Die extreme Rechte in Amerika wird ihre Nagelprobe nicht bestehen

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
In Charlottesville versammelte sich die rechte Bewegung der USA

Wie stark ist die rechte Bewegung in den USA wirklich? Charlottesville sollte eine neue Einheit demonstrieren und Aufwind geben – doch die strukturellen Schwächen der Rechten bleiben.

Eine Analyse von Jan Rübel

Die Bilder aus Charlottesville waren martialisch und lächerlich zugleich. Da marschierten Männer mit Schilden, Helmen und Fackeln durch die Stadt in Virginia, sie hoben den Arm zum Hitlergruß und zeigten Symbole, die zackig aussahen – eben wie der Faschismus sich gern darstellt.

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Doch so massiv sich die Herren gaben, so wenig zahlreich waren sie im Ergebnis: Mehrere hundert waren am 12. August gekommen – für ein „Event“, an dem sie ausgiebig gefeilt haben, ein bescheidenes Ergebnis. Dennoch gilt der Aufmarsch aus Neonazis, Rechtsextremisten und Ku-Klux-Klan-Anhängern als der größte in der Geschichte der USA seit Jahrzehnten.

Drei Fakten

Die Veranstalter feiern nun ihre Demonstration als großen Erfolg. „Unite the Right“, „vereinigt die Rechte“ war ihr Slogan gewesen. Insgesamt drei Fakten lassen sich feststellen: Diese drei Bewegungen mögen in den USA klein sein, sie umfassen insgesamt einige tausend Sympathisanten und einen kleineren harten Kern an Aktivisten. Aber sie wurzeln in einem tief verankerten Rassismus, der Teil der amerikanischen Geschichte als Sklavenhalterstaat ist.

Fakt Nummer Zwei: Die Verunsicherung in der amerikanischen Gesellschaft nimmt, wie überall, zu. Das Land verändert sich. Bürger, die es für nötig halten, sich als „weiß“ zu definieren und daraus einen Anspruch auf Privilegien ableiten, sehen sich in der Defensive. Sie sehen sich als intellektuell überlegene „Rasse“, die der Tatsache Herr werden muss, dass sich ihre allein durch Waffengewalt begründete Suprematie in den USA dem Ende zuneigt – Amerika als wirklich offenes und multikulturelles Land ist auch heute Pionier für die ganze Welt, und die rechte Bewegung sieht sich als Rächer der Enterbten, der alten Sklavenhalter.

Fakt Nummer Drei: Wie jede rechte Bewegung, die auf Realitätscheck nichts gibt, Mythen webt und von Angst lebt, macht sich jene in den USA größer als sie ist, und zwar mit Hilfe der Sozialen Medien. Diese Plattformen bespielen rechte Bewegungen traditionell erfolgreicher als andere politische Gruppierungen. Das macht sie zu Scheinriesen.

Wessen Präsident ist Trump?

Dennoch schauten nun viele auf Charlottesville. Immerhin regiert im Weißen Haus ein Mann, der diese Rechten umgarnt. Donald Trump wird von einem Teil dieser Rechten als „ihr“ Präsident angesehen; zumindest kann er ähnlich gut lügen wie sie selbst. Allerdings ist nicht zu erwarten, dass der Aufmarsch von Charlottesville eine Sogwirkung entfalten wird, dass es ähnliche Demonstrationen landesweit geben wird. Das Gedankengut dafür mag weiter verbreitet sein, als mancher Demokrat sich wünscht – aber gleich gemeinsam mit den milchbärtigen Hitler-Fans zu marschieren ist dann doch oft keine echte Option. Zu extrem, zu verbiestert und auch irgendwie zu unamerikanisch kommen diese Gruppen daher. Veranstalter des „Event“ in Charlottesville war eine Gruppe namens „Vanguard America“ (Vortrupp Amerika), die nach eigenen Angaben rund 200 Mitglieder hat.

Abgesehen von den strukturellen Schwächen nehmen die Verhärtungen in der US-Gesellschaft indes zu. Der „Tagesspiegel“ zitiert aus der aktuellsten Jahresstatistik des FBI, nach der 2015 fast 6000 Hassverbrechen in den USA verübt wurden, rund sieben Prozent mehr als im Jahr zuvor. „Fast 2000 der Vergehen richteten sich gegen Schwarze. In jeweils 660 weiteren Fällen waren Juden und Homosexuelle die Opfer, 300 Hassverbrechen wurden gegen Latinos verübt, 250 gegen Muslime.“ Neuere Untersuchungen würden nahelegen, dass sich der Trend 2016 noch verstärkt hat. Laut einer Studie der Universität Kalifornien über neun Großstädte in den USA stieg die Zahl der Hassverbrechen 2016 erneut um 23 Prozent. „Auch muslimische Verbände melden einen drastischen Anstieg. Der muslimische Dachverband CAIR registrierte allein im zweiten Quartal dieses Jahres fast 70 Verbrechen gegen Mitglieder der Minderheit.“

Tragisch erscheint dabei, dass im Weißen Haus jemand waltet, der in dieser Gemengelage keine Hilfe ist.

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