Die AfD schielt verstärkt nach links

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
G20-Protest vor brennender Barrikade in Hamburg (Bild: Reuters)

Die „Alternative für Deutschland“ hat ein Problem erkannt: Linke Gewalt wird als solche in den Medien nicht genannt. Angeblich. Ist das jetzt der Scoop des Jahres – oder Verzweiflung?

Ein Kommentar von Jan Rübel

Bei der AfD wird man ein wenig müde. Immer diese krassen Rollen, nie etwas normalbürgerliches, das man ihnen umhängt – dabei wären viele von ihnen gern einfach nur normal. Doch entweder stecken die Kader der Partei für ihre Kritiker im Kostüm der Populisten von rechts oder für ihre Anhänger im Dress der Rächer der Enterbten. Ziemlich anstrengend also, ein kommoder Part wie John Walton Sr. in „Die Waltons“ würde vom Arzt sicherlich empfohlen.

Die Parteispitze glaubt nun fündig geworden zu sein. Dieser lästige Stempel „rechts=Gefahr“ nervt. Das Spitzenkandidatenduo Alice Weidel und Alexander Gauland setzt daher auf ein Ablenkungsmanöver, welches im Kern eine Relativierung zum Ziel hat, kurz: „links=Gefahr“ wird zum neuen Zauberwort der AfD im Endspurt des Bundestagswahlkampfs, in der Hoffnung, dass die Warnungen ob einer Gefahr von rechts (eben eindrucksvoll eingenommen von der AfD) weniger durchdringt.

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So haben Weidel und Gauland eine denkwürdige Pressekonferenz gegeben. Die Zerstörungsorgien durch von G20-Gegner hatten sie zum Thema, wobei sie natürlich zu sagen unterließen, dass zum Einen auch mancher Polizeibeamte den Knüppel zu lose am Gürtel trug und zum Anderen die meisten G20-Protestler friedlich und kreativ ihre Positionen zum Ausdruck brachten – aber sei’s drum. Was dem Duo wichtig war: die „öffentliche Wahrnehmung“ der Krawalle in den Medien: „Es wurde in der Berichterstattung zum G20-Gipfel tunlichst das Wort links vermieden. Sie haben sehr oft gesehen, dass von Randalierern, Aktivisten, Protestlern die Rede war, aber niemals oder nur in den seltensten Fällen von Linksextremisten.“ Und weiter: „Immer ist nur vom Kampf gegen Rechts die Rede, aber nirgendwo vom Kampf gegen Links. Sowohl Links- als auch Rechtsextremismus sind gesellschaftlich zu ächtende Zustände.“

Schielen schadet nicht der Gesundheit

Es wurde also, nach Meinung der Beiden, in den Medien zu selten das Wort „links“ gesagt. Ich habe ein wenig gegoogelt. Vielleicht sind die auf mich zugeschnittenen Algorithmen so beschränkt wie ich selbst, aber beim Tippen von „G20“ und „Gewalt“ poppte bei mir sofort „linke“ auf. Und Artikel, nach diesen drei Suchwörtern aufgefordert, drängten sich auf den Bildschirm wie Fußballfans nach einer Einladung zum Freibier. Ich kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, wie Weidel und Gauland zu ihrer Einschätzung kommen.

Ich kann nur vermuten, worum es ihnen geht. Sie wollen auch einmal Olivia und John Walton Sr. sein.

Aufschlussreich hierfür ist eine Äußerung Gaulands, die ein paar Tage zurückliegt und die Vergangenheit bemüht. Nach Angaben der „Huffington Post“ erinnerte er an „den Reichskanzler Wirth“. Der Zentrumspolitiker Joseph Wirth hatte im deutschen Reichstag bei einer berühmten Rede im Juni 1922 nach rechts gedeutet und gerufen: „Der Feind steht rechts“. Heute müsste es heißen „der Feind steht links“, ist Gauland überzeugt. Den Exkurs in die jüngere deutsche Geschichte gibt Gauland richtig wieder; nur wie er daraus für die Gegenwart ableitet, dass heute nicht mehr die Gefahr von rechts drohe, sondern von links – an dieser Begründung ließ er uns nicht teilhaben.

Dieses Gerede hat etwas von einem Mantra. Weidel und Gauland wiederholen eine Botschaft immer wieder, irgendwann muss sie ja hängenbleiben. Immerhin sind unsere Medien recht erregungsorientiert, da kommen solche Randale wie in Hamburg, von Leuten wohlgemerkt, die sich als links bezeichnen, gerade recht. Nur zeigt gerade Gaulands Blick auf Kanzler Wirth, wie richtig der gelegen hat: Die größte Gefahr für die Republik kam damals von rechts, und sie besiegte auch schließlich die Demokratie. Und heute, ehrlich gesagt, sind die linken politischen Kräfte, welche in der Parlamentarischen Demokratie ein Problem sehen und gern eine Gefahr für sie wären, längst nicht so wirkmächtig wie seinerzeit die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD). Gauland versucht sich also in einem semiprofessionellen Budenzauber.

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Genügend Probleme hat er ja auch in der eigenen Partei. Da gibt es die Alterspräsidentin des Schweriner Landtags, Christel Weißig heißt sie, und die AfD-Politikerin hat ihre eigenen Schlüsse aus der Randale im Schatten des Hamburger G20 gezogen. Sie schrieb: „Plünderer werden sofort erschossen, warum gilt es nicht bei uns?“ Liebe Frau Weißig, Sie sollten mehr auf Ihre Spitzenkandidaten hören, Sie haben nicht „links“ geschrieben. Ein schreckliches Vergehen. Vielleicht hat Weißig auch tatsächlich eher ein Problem mit Plünderern, und die müssen in Hamburg nicht zwangsläufig politisch links gewesen sein; ein Gewaltmob zieht immer Schaulustige und Anwohner an, Gelegenheit macht Diebe. Weißig jedenfalls hätte womöglich drakonische Strafen parat, und zwar jene Art von Sanktion, die vor allem von einer deutschen Regierung verhängt wurden: die Todesstrafe unter Reichskanzler Adolf Hitler. So viel zum Thema, aus welcher Richtung der Gefahrenwind weht.

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