„Die Welt bricht erst einmal zusammen“: Ex-Stabhochspringer Tim Lobinger bei „Markus Lanz“ über seine Krebserkrankung

Zu Gast bei Markus Lanz waren (v.l.n.r): Tim Lobinger, Margot Käßmann, Jalid Sehouli und Patrizia Schlosser. (Bild: Screenshot ZDF)

Bei „Markus Lanz“ sprach Spitzensportler Tim Lobinger über seine Krebsdiagnose – und darüber, wie man als Familienvater mit einer solchen Nachricht umgeht.

Es war eine Schockdiagnose für den ehemaligen Spitzensportler. 2017 wurde bei ihm eine besonders seltene und aggressive Form von Leukämie diagnostiziert. Nach fünf Chemotherapien und einer Stammzellentransplantation galt Lobinger als geheilt, vor wenigen Monaten wurde aber eine Rückkehr des Blutkrebses diagnostiziert.

Darüber, wie er damit umgeht und wie die Zeit vor der ersten Diagnose war, sprach er am Donnerstagabend bei „Markus Lanz“. Als Profisportler habe man stets ein Gefühl, dass einem etwas derartiges nicht passieren könne, erklärte er: „Es ist halt so ein bisschen das Sportler-Gen: Dass man in eine Rolle verfällt, auch ignorant dem eigenen Körper gegenüber und dem Leben wird. Wie? Ich gebe halt einfach Gas. Komfortzone gibt es nicht. Ich habe den roten Bereich geliebt, habe mich immer angetrieben, wollte immer meinen Körper beherrschen.“

Dabei sei ihm schon lange Zeit vor der Krebsdiagnose klar gewesen, dass etwas nicht stimme: „Vier Monate vor der Diagnose habe ich schon massiv abgebaut. […] Ich hatte allein schon sechs, sieben Wochen Nasenbluten und damit ein Signal bekommen, dass irgendwas nicht okay ist. Für mich war aber alles immer nur eine Kleinigkeit. So habe ich auch über den Krebs gesprochen und das vermittelt: Es ist nur ein Schnupfen.“ Für Lobinger gäbe es zwei Zeitrechnungen: die vor dem Krebs und die danach – den alten Tim Lobinger gäbe es nicht mehr.

Emotional wurde Lobinger, als in der Sendung alte Bilder gezeigt wurden. (Bild: Screenshot ZDF)

Körperlich war er vor der Diagnose bereits merklich beeinträchtigt, verharmloste die Situation aber dennoch weiterhin: „Ich konnte keine zwei Minuten mehr Ergometer fahren, war wirklich platt. Aber ich habe trotzdem sechs oder sieben Stunden am Tag arbeiten können […]. Für mich war das aber immer so: Es geht schon, der Körper kommt schon irgendwie hinterher, aber gerade ist die Connection halt schlecht.“

Ursprünglich habe er den Grund für seine gesundheitlichen Probleme in einem Burn-out gesehen. Wie es denn gewesen sei, die Diagnose Krebs zu bekommen, fragte Lanz den Ex-Sportler. „Skurril. Die Welt bricht erst einmal zusammen.“ Sein Arzt sei „sehr kontrolliert und ruhig gewesen“, als er ihm die Nachricht übermittelte.

Besonders belastend sei eine solche Nachricht für die Familie: „Die Krankheit trifft ja alle, die Familie und Freunde und das ist viel, viel schlimmer. Selbst mit dem Leben abzuschließen, ist ein schwerer Weg, aber das schafft man. Aber das Leid und die Frustration einer Tochter, das ist eine fast nicht mögliche Aufgabe.“

Die ersten Haarbüschel habe er bereits auf dem Weg von der Chemotherapie nach Hause in der Hand gehabt, erzählt der Ex-Sportler. Sein kleiner Sohn gewöhnte sich aber schnell an die Glatze: „Als wir die Haare abrasiert hatten, bin ich ins Wohnzimmer, er guckt mich an, kurz verwirrt, und sagt dann: ,Och, das ist Papa.’“

Der Mediziner Jalid Sehouli argumentierte, es sei am besten, mit Kindern Klartext zu reden und diese nicht zu sehr mit der Wahrheit verschonen zu wollen. Die Devise sei: Je offener, desto besser. „Wir sollten uns bewusst sein, dass Kinder extrem viel mitbekommen. Auch Kinder wissen, ob jemand ehrlich ist oder nicht ehrlich ist.“

Auch bei Theologin Margot Käßmann wurde 2006 Krebs diagnostiziert: „Als Theologin ist das ein altes Thema und du beerdigst viele Menschen. Aber dieses allgemeine Wissen, dass der Mensch sterben muss, wird eine sehr persönliche Nachricht.“ Wie sich die Beziehung innerhalb ihrer Familie dadurch verändert hätte, fragte Lanz. „Die Nähe ist noch größer geworden. Wir hatten immer eine enge Beziehung. […] Bei mir sind Enkelkind fünf und sechs unterwegs. Ich wusste immer, dass der Mensch sterben muss.“

Lobinger, der sich nun erneut einer Stammzellentherapie unterzog, blickt vorsichtig optimistisch in die Zukunft: „Man ist am Ende nur so krank, wie man sich fühlt. Ich brenne dafür, auch beruflich etwas zu tun. Ein Zeichen dafür, dass man auf einem guten Weg ist.“