso schon angeschlagenen Konzern ordentlich zugesetzt.

Doch was passiert, wenn Galeria Karstadt Kaufhof sich im angekündigten Schutzschirmverfahren nicht entsprechend sanieren kann und gegebenenfalls alle Filialen schließen muss? Was bedeutet das für die Innenstädte, die Mitarbeiter und letztendlich die Kunden?

So würde sich GKKs Pleite auf Städte auswirken

Angesichts der brisanten Lage warnen kritische Stimmen vor den verheerenden Folgen, die eine Insolvenz und damit einhergehende Schließung aller Galeria-Filialen auf die Innenstädte sowie die Branche hätte. Ein vertrauliches Gutachten der Universität St. Gallen, das Business Insider exklusiv vorliegt, zeichnet diesbezüglich ein dramatisches Bild. Eine Simulationsrechnung über fünf Jahre habe ergeben, dass für den Fiskus und die Sozialkassen insgesamt Kosten in Höhe von etwa 2,4 Milliarden Euro entstehen würden. Mit einkalkuliert in die Rechnung sind Insolvenzgelder, Arbeitslosengelder, Sozialversicherungsbeiträge sowie die Lohnsteuer.

Weiter würden die Schließungen der derzeit 131 Standorte die voranschreitende Verödung der Innenstädte noch beschleunigen. Die Autorinnen und Autoren rechnen mit durchschnittlich 37 Prozent weniger Fußgängerinnen und Fußgängern in den Innenstädten. An einzelnen Standorten werde die Fußgängerfrequenz sogar über 50 Prozent abnehmen. Eine solche Entwicklung würde sich laut Studie auf die gesamte Branche negativ auswirken. Demnach würde der Nonfood-Einzelhandel rund 22 Milliarden Euro Geschäft einbüßen und es könnte indirekt zum Verlust von 130.000 Arbeitsplätzen kommen. Direkt betroffen wären die derzeit rund 17.000 Beschäftigten des Warenhauskonzerns. Eine Schließungswelle führe daher zu „gravierenden, negativen sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen“, lautet es im Fazit des Gutachtens. Die Gewerkschaft Verdi warnte schon vor einigen Jahren, dass ein potenzielles Aus von Galeria Karstadt Kaufhof mittelfristig weit über das Unternehmen hinaus der Branche schädigen würde.

Experten sind sich uneinig

Auch der Handelsverband Deutschland (HDE) hat sich für den Staatskredit ausgesprochen. Galeria sei auch für das Überleben anderer Geschäfte an allen Standorten wichtig. „Wir halten es für richtig, dass ein Unternehmen, das so viel Bedeutung für unsere Innenstädte hat, jetzt unterstützt wird“, sagte Hauptgeschäftsführer Stefan Genth der Deutschen Presse-Agentur.

Doch nicht jeder glaubt, dass ein Galeria-Aus durch die Staatshilfen noch verhindert werden kann. Und ebenso sind sich nicht alle einig, ob die Schließungen tatsächlich so dramatisch wären, wie sie prognostiziert werden. „Wenn ein Unternehmen dreimal hintereinander Staatshilfe beantragen muss, zeigt das, dass der Laden nicht zu retten ist. Das ganze Konzept des Warenhauses hat sich überlebt und man sollte es beerdigen“, wird der Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein in der „WirtschaftsWoche“ zitiert. Außerdem seien Warenhäuser angesichts der Entwicklungen der vergangenen Jahre lange nicht mehr so bedeutend für Kundenströme. „Deshalb sollten sich Politiker nicht mit der Drohung von Ladenschließungen erpressen lassen“, so Heinemann.

Nur begrenzter Rettungsschirm für die Mitarbeiter

Den 17.000 Beschäftigten dürfte das keinen Trost schenken. Inmitten eines Insolvenzverfahrens muss auch gegenüber langjährigen Mitarbeitern nur eine Kündigungsfrist von drei Monaten zum Monatsende eingehalten werden. Außerdem ist ihr Einkommen über das Insolvenzgeld nur für maximal drei Monate garantiert. Danach müssen sich die Mitarbeitenden arbeitslos melden. Ihnen steht zwar offen, die noch ausstehenden Gehälter zur Insolvenztabelle anzumelden – doch wann die Gelder tatsächlich ausgezahlt werden und wie hoch der Betrag ausfallen würde, ist unklar.

Allerdings steht es um den Arbeitsmarkt im Einzelhandel gar nicht schlecht, wie der Handelsverband Deutschland vermerkt. Daten zufolge weist die Anzahl der Beschäftigten im Einzelhandel eine seit Jahren „steigende Tendenz“ auf. „Entgegen allen Befürchtungen hat die fortschreitende Digitalisierung und Technisierung in der Branche offensichtlich nicht zu einem strukturellen Arbeitsplatzabbau geführt“, heißt es. Und das, obwohl die Nonfood-Branche, anders als der Supermarkteinzelhandel, die schlimmsten Folgen der Pandemie-Lockdowns abfedern musste. Laut Bundesagentur für Arbeit waren zum Stichtag am 31. Dezember 2020 rund 3,1 Millionen Menschen im Einzelhandel tätig. Und weiterhin werden Fachkräfte in der Branche mit offenen Armen begrüßt.

Was passiert mit Gutscheinen und Garantien im Falle einer Insolvenz?

Sobald ein Unternehmen Insolvenz anmeldet, führt laut der Verbraucherzentrale in der Regel zunächst der Insolvenzverwalter die Geschäfte weiter. Dieser prüft erst einmal, ob es einen Käufer für das Unternehmen gibt. Wenn Kundinnen und Kunden nun mangelhafte Ware zurückgeben wollen, muss die Forderung bei eben diesem Insolvenzverwalter eingereicht werden. Lehnt er die Reklamation ab, bleibt den Kundinnen nur der Weg zur Insolvenztabelle. Bei Voraus- oder Anzahlungen liegt es ebenso in der Hand des Verwalters, ob die Geschäfte weitergeführt werden. Bei nicht eingelösten Gutscheinen bleibt im Zweifelsfall nur noch die Anmeldung bei der Insolvenztabelle.

Bei Hersteller-Garantien gestaltet sich die Sache etwas einfacher. Laut der Verbraucherzentrale sind diese von der Insolvenz ausgenommen, weil sich der betroffene Kunde in dem Fall an den Hersteller selbst, nicht an den Händler, wenden sollte. In jedem Fall sollten Kundinnen und Kunden die Überbrückungszeit, sollte Galeria tatsächlich insolvent gehen, nutzen, um Ware schnell umzutauschen und Last-Minute-Gutscheine einzulösen – bevor die Filialen gar nicht mehr existieren.

Im November 2018 wurde die Fusion von Karstadt und Kaufhof vom Bundeskartellamt offiziell bestätigt. Zu dieser Zeit entstand auch der Tarifvertrag.
Im November 2018 wurde die Fusion von Karstadt und Kaufhof vom Bundeskartellamt offiziell bestätigt. Zu dieser Zeit entstand auch der Tarifvertrag.