Die Folgen des Neymar-Irrsinns: Wer stoppt die Muskelspiele Katars?

Der Transfer von Neymar zu Paris Saint-Germain für 222 Millionen Euro Ablöse ist perfekt. Doch wie konnte es zu diesem Wahnsinns-Deal überhaupt kommen? Eine Herrscherfamilie führt den Weltmarkt im Fußball ad absurdum. Von Oliver Trust

Holte einst auch Zlatan Ibrahimovic nach Paris: PSG-Besitzer Nasser Al-Khelaifi (r.)

Dass es im Profifußball verrückt zugeht, was Transfersummen und undurchsichtige Geschäfte angeht, ist nicht neu. Gehälterexplosion, zweistellige Millionen-Beträge für mittelmäßige Profis finanziert durch dicke TV-Verträge wie in England, ausländische Investoren im Kaufrausch und bei der Vergabe von Weltmeisterschaften wird getrickst – womit wir beim Transfer des Brasilianers Neymar vom FC Barcelona zu Paris St. Germain wären. 222 Millionen Euro (nur die Ablösesumme) kostet der Deal – insgesamt wird Paris weit über 700 Millionen (Gehalt/Handgeld/Steuern) investieren.

Das stellt eine neue Dimension dar (bisher war Paul Pogba mit 105 Millionen von Juventus Turin zu Manchester United der teuerste Transfer) und wirft Fragen nach der Zukunft des Profi-Fußballs auf, den Auswirkungen auf den Transfermarkt und was eine Regel taugt, die eigentlich verhindern sollte, dass Klubs mehr ausgeben als sie einnehmen: das Financial Fairplay.

Eine Herrscherfamilie lässt ihre Muskeln spielen

Das Hauptproblem im Fall Neymar aber ist ein ganz anderes. Da lässt ein kleines Land oder besser dessen Herrscherfamilie ihre Muskeln spielen und setzt Gesetze des Fußballgeschäfts mit gigantischen Summen außer Kraft. Dass das gelingen kann, zeigt der Zuschlag für die WM 2022 an Katar, wobei Gerichtsverfahren und Ermittlungen von Justizbehörden verschiedener Länder anhängig sind und es durchaus passieren könnte, dass Katar die WM noch entzogen wird. Es gibt Experten, die das zu 75 Prozent für wahrscheinlich halten.

Die internationalen Verbände FIFA und UEFA scheinen längst kapituliert zu haben. Wenn erst Strafermittler verschiedener Länder windige WM-Bewerber enttarnen müssen, weil sowohl Welt- als auch Europäischer Verband zumindest keine Gegenmaßnahmen ergreifen (können), spricht das für Ohnmacht und Ignoranz. Auf jede Regulierung folgen mindestens zwei Umgehungskniffe. Auch im Fall Neymar. Dass die UEFA kleinlaut ein genaue Untersuchung ankündigte, ist nicht mehr als Verzweiflung.

Die Mittel für den Deal kommen aus Katar und von dessen Herrscher-Klan. Auf diese Weise könnten die Regeln des Financial Fairplay umgangen werden. Nicht Paris zahlt 222 Millionen. Neymar tut es.

Es geht um Prestige und Imagegewinn

Berichten zu Folge bekommt der aus einem Sponsorenvertrag mit Qatar Sports Investments 300 Millionen Euro. Im Gegenzug wird er Botschafter der WM. Qatar Sports gehören 70 Prozent der Anteile an St. Germain. Katar ist faktisch Eigentümer von Paris Saint-Germain. Neymar soll zur Gallionsfigur der WM in Katar werden.

Dort hat man längst erkannt, dass Europa und die Champions League ein unverzichtbarer Markt sind. Deshalb gibt es die Katarische Filiale in Frankreichs Hauptstadt. Ums Geld verdienen geht es wohl weniger als vielmehr um Prestige und Imagegewinn. Mit dem Namen Neymar auf dem Trikot wird Paris dennoch Millionen verdienen. Experten nennen das den Superstar-Effekt. Das war bei David Beckham oder Cristiano Ronaldo nicht anders.

Barcelona wird die Einnahme reinvestieren und für Bewegung im internationalen Fußball sorgen. Neben dem Dortmunder Dembele sollen Kylian Mbappe (Monaco), Philippe Coutinho (Liverpool), Paulo Dybala (Juventus) und Antoine Griezmann (Atletico Madrid) auf Barcas Liste stehen. Deren Klubs müssten sich dann Ersatz besorgen. Eine endlose Spirale bis weit nach unten. In Paris heißt es, der deutsche Nationalspieler Julian Draxler könnte ebenfalls ein Opfer des Neymar-Geschäfts werden. Weil Paris Einnahmen erzielen muss, müsse Draxler verkauft werden.

Forderung nach neuen Königen im Kader

Der Anfang vom totalen Wahnsinn klagen manche Fußballgeschäft-Insider nach dem Neymar-Deal und glauben an ein baldiges Platzen der Blase. Die Kluft zwischen den 10 bis 15 bekanntesten Klubs der Welt und den Durchschnittsklubs ist heute schon gigantisch und wird weiter steigen. Bis Fußball-Fans genug haben vom immer weiter steigenden Kommerz?

Das Gerangel um die einträglichsten Plätze an den Fleischtöpfen des internationalen Fußballmarkts aber verlangt nach neuen Königen im Kader. Und neue Märkte, die es abzugrasen gilt, gibt es in Asien und den USA. Zur Vorbereitung auf die neue Saison reist man eben nach China, in die Vereinigten Arabischen Emirate oder Südamerika. Dort warten Millionen neuer Fans, die mit europäischer Tradition zunächst wenig anfangen können, beziehungsweise die kaum als schützenswert betrachten. Und Champions League zieht doch immer.

Längst rechnen Klubs nicht mehr Punkte und Torerträge hoch, die Stars einbringen, sondern Merchandising-Erlöse und rasant steigende Follower-Zahlen in Social-Media Kanälen. Neymar wird Bekanntheitsgrad und Reputation seines Klubs Paris Saint-Germain (und den Katars) in neue Höhen schnellen lassen.