Die Boote kommen

Aus Seenot gerettete Migranten warten auf den Transfer von einem zivilen Schiff im Mittelmeer auf das Rettungsschiff «Aquarius». Foto: Lena Klimkeit/Archiv

Von Südsizilien aus dauert es weniger als einen Tag, um mit einem Schiff in die Zone des Mittelmeers zu gelangen, wo Bilder plötzlich Wirklichkeit werden. Ein überfülltes Schlauchboot am Horizont.

Menschen ohne Schwimmwesten mit angsterfüllten Gesichtern. Die Angst wird in ihren Schreien hörbar. Sie bleibt auch in der Nase hängen. Sie riecht nach Körpern, sauer, nach Meerwasser, gemischt mit Urin, Schweiß und im schlimmsten Fall auch Benzin. In Europa kommt wenig davon an.

Für die Hilfsorganisationen Ärzte ohne Grenzen und SOS Méditerranée ist diese Wirklichkeit Alltag. Die Menschen sind für sie nicht nur Zahlen, sie stehen für Geschichten, Schmerzen, Hoffnungen. Mit der «Aquarius» retten sie im Mittelmeer Menschen aus Seenot, wenn die zuständige Leitstelle in Rom sie dazu anweist. Manchmal hat die rund 30-köpfige Crew das Boot für sich alleine, bis wieder ein Notruf kommt, wie vergangene Woche um kurz nach 5.00 Uhr morgens.

Mehr als 730 Kinder, Frauen und Männer werden von einem riesigen Offshore-Versorgungsschiff auf die 77 Meter lange «Aquarius» gebracht. Auf der Ladefläche hatten sie seit ihrer Rettung durch andere privaten Helfer ausgeharrt. Stundenlang rast die sogenannte Search-and-Rescue-Crew mit zwei Booten zwischen den beiden Schiffen hin und her. Kaum sind alle Migranten auf der «Aquarius», sieht man es von der Kommandobrücke mit einem Fernglas kommen: ein Schlauchboot auf dem offenen Meer.

Es wird ein langer Tag für die Mannschaft auf der «Aquarius». Gegen 14.45 Uhr rücken die Rhibs - Schlauchboote mit einem festen Rumpf - noch einmal aus: zu einem blauen Boot, das besonders fragil ist. 0,7 Millimeter Stärke misst das Gummi, an Bord sind um die 150 Menschen. Wer nicht schon vorher krank war, ist spätestens nach 16 Stunden auf dem Wasser erschöpft, dehydriert, mit schwersten Brandverletzungen und Verätzungen durch Benzin und Meerwasser, dem Kollaps nahe. Nur wenige Frauen kommen aus eigener Kraft an Bord der Boote. Aber alle überleben.

«Wenn wir einmal in der Rettungszone sind, in den internationalen Gewässern nördlich von Libyen, warten wir entweder eine Minute oder zehn Tage. Wir müssen immer auf alles vorbereitet sein, Tag und Nacht», sagt der Arzt an Bord, Craig Spencer. Auf rund 20 Helfer auf dem ehemaligen Fischereischutzschiff kommen 1032 Menschen. «Ich habe Hunger», «Wann gibt es etwas zu essen?», «Mein ganzer Körper tut weh», «Gibt es auch Betten?», «Wann sind wir in Italien?» Die Liste der Bedürfnisse ist lang. Wasser, Notfallrationen, frisches T-Shirt, Trainingshose, Decke, Handtuch. Das muss reichen für die nächsten 36 Stunden, es muss reichen, bis das Schiff in Italien anlegt.

An den Häfen des Landes haben alleine in der vergangenen Woche mehr als 10 000 Gerettete europäisches Festland betreten - und angesichts der mehr als 85 000 Ankömmlinge seit Anfang des Jahres reißt der Regierung in Rom langsam der Geduldsfaden. Sie droht mit der Abweisung von Rettungsschiffen.

«Wenn überhaupt ist das ein Hilferuf der italienischen Regierung in Richtung der EU», sagt Marcella Kraay, Projektkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen an Bord der «Aquarius». «Und es geht einher mit dem, was wir stets gefordert haben.» Nämlich: Von der EU organisierte Such- und Rettungseinsätze im Mittelmeer. «Bis das passiert, sind wir gezwungen, dort draußen zu sein. Denn Menschen sind in Gefahr, sie werden ertrinken, wenn wir nicht da sind.»

Der Aufenthalt auf der «Aquarius» wird zur Hängepartie. Es ist brütend heiß. Die Menschen wollen sich waschen, auf dem offenen Deck liegt ein dumpfer, beißender Geruch in der Luft. Dennoch gleicht der Aufenthalt an Bord einem sicheren Hafen auf einer langen Reise. Vorher: Armut, Hunger, Ausbeutung, Gewalt. Nachher: Ungewissheit, die zunächst noch Hoffnung ist.

Charles Asamoah aus Ghana blickt auf das weite Meer. Noch immer ist kein Land in Sicht, das Schiff fährt volle Geschwindigkeit. «Dass ich das überlebt habe», sagt der 45-Jährige. «Ich wusste aus den Nachrichten, dass Menschen sterben. Aber es gab keinen anderen Ausweg.» Aus Libyen, wo er in Lagern gefangen gehalten, ausgebeutet und misshandelt wurde. Es ist nicht nur seine Geschichte.

«Ihr habt ein komfortables Leben», sagt die 23-jährige Blessy aus Nigeria. Remi wünscht sich, dass ihre Kinder in Europa endlich zur Schule gehen können. Die Migrationskrise dauert schon so lange, dass längst klar ist, wie viele Träume in Italien, Deutschland, Großbritannien zerplatzt sind.

Stephane weiß das. Der 33 Jahre alte Seemann aus Frankreich ist auf der «Aquarius» mitverantwortlich für die Rettungseinsätze. «Was du in den Augen der Menschen lesen kannst oder was sie während der Rettung fühlen, ist etwas komplett anderes, als wenn wir sie an Bord haben», sagt er. «Hier werden sie wieder zu Menschen mit Würde, und dann, wenn wir Europa erreichen, verändern sich die Gesichter wieder.»

Auf der «Aquarius» macht sich niemand etwas vor. Mit den Rettungen werden Löcher in einer nicht enden wollenden Krise gestopft. Der deutsche Aktivist Anton Shakouri befürchtet, dass die «Aquarius» im kommenden Jahr nicht mehr in See stechen wird. Und das nicht, weil die Flüchtlingskrise bis dahin gelöst werden sein wird.