Die Religion der YouTube-Attentäterin: Wer sind die Bahai?

Nasim Aghdams Tierschutz-Aktivismus stand im Einklang mit ihrer Religion

Mit dem Anschlag auf die YouTube-Zentrale ist auch die Religion der Attentäterin in die Schlagzeilen geraten: Nasim Aghdam war Angehörige der Bahai – eine Minderheitenreligion aus dem Nahen Osten, die sich eigentlich Frieden und Toleranz auf die Fahnen geschrieben hat.

Aghdam, die YouTube-Kanäle auf Englisch, Türkisch und Farsi betrieb, erwähnte ihre Religion von Zeit zu Zeit in ihren Videos über Tierschutz, vegane Ernährung oder Sport. Ihr Glaube stand dabei nicht im Mittelpunkt, dennoch bezeichnete sich Aghdam, die im Internet unter ihrem Pseudonym Nasime Sabz aktiv war, auch als Bahai-Aktivistin. Insbesondere ihr Einsatz für Tierrechte dürfte durchaus von Aghdams Glauben beeinflusst sein: Vegetarische Ernährung ist im Bahaismus nicht vorgeschrieben, aber erwünscht. Viele Bahai verzichten auf Fleisch, um Tierleid zu vermeiden.

Die Grundsätze des Bahaismus sind in Europa wenig bis kaum bekannt. Wer sind die Bahai und woran glauben sie? Ihren Ursprung hat die Religion im Iran, wo sie als Reformbewegung des Islams begann. 1848 trennte sie sich von diesem aber ab, bis heute stellt sie die größte religiöse Minderheit im Land dar. Vor allem ihre, für die Moderne sehr friedliche, Annahme, dass keine Religion falsch sei, sondern lediglich im Kontext ihrer Zeit begriffen werden müsse, brachte den Bahai ihren Ruf als sanfte Religion ein.

Der Bahaismus ist eine monotheistische Religion: Bahai glauben an die Einheit Gottes, was bedeutet, dass es nur einen Gott gibt, der von den Menschen mit unterschiedlichen Namen angesprochen wird. Weil das Göttliche für den Menschen nicht erkennbar ist, offenbart es sich durch spirituelle Persönlichkeiten wie Jesus, dem Propheten Mohammed oder Baha’u’llah, dem Stifter des Bahaismus. Die Einheit dieser göttlichen Offenbarer ist der zweite Grundsatz der Bahai: Er folgt der Vorstellung, dass sich Gott den Menschen nicht einmal, sondern zyklisch wiederkehrend offenbart. Baha’u’llah, von dem der Glaube auch seinen Namen bezieht, lebte von 1817 bis 1892 und ist daher eine jüngere Erscheinung als Jesus oder Mohammed, weswegen die Bahai ihn als den modernen Propheten betrachten.

Das Weltzentrum der Bahai in der Nähe von Haifa, Israel. (Bild: AP Photo)

Neben der Einheit Gottes und der göttlichen Offenbarer glauben Bahai auch an die Einheit der Menschheit, die sich in einem theokratischen Einheitsstaat mit dem Bahaismus als einheitlicher Weltreligion ausdrücken soll. In Deutschland veröffentlichte der Bahai-Aussteiger Francesco Ficicchia 1981 das Buch „Der Baha’ismus – Weltreligion der Zukunft? Geschichte, Lehre und Organisation in kritischer Anfrage“, das sich kritisch mit der Religion auseinandersetzt. Dem Autor zufolge stehen die Ziele der Bahai, nicht zuletzt das Ziel eines einheitlichen theokratischen Staates, „in einem unversöhnlichen Gegensatz zu den Prinzipien einer säkularen, demokratischen und offenen Gesellschaft“.

Bahai sind allerdings nicht missionarisch, was bedeutet, dass sie sich nicht für die Vergrößerung ihrer Religionsgemeinschaft einsetzen. Den heiligen Krieg lehnen sie ebenfalls ab. Da sie aus islamischer Sicht als Abtrünnige gelten und weil sie behaupten, der Prophet Mohammed sei lediglich einer von vielen Propheten, der von jüngeren wie Baha’u’llah abgelöst wurde, werden die rund 350.000 Bahai in der Islamischen Republik Iran bis heute streng verfolgt: Ihre Friedhöfe werden geschändet, ihre Häuser in Brand gesteckt und Lügen über angebliche rituelle Morde an Kindern verbreitet. Ihre Behandlung ist auch immer wieder Gesprächsthema zwischen Deutschland und dem Iran.

Auch seit dem Amtsantritt des als moderat geltenden Hassan Rohani als Präsident des Iran hat sich die Situation der Bahai kaum verbessert. Stattdessen geht die Dämonisierung weiter: Die führenden Persönlichkeiten des Glaubens werden mit langen Haftstrafen ins Gefängnis geschickt und Morde an Bahai werden regelmäßig nicht aufgeklärt. Laut Ayatollah Ali Khamenei, dem obersten Geistlichen, sollen gläubige Muslime obendrein alle Geschäfte mit Bahai unterlassen, was ihnen ihre Lebensgrundlage nimmt und ihren Ausschluss aus der Gesellschaft weiter verschlimmert. Den deutschen Publizisten Günter Wallraff, der sich mit der Verfolgung der Bahai beschäftigt hat, erinnern diese Methoden an die Verfolgung der Juden im Dritten Reich.

Die Vorwürfe, die führenden religiösen Persönlichkeiten der Bahai gemacht werden, lauten „Propaganda gegen den iranischen Staat“ oder „Spionage für ausländische Agenten“. Ihre Zentrale hat der Bahaismus in Akkon in der Nähe des israelischen Haifa, was den iranischen Verschwörungstheorien über ihren ausländischen Einfluss weiter einheizt. Dorthin war Baha’u’llah nach seiner Exilierung aus dem Iran und Stationen in Bagdad, Kurdistan und Konstantinopel schließlich vom Osmanischen Reich verbannt worden. Heute lebt die größte Gruppe der Bahai, eine knappe Million, in Indien. In Deutschland gibt es rund 6.000 Anhänger.