DFB-Team: Die Erkenntnisse des Confed-Cup-Sieges

Deutschland ist Confed-Cup-Sieger 2017 . Den angekündigten Testlauf hat Joachim Löws bunt zusammengewürfelte Truppe bestanden. Doch welche Erkenntnisse kann der Bundestrainer wirklich aus dem Turnier ziehen?

Deutschland ist Confed-Cup-Sieger 2017. Den angekündigten Testlauf hat Joachim Löws bunt zusammengewürfelte Truppe bestanden. Doch welche Erkenntnisse kann der Bundestrainer wirklich aus dem Turnier ziehen?

Seite 1: Die Mannschaft kann mit Härte umgehen

Die Mannschaft kann mit Härte umgehen

Die deutsche Puzzle-Nationalmannschaft hat durch den Sieg beim Confed Cup den Härtetest bestanden - und das im wörtlichen Sinne.

Im Finale gegen Chile musste das junge Team besonders in der zweiten Halbzeit mit der sehr harten Spielweise der Südamerikaner klar kommen. "Es war ein hartes und hektisches Spiel, die Chilenen sind keine Kinder von Traurigkeit, aber die Spieler haben sich da reingeworfen", lobte Bundestrainer Joachim Löw nach der Partie.

Tatsächlich sah sich Deutschland mit vielen kleinen Fouls, einer Tätlichkeit von Jara gegen Timo Werner und zahlreichen Diskussionen und Reklamationen konfrontiert. Davon ließ sich die Mannschaft allerdings weder spielerisch aus dem Konzept bringen noch provozieren und womöglich zu einer ähnlich harten Spielweise an der Grenze zur Legalität hinreißen. Für Löw ist das Endspiel also nicht nur wegen des Ergebnisses, sondern auch wegen der Art und Weise ein Fingerzeig in Richtung des Charakters der Mannschaft.

Seite 2: Timo Werner ist der Gewinner des Turniers

Timo Werner ist der Gewinner des Turniers

In der Hackordnung als Back-Up hinter Sandro Wagner und bei den Bundesligafans mindestens umstritten, startete Timo Werner ins Turnier. Am Ende steht der Leipziger nicht nur als Confed-Cup-Sieger da, sondern auch als Torschützenkönig, als entscheidender Mann im Finale - kurzum: als größter Gewinner der deutschen Russland-Reise.

Mit seiner Schwalbe im Spiel gegen Schalke und den anschließenden fadenscheinigen Ausreden hatte Werner während der Saison den Zorn von Fußballfans der ganzen Liga auf sich gezogen. Und dieser war auch zu Turnierbeginn noch nicht verflogen, so wurde der Angreifer kurz zuvor beim WM-Qualifikationsspiel gegen San Marino sogar ausgepfiffen.

Doch Werner behielt einen kühlen Kopf und lieferte. Stand der Leipziger auf dem Platz, war er mit seiner Geschwindigkeit, seinem wachen Kopf und der Abschlussstärke aus allen Lagen der gefährlichste DFB-Angreifer. Dreimal traf er selbst, zweimal legte er einen Treffer vor - so auch beim entscheidenden Tor im Finale gegen Chile. Der Goldene Schuh als bester Torschütze war der individuelle Lohn in Russland.

Doch auch sein Image bei den Fans dürfte der 21-Jährige deutlich aufpoliert haben. Werner leistete sich nicht den kleinsten Fehltritt und blieb bemerkenswert cool, als ihm Gonzalo Jara im Finale einen bösen Ellenbogenschlag verpasste, der selbst nach Konsultierung des Videoschiedsrichters nur eine Gelbe Karte nach sich zog. So gibt es wenig Argumente gegen Werner im Sturm - auch in einer Nationalmannschaft in Bestbesetzung.

Seite 3: Ter Stegen hat seine Stellung zementiert

Marc-Andre ter Stegen hat seine Stellung als Nummer zwei zementiert

Sicher: Es war bei Weitem kein Turnier auf Weltklasse-Niveau von Deutschlands Schlussmann Marc-Andre ter Stegen. Doch dürfte das Experimentierfeld Confed Cup dem Bundestrainer in Sachen Keeper-Situation ein recht eindeutiges Ergebnis gebracht haben: Ter Stegen ist und bleibt klar und deutlich die deutsche Nummer zwei.

In Abwesenheit des sicher gesetzten Manuel Neuers ging der Barcelona-Schlussmann im Kampf um den Platz hinter dem Münchner als klarer Punktsieger aus dem Turnier in Russland. Kevin Trapp musste den kompletten Confed Cup von der Bank aus verfolgen, ter Stegens verbliebener Rivale Bernd Leno bekam seine Chance im ersten Spiel gegen Australien - und erlaubte sich beim 3:2-Sieg des DFB-Teams gleich zwei Patzer.

Ter Stegen stand in der Folge in allen vier Spielen auf dem Platz. Fehlerfrei waren die Auftritte des 25-Jährigen zwar nicht, doch allemal zuverlässig genug (das Spiel gegen Mexiko war sogar ausgesprochen gut), um sich deutlich von seinen Kontrahenten abzuheben - auch wenn es spielerisch und in Sachen Strafraumbeherrschung noch viel Luft nach oben gibt.

Seite 4: Die Dreierkette ist eine starke Alternative

Die Dreierkette ist eine starke Alternative

Dass sich Joachim Löw beim Confed Cup für ein System mit Dreierkette entschied, war mutig. Er hatte die taktische Variante in der Vergangenheit zwar hin und wieder ausprobiert, mit Ausnahme des San-Marino-Spiels schickte er seine Mannschaft aber in der laufenden WM-Qualifikation immer mit einer Viererkette auf den Platz.

Das Turnier in Russland war nicht nur personell ein Testlauf, auch beim System probierte der Bundestrainer etwas aus. Und es stellte sich als valide Alternative heraus.

Wenngleich Löw auf der Dreierkette munter testete und im Laufe des Turniers Mustafi, Rüdiger, Ginter, Süle und sogar Kimmich durch das Abwehrzentrum rotierte, stand die Dreierkette meist stabil. Gerade vor dem Hintergrund der personellen Entwicklung, dass die Auswahl der hoch veranlagten Innenverteidiger deutlich größer als die der Außenverteidiger ist, ist es perspektivisch sinnvoll, eine Dreierkette zumindest im Repertoire zu haben.

Auch in der Spieleröffnung ergaben sich Möglichkeiten, da so etwa die Außenverteidiger noch mehr offensive Akzente setzen können. Die sechs Assists von Henrichs, Kimmich und Hector unterstreichen diese Stärke.

Seite 5: Kimmich hat sich endgültig emanzipiert

Joshua Kimmich hat sich mit dem Turnier endgültig emanzipiert

"Wie der jetzt in der Nationalmannschaft spielt, seitdem er weiß, dass er in der kommenden Saison bei Bayern München spielen soll - da ist jetzt bei ihm ein ganz anderes Selbstvertrauen vorhanden, das zu beobachten ist wunderbar."

Knapp eine Woche vor dem deutschen Confed-Cup-Erfolg äußerte Bayern-Präsident Uli Hoeneß diesen Satz über Joshua Kimmich, der damals schon seine Richtigkeit hatte, mit dem gewonnenen Finale gegen Chile aber noch einmal eine ganz andere Bedeutung erlangte. Denn sollte irgendjemand noch einen Beweis für Kimmichs Tauglichkeit für höchste Aufgaben gebraucht haben: Der Confed Cup - und speziell das Finale - lieferte diesen.

Der Münchner mauserte sich schnell zu einem der wertvollsten Akteure in Joachim Löws junger Mannschaft, egal ob rechts hinten in der Dreierkette oder als rechter Außenbahnspieler. Nach hinten agierte er als tadelloser Zweikämpfer und Wadenbeißer, im Spiel nach vorne ließ er sogar Deutschlands selbsternannten besten Stürmer Sandro Wagner mit einem Staunen zurück ("Kimmich ist unglaublich. Ich habe selten einen Spieler gesehen, der so gut flankt"). Die Unkenrufe, Kimmich sei ein reiner Sechser und als Außenverteidiger verschenkt - sie dürften noch in der Nacht des Triumphs verstummen.

Kimmich hat sich endgültig emanzipiert. Fußballerisch trotz einer Saison, in der er von Carlo Ancelotti unerklärlicherweise links liegen gelassen wurde. Aber auch in Sachen Auftreten. Im Finale wollte sein bayerischer Teamkollegen Arturo Vidal Kimmich an die Gurgel, der 22-Jährige stellte sich dem chilenischen Wüterich. Nach dem Spiel gab es kein Zurückrudern, keine Liebesbeweise und keine Nettigkeiten, sondern ein: "Er war halt sauer, dass sie 0:1 hinten waren und wir das Ding gewonnen haben."

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