Diese Allgäuer machen Millionenumsätze – auf Supermarktparkplätzen

Die Gründer von Numbat, Maximilian Wegener (l.) und Martin Schall. Das Bild sei bei der Feier der letzten Finanzierungsrunde entstanden.  - Copyright: Numbat
Die Gründer von Numbat, Maximilian Wegener (l.) und Martin Schall. Das Bild sei bei der Feier der letzten Finanzierungsrunde entstanden. - Copyright: Numbat

Zum Glück erkennt man Gründer verlässlich an ihren Turnschuhen. Martin Schall ist der einzige in Turnschuhen an diesem kalten Novembermorgen in der Lobby des Hotels Berlin Central District. Um ihn herum: sehr viele ältere Herren in anthrazitfarbenen Anzügen, die sich händeschüttelnd begrüßen oder auf ihren Handys herumtippen. Und ein paar junge Frauen, die Eintrittskarten scannen und benutzte Kaffeetassen abräumen. Eine Veranstaltung aus alten Tagen. Was also tut der Anfang dreißigjährige Gründer hier?

Für ihn sei der Deutsche Handelskongress ein wichtiger Termin, erklärt Schall. Hier seien sie alle, der Vorstandsvorsitzende der Rewe Group, der CEO der Metro AG, die Geschäftsführerin von Alnatura. Die müsse er sprechen. Und deshalb ist er aus dem Allgäu nach Berlin gekommen. Dafür, ergänzt er grinsend, habe er gestern aber auch einen Anzug und keine Turnschuhe getragen. Und was bespricht ein Gründer im Anzug mit den Größten des deutschen Handels?

Numbat will zwei Probleme auf einmal lösen

Martin Schall hat den Chefs der großen Einzelhandelsunternehmen ein Angebot zu machen: Er und sein Co-Gründer Maximilian Wegener stellen auf den Parkplätzen ihrer Filialen Schnellladesäulen mit Batteriespeicher auf, an denen Kunden E-Autos während ihres Einkaufs laden können.

„Unser Anspruch ist es, innerhalb von 15 bis 30 Minuten ein E-Auto von null auf 80 Prozent voll zubekommen. Und das kriegen wir hin mit unserer 800-Volt-Technologie“, sagt Schall. Numbat organisiere außerdem den Bau von Photovoltaikanlagen auf den Dächern der Supermärkte, die diese Ladesäulen speisen. Das Startup kümmere sich um sämtliche Genehmigungen und Bauanträge - und löse damit gleich zwei drohende Probleme: PV-Anlagen auf den Dächern von Neubauten sind bereits Pflicht, eine Nachrüstungspflicht alter Dächer könnte kommen. Und die zunehmende Anzahl der E-Autofahrer sucht nach Möglichkeiten, ihr Auto zu laden. Ein Supermarkt mit Schnellladesäule ist für sie also deutlich attraktiver als einer ohne.

So könnte es dann aussehen, wenn ein Numbat auf dem Parkplatz eines Supermarktes steht.  - Copyright: Numbat
So könnte es dann aussehen, wenn ein Numbat auf dem Parkplatz eines Supermarktes steht. - Copyright: Numbat

„Wo sollen die E-Autos alle laden?“

Wobei es den Gründern von Numbat aber eigentlich um mehr noch als das schicke USP für Supermärkte geht, sagt Schall. Das Allgäuer Startup hat nämlich wie jedes Impact-Unternehmen das große Ganze im Blick: Mit der Verbreitung der E-Autos drohe ein „Social Clash“, sagt Schall: „Tesla produziert innerhalb von 22 Stunden ein E-Auto“, erklärt er. Wo sollen die alle laden? Die Ladeinfrastruktur in Deutschland sei alles andere als bereit für den Boom.

„Elektromobilität und Ladeinfrastruktur wird nur dort aufgebaut, wo es sich rechnet“, sagt er weiter. Also in urbanen Gegenden, an Autobahnen und so weiter. Vernachlässigt werde der ländliche Raum. Erstens. Und zweitens: „Priveligiert sind die, die ein Einfamilienhaus haben und damit die Möglichkeit, eine eigene Wallbox auf ihr Grundstück zu bauen“, erklärt Schall.

Mehr als die Hälfte der Deutschen habe die aber nicht, sie wohnen in Mehrparteienhäusern, viele seien „Laternenparker“, wie er sagt, stellen ihre Autos an der Straße ab, wo etwas frei ist. Lademöglichkeiten gibt es da nicht und wird es wohl auch nicht geben. „Die Kommunen sagen: Das ist nicht unser Business. Wir sind keine Energieversorger.“ Und manche Kommunen verweisen ganz direkt auf private Flächen, wie etwa Supermarktparkplätze für den Aufbau einer Ladeinfrastruktur.

Gründer rechnet mit dreistelligem Millionenumsatz

Der große Clou an dem Angebot, das der Gründer aus Kempten für die Konzernleiter im Gepäck hat ist der: Die Händler kostet das alles nichts. Numbat verkauft nämlich nicht die Hardware, sondern verdient mit dem Verkauf des Stroms an die E-Autofahrer. Sie würden zwischen 40 und 60 Cent pro Kilowattstunde berechnen. Das sei ein gutes Angebot, so Schall, im Schnitt lägen die Preise in Deutschland derzeit zwischen 0,55 und 1 Euro.

So günstig kann Numbat dank der Batterien sein: Alle Numbats sind zu einem Schwarm zusammengeschlossen. So ergibt sich quasi ein riesiger Stromspeicher. In Zeiten, in denen gerade sehr viel erneuerbare Energie produziert wird und der Ökostrom an der Strombörse entsprechend billig ist, kauft Numbat ordentlich ein und füllt diesen Speicher. „Diesen Strom können wir dann zu dem Preis verkaufen, den wir möchten“, sagt Schall. Und nicht zuletzt sind auf den Ladekästen auch noch jeweils zwei Werbemonitore, an deren Vermarktung Numbat auch verdient.

Zwei Supermarktketten haben Schall und Wegener bereits überzeugt: Ab Januar wird Numbat je eine Schnellladesäule auf den Parkplätzen von rund 50 Filialen der süddeutschen Lebensmittelkette Feneberg aufstellen. Danach folgt Tegut mit 200 Standorten und jeweils zwei Säulen im Schnitt. Dieses Jahr setze Numbat damit rund zehn Millionen Euro um, berichtet Schall, nächstes Jahr plane er 150 bis 160 und das Jahr darauf eine Verdrei- oder Vervierfachung. Der Sales-Funnel sei sehr voll. Voller noch vielleicht nach seinen gewichtigen Treffen auf dem Handelskongress. „Das Geschäftsmodell ist profitabel und das Geld aus unserer Series A reicht auch noch eine Weile“, sagt er.

Harte Konkurrenz, noch härtere Bürokratie

Das sollte es auch, denn der Markt, in den sich Schall und Wegener begeben, ist natürlich nicht frei von Konkurrenz. Vor allem: Im Bereich der Schallladesäulen oder auch High Power Charching Stationen mischen bislang die ganz Großen vorne mit. Die meisten solchen betreibt bisher der Energieversorger EnBW, Energie Baden-Württemberg. Aktuell betreibt das Unternehmen nach eigenen Angaben 750 Schnellladesäulen in Deutschland, bis 2025 sollen 2.500 neue hinzukommen. Eon und der Energieversorger EWE aus Niedersachsen folgen mit mehr als hundert Stationen. Und auch die Autohersteller selbst wollen an dem Thema mitverdienen, Tesla baut beständig neue Ladesäulen in Deutschland, ebenso wie Ionity, ein Gemeinschaftsprojekt der großen Autohersteller BMW, Ford, Hyundai, Mercedes-Benz und Volkswagen. Längst ist auch ein Wettbewerb um begehrte Stellflächen an Autobahnen oder Supermarktparkplätzen entbrannt.

Darüber hinaus bekommt das Thema erneuerbare Energie zwar ständig Rückenwind von der Politik, vorne aber liegen oftmals auch Steine im Weg: „Zu schaffen macht uns vor allem das Thema Baugenehmigungen und Baurecht", sagt Schall. Nicht nur gäbe es in sechzehn Bundesländern sechzehn verschiedene Gesetzgebungen in Sachen Baurecht, auch auf kommunaler Ebene hätten Bürgermeister und Gemeinden sehr viel mitzureden, wenn es um Schaffung von Ladeinfrastruktur geht. Und nur so viel: Nicht alle Bürgermeister sind Fans von möglichst vielen Stromzapfsäulen in ihren Ortschaften.

Verzicht auf Konzernkarriere

Die grauen Männer aus der Lobby verziehen sich nach und nach in die Tagungsräume des Hotels. In einem davon werden heute noch Robert Habeck und Christian Lindner zu den Bossen der Konzerne sprechen. Martin Schall zuckt nicht, als eine Glocke läutet, um anzuzeigen, dass das Programm startet. Er erzählt weiter von seinem Startup und wirkt dabei sehr glücklich, nicht zu der grauen Masse zu gehören. Numbat sei seine „Geschäftsidee Nummer 86“, sagt er, im Scherz natürlich. Aber in Wirklichkeit hatte er schon länger mit dem Gedanken gespielt zu gründen, ehe er es wirklich getan hat.

Zuvor hat Schall eine beachtliche Karriere bei einem Maschinenbauer in Reutlingen hingelegt. Das Unternehmen beliefert Firmen wie Apple und Tesla. Er war dort Vorstandsreferent und später Geschäftsbereichsleiter, mit Verantwortung für mehrere hundert Mitarbeiter ist er drei Jahre ständig zwischen Shenzhen, dem Silicon Valley und der Schwäbischen Alb unterwegs gewesen. Dann flatterte das Angebot eines Vorstandspostens bei einem Schweizer Unternehmen rein.

„Das war der letzte Punkt, wo ich noch den Absprung schaffen konnte“, sagt er rückbickend. Den Absprung in die Selbstständigkeit. „50 Prozent meiner Freunde haben gesagt: Wie kannst du nur? 50 Prozent haben gesagt: Wie geil. Und keiner hat gesagt: Das würde ich auch tun.“ Schall kündigt und gründet. Ob er es je bereut hat? Er lacht: „Ich habe es bereut, im Konzern gewesen zu sein.“ Ja, dreißig Urlaubstage seien schön gewesen. Seit drei Jahren habe er quasi Null. Und ständig 80 Stunden Wochen. Und all das. Aber meistens trägt er jetzt Turnschuhe. Und das ist es offenbar wert.