Dia de los Muertos: Tote feiern wie in Pixars „Coco“

Anne Borchardt
Managing Editor Yahoo Style & Entertainment

Bunte Straßendekorationen, Zuckerfiguren, fröhliche Musik und ein Picknick mit der ganzen Familie auf dem Friedhof – so ausgelassen feiern Mexikaner verstorbene Familienmitglieder am „Dia de los Muertos“ (Tag der Toten). Die lateinamerikanische Ehrung der Toten steht im absoluten Kontrast zur europäischen Art, den Feiertag Allerheiligen zu bestreiten. „Dia de los Muertos“ findet traditionell vom 31. Oktober bis zum 2. November statt.

Menschen während der Parade des “Dia de los Muertos” in San Miguel de Allende. (Bild: DISNEY/ 50.1Mstudio)

Pixars neuer Animations-Hit „Coco – Lebendiger als das Leben!“ bringt diese mexikanische Tradition auf die großen Leinwände der Welt (Kinostart: 30. November 2017). Der 12-jährige Miguel nimmt den Zuschauer mit auf eine bunte Reise durch Mexiko während des „Dia de los Muertos“ – in die Welt der Toten. Mexikaner glauben, dass Verstorbene einmal im Jahr aus dem Jenseits zu ihren Familien zurückkehren und mit den Lebenden ein fröhliches Fest bei ausgelassener Musik und gutem Essen feiern. In der Vorbereitungszeit werden die Straßen der Stadt mit bunten Fahnen und Hauseingänge mit Ringelblumenranken geschmückt. Das bunte Mexiko versinkt in einem orangefarbenen, duftenden Blumenmeer.

Zusammen mit dem Co-Regisseur und Drehbuchautor Adrian Molina bin ich ins mexikanische San Miguel de Allende gereist, um buchstäblich in die Welt von „Coco“ abzutauchen…

“Coco” startet am 30. November 2017 in den deutschen Kinos. (Bild: Disney)

Warum „Dia de los Muertos“ mich verändert hat

Gelandet in Mexiko City ging es mit dem Bus weiter ins Herzen des Landes – nach San Miguel de Allende. Mehr als 60 verschiedene Nationen leben in der kleinen, bunten UNESCO-Weltkulturerbestadt. Umhüllt von dem Geruch frischer Schnittblumen, geschmückt für das traditionelle Fest, war die Stadt bereit für die wichtigsten Tage des Jahres. Wo ich hinsah – Totenkopfdekorationen in allen Variationen, Kinder und Erwachsene mit traditionellem Catrina-Make-up und Kostümen – mehr als nur gewöhnungsbedürftig. Skelette und Totenköpfe waren bislang eher etwas, das mir Angst machte, das ich mir auch an Halloween nicht in die Wohnung stellen würde. (Heute steht ein bemalter Totenkopf als Erinnerung an dieses unbeschreibliche Erlebnis in meinem Regal).

So sieht das traditionelle Catrina-Make-up aus. (Bild: Disney/50.1Mstudio)

Bereits nach einem Tag während des „Dia de los Muertos“ in San Miguel de Allende lösten sie kein beklemmendes Gefühl mehr in mir aus. Ich lernte, der Tod ist nicht das Ende, es ist ein anderer Abschnitt des Lebens.

Totenkopf-Make-up und bunte Gabentische mit Tequila

Wie auch Miguels Familie in „Coco“ errichtet jede Familie zum „Dia de los Muertos“ eine traditionelle Ofrenda (Altar). Dieser Gabentisch, auf dem die Fotos der Verstorbenen stehen, wird mit zahlreichen Ringelblumen in Orange und Rot, bunten Zuckerfiguren und kleinen Särgen aus Marzipan geschmückt. Zu dem Altar gehört eigentlich auch immer ein frischgebackenes süßes Brot (Pan de Muertos), Körner, die zu einer Figur vor den Altar gestreut werden und Speisen und Getränke, die der- oder diejenige gern gegessen bzw. getrunken hat.

Auf manchen Ofrendas findet man auch eine Flasche Mezcal, Tequila und einen Teller mit Zigaretten – Geschenke für die Toten, die in der Nacht zurückkommen, wenn sie gerufen werden. An den Abenden zwischen Ende Oktober und Anfang November füllen sich die Straßen Mexikos mit verkleideten Menschen, die in einer Parade durch die Stadt ziehen, um im Zentrum auf dem Platz Kerzen anzuzünden, zu tanzen und Aufführungen traditioneller Bräuche auf der Bühne zu bestaunen. Groß und Klein, lebendig oder im Herzen – jeder geht raus, um das Leben und den Tod zu feiern.

Ringelblumen, Zuckerfiguren und Tequila – wir durften eine traditionelle Ofrenda bauen. (Bild: Anne Borchardt)

Bands und ein Picknick mit der Familie auf dem Friedhof

Am 2. November durfte ich Teil einer Tradition werden, die für mich vorher unvorstellbar gewesen wäre. Ich selbst habe letztes Jahr das Schrecklichste erlebt und ein geliebtes Familienmitglied verloren. Jedes Mal, wenn ich seitdem am Grab stehe, frische Blumen niederlege, von meinem Tag und dem auffressenden Gefühl des Vermissens erzähle, laufen mir Tränen die Wangen herunter und das Gefühl der Traurigkeit lässt sich durch nichts mehr besiegen. Das Gefühl, das Leben umarmen zu wollen, gibt es dann nicht.

In Mexiko durfte ich einen ganz neuen Weg kennenlernen, mit dem Tod umzugehen. Während die Menschen am Abend fröhlich durch die Straßen von San Miguel de Allende ziehen, verbringen sie den gesamten sonnigen Tag auf dem Friedhof.

Bereits der Weg dorthin war beeindruckend. Links und rechts auf der Straße, die zum Friedhof führt, sind große und kleine Marktstände dicht an dicht gedrängt. Blumenverkäufer, Tische mit mexikanischem Essen und Süßigkeiten, dazwischen kleine Jungs, die Blechdosen als Blumenvasen verkaufen. Alle Familien machen hier die letzten Besorgungen für das Schmücken des Grabes. Mit Eimern, Haken, Stühlen, Picknickkörben und mehreren riesigen Ringelblumensträußen gehen sie in einer Menschentraube zu dem Grab ihres geliebten Menschen bzw. der Familienangehörigen. Ein buntes Treiben, das ich nie vergessen werde.

Während des “Dia de los Muertos” versinkt Mexiko in einem duftenden Blumenmeer aus Ringelblumen. (Bild: Disney/50.1Mstudio)

An fast jeder Ruhestätte putzen Menschen den Sand von den Steinen, schmücken es mit orangefarbenen Blüten, malen teilweise mit goldener Farbe den geprägten Namen auf dem Grabstein nach. Alte, vom Leben gezeichnete Menschen, sitzen auf einem Klappstuhl in der Mittagssonne unter einem Regenschirm und lauschen der Musik. Fünf kleine Jungs pflegen die Ruhestätte ihrer Eltern. Es ist laut, aus verschiedenen Ecken ertönt Livemusik. Dennoch ist an den Gräbern eine Art der Stille, denn keiner redet.

Schon im jüngsten Alter lernen die Kinder Mexikos, dass der Tod ein anderer Abschnitt des Lebens ist, vor dem man Respekt, aber keine Angst haben sollte. Immer mit dem Ausblick, dass das Sterben nicht endgültig ist, schließlich kehrt man einmal im Jahr zu seiner Familie zurück. Im Vordergrund von „Dia de los Muertos“ steht die Erinnerung und der Zusammenhalt der Familie, auch über den Tod hinaus.

Geschmückte Gräber, ausgelassene Livemusik – während des “Dia de los Muertos” verbringen Familien den Tag auf dem bunten Friedhof. (Bild: Disney/50.1Mstudio)

Wer „Coco“ gesehen hat, möchte sofort seine Familie in den Arm nehmen

Ein kleiner Junge, der in der Welt der Toten nach seinen Wurzeln sucht, umgeben von Skeletten, entfernt von seinen lebenden Verwandten. Klingt erstmal nicht nach einem Stoff für die erste Wahl eines Kinofilms, den man zusammen mit Kindern in der Vorweihnachtszeit anschaut. Bevor ich dieses einmalige Fest in San Miguel de Allende erleben durfte und nur die Inhaltsangabe von „Coco“ kannte, konnte ich es mir auch nicht vorstellen. Aber so wie mir die Angst genommen wurde, so wird es „Coco“ auch bei Kindern tun. Es steht außer Frage, dass der Tod auch immer Trauer bedeuten wird. Doch zu der Trauer und dem Vermissen wird sich, durch das Eintauchen in die Tradition des „Dia de los Muertos“, auch ein schönes Gefühl gesellen. Das Wissen, das alle geliebten Menschen in unseren Herzen, unseren Erinnerungen weiterleben, eben einfach in einer anderen Welt. Eine Welt, die dank „Coco“ ein freundliches und farbenfrohes Gesicht hat.

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