DFB-Team: Kommentar zum Rücktritt von Mesut Özil: Ende mit Totalschaden

Mesut Özil hat seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft bekanntgegeben und den DFB sowie Präsident Reinhard Grindel auf Heftigste attackiert. Das macht seine begangenen Fehler nicht wett, legt den Finger aber in eine unangenehme Wunde. Für den Verband könnte das weitreichende Folgen haben. Ein Kommentar von SPOX -Nationalmannschaftsreporter Stefan Petri.

Mesut Özil hat seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft bekanntgegeben und den DFB sowie Präsident Reinhard Grindel auf Heftigste attackiert. Das macht seine begangenen Fehler nicht wett, legt den Finger aber in eine unangenehme Wunde. Für den Verband könnte das weitreichende Folgen haben. Ein Kommentar von SPOX-Nationalmannschaftsreporter Stefan Petri.

Eine Rückkehr Mesut Özils ins Nationalteam war auch vor dem 22. Juli 2018 kaum vorstellbar. Nur eine vollständige Distanzierung von "ErdoGate" hätte das Verhältnis Özils zu Teilen der Fans kitten und die öffentliche Kritik verstummen lassen können. Dass er dazu nicht bereit war, war aufgrund des bisherigen Schweigens offensichtlich.

Nach dem WM-Aus hatte auch beim DFB peu a peu die Einsicht Einkehr gehalten, dass es ohne eine Erklärung des verdienten Nationalspielers nicht gehen würde. Also hatte man den Druck auf Özil sukzessive erhöht, zuletzt mit dem Ultimatum durch DFB-Präsident Grindel. Lieber ein Ende mit Schrecken, als der bisherige Schrecken ohne Ende.

Mit einem derartigen Ende hatte wohl niemand gerechnet.

Mesut Özils Erklärung: Für jeden ist etwas dabei

Özil hat reagiert - und wie: Ein Statement in drei Teilen, Art und Zeitpunkt der Veröffentlichung genauestens geplant. Teil 1: "Die Özil-Identität", über die zwei Herzen in seiner Brust und den Hintergrund des Fotos mit Erdogan. Teil 2: "Die Özil-Verschwörung", über unverhältnismäßige Kritik in den Medien und den Rückzug von Sponsoren. Teil 3: "Das Özil-Vermächtnis": Unter diesen Umständen wird er nicht mehr für Deutschland spielen.

Es ist ein Statement, aus dem sich jeder herauspicken kann, was er mag, passend zum eigenen Özil-Bild. Da findet sich keine Spur von Selbstkritik, stattdessen Schönfärberei, Whataboutism und undifferenzierte Medienschelte.

Gleichzeitig ist es ein erschütternder Blick auf die rassistischen Anfeindungen, die er - und auch seine Familie - erleben mussten. Beschimpfungen von Politikern wie Fans, Hassmails und Drohungen. Die hässliche Fratze dieses Landes, die Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund immer noch zu sehen bekommen, immer noch viel zu oft.

Und es ist eine schonungslose Abrechnung mit dem Deutschen Fußball-Bund und vor allem Präsident Grindel. Der amateurhafte und oftmals peinliche Umgang des Verbandes und seiner Repräsentanten mit der Erdogan-Affäre ist bestens dokumentiert. Sollten die Vorwürfe Özils zutreffen, ist Grindel nach seinen Auftritten hinter den Kulissen endgültig nicht mehr tragbar.

Auch Mesut Özil ist kein Gewinner in der Erdogan-Affäre

Kann Özil als Gewinner aus diesem dunklen Kapitel deutscher Fußball-Geschichte hervorgehen? Eigentlich nicht. Er hat den Autokraten Erdogan implizit beworben und danach eisern geschwiegen. Daran ist nichts Heldenhaftes. Selbst bei wohlwollendster Betrachtung wurde das Team dadurch belastet, und den ersten Part seiner Erklärung hätte er genauso gut schon im Mai veröffentlichen können. So hätte man zumindest etwas Druck vom Kessel genommen.

Fragen bleiben auch jetzt noch offen. Warum sich das türkische Herz in Özils Brust nur dem gewählten Präsidenten Erdogan verpflichtet fühlt, aber nicht der unter ihm entrechteten Bevölkerung, das ist sein Geheimnis. Das Foto mit Erdogan zu verteidigen und Grindel gleichzeitig vorzuwerfen, ihn "für politische Propaganda" zu missbrauchen, ist bemerkenswert.

DFB steht nach Mesut Özils Rücktritt vor einem Scherbenhaufen

Aber sein Schweigen hat der geballten Inkompetenz des DFB die Möglichkeit gegeben, wochenlang von einem Fettnäpfchen ins nächste zu treten - nicht zuletzt deswegen, weil man es versäumte, ein deutliches Zeichen gegen Rassismus zu setzen und damit die Kritik an Özils Handlungen von der rassistischen Kritik an seiner Person zu trennen. Möglichkeiten gab es zur Genüge.

So steht der mitgliederstärkste Fußballverband der Welt vor einem Scherbenhaufen. Dabei hat der versprochene Neuaufbau noch nicht einmal begonnen. Das Vertrauen der Fans ist verspielt, und nun hat man nicht nur Mesut Özil verloren, sondern womöglich auch die Mesut Özils der kommenden Generationen.

Der deutsche Fußball wird es schwer haben, dieses Debakel vergessen zu machen und das Vertrauen junger, multikulturell geprägter Talente zurückzugewinnen. Es ist kein Zufall, dass Özils Rücktritt noch am gleichen Abend von Vertretern der türkischen Regierung genüsslich ausgeschlachtet wurde.

Das Verhältnis zu Özil zu reparieren, dürfte fast unmöglich sein, auch wenn dieser das Wort "Rücktritt" wohlweislich vermied. So oder so: Sich auf den letzten Satz Özils zu konzentrieren, wäre ein Anfang. Zumindest dabei sollte man sich schließlich einig sein.

Mesut Özils Leistungsdaten mit der deutschen Nationalmannschaft

Wettbewerb Spiele Tore Assists
Freundschaftsspiele 30 5 10
WM-Qualifikation 20 9 10
WM 16 2 4
EM-Qualifikation 15 5 12
EM 11 2 4
Gesamt 92 23 40

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