Deutschlands streitbarer Held kämpft um seinen Ruf

Stefan Schnürle
Alexander Zverev (r.) trifft beim Davis-Cup-Duell gegen Spanien unter anderem auf Nadal (l.)

Im Davis Cup kämpft Deutschland gegen Spanien (Fr., ab 11.30 Uhr im LIVETICKER) um den ersten Halbfinal-Einzug seit 2007. Dass die deutschen Herren überhaupt wieder ein Wörtchen mitreden und selbst gegen die von Rafael Nadal angeführten Spanier nicht chancenlos sind, ist Alexander Zverev zu verdanken.

Doch aktuell kämpft der 20-Jährige nicht nur um seine Form, sondern auch um seinen Ruf. In diesem Jahr lief es noch nicht rund und dann war da noch der Zoff mit Ex-Coach Juan Carlos Ferrero, der ihm Undiszipliniertheit und Unpünktlichkeit bei Trainings unterstellte. 

Umso wichtiger war der jüngste Finaleinzug in Miami - doch nach der Niederlage gegen John Isner ging es nur noch um seinen zerhackten Schläger. Dass auch Roger Federer, Novak Djokovic, Andy Murray oder Boris Becker mit 20 Jahren tobten und mit Schläger warfen, wird oft vergessen.

"Lasst Alexander mehr wie Boris sein. Warum gewann Boris so jung Grand Slams? Weil ihm von Trainer Günther Bosch und seinem Umfeld die Zeit gelassen wurde, sein Spiel zu entwickeln, Fehler zu machen und Verantwortung zu übernehmen. Zverev wird diese Entwicklung nicht erlaubt", sagte Tennis-Legende Mats Wilander bei der Sport Bild.

Zverev wird oft zu passiv

Dabei zeigte das Miami-Finale, dass nicht Zverevs Emotionen, sondern seine Passivität auf dem Court das Hauptproblem ist. Besonders bei Big Points zog sich der Hamburger in seine Komfortzone hinter der Grundlinie zurück und hoffte, dass Isner Fehler machte. (SERVICE: Das Davis-Cup-Viertelfinale)

Bei Grand Slams wurde ihm diese Spielweise bereits häufig zum Verhängnis. Becker könnte hier Abhilfe schaffen. Immerhin verhalf die Tennis-Ikone selbst Defensivkünstler Novak Djokovic zu einer offensiveren Position auf dem Platz, was diesen fast unschlagbar machte.

Doch das Duo Becker und Zverev wird es zumindest vorerst nur beim Davis Cup geben. Becker will sich auf seine Aufgabe beim DTB fokussieren und Zverevs Team scheint unsicher zu sein, ob eine Becker-Verpflichtung nicht zu früh käme.


Gerüchte um Supercoach Lendl

Dafür könnte bald der frühere Becker-Rivale Ivan Lendl als neuer "Supercoach" von Zverev vorgestellt werden. Der achtmalige Grand-Slam-Sieger soll sich in Miami öfter im Camp von Zverev aufgehalten haben.

Eine Verpflichtung des Ex-Trainers von Murray könnte Sinn machen, denn auch der Schotte hatte bei Grand Slams lange Probleme. Dann stieß Lendl zum Team und machte aus Murray noch im gleichen Jahr einen Olympiasieger und Grand-Slam-Champion.

Der damals 24-Jährige hatte zuvor mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie Zverev: Murray agierte oft zu passiv und verlor ab und an die Kontrolle über seine Emotionen. "Lendl könnte Sascha auf das nächste Level bringen", sagte Ex-Profi Greg Rusedski bei Sky Sports UK.

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Zverev muss an Image arbeiten

Bei den Sympathiewerten wird Lendl dem Youngster jedoch kaum helfen können. "Ivan, der Schreckliche" galt stets als unterkühlt und unnahbar. Unnahbar trifft auch auf Zverev zu, der wie nur wenige andere Spieler polarisiert.

Seine zahlreiche Kritiker, vor allem aus Deutschland, legen Zverevs selbstbewusstes Auftreten als arrogant und seine Schlägerwürfe als rüpelhaft aus. Andere sehen dagegen sein großes Selbstbewusstsein und seinen grenzenlosen Ehrgeiz als wichtige Charakterzüge, um sich im Haifischbecken ATP-Tour durchzusetzen.

Dennoch ist sein Team um Manager Patricio Apey bedacht, Zverevs Außendarstellung zu verbessern. Eine erste Kostprobe sah man in Miami: Dort überreichte er einem 7-jährigen Fan, der wie eine Mini-Kopie von Zverev aussah, Stirnbänder und verabredete sich mit ihm zum Tennisspielen.

International dürfte Zverev damit Pluspunkte gesammelt haben, doch in Deutschland bekam dies kaum jemand mit. Hierzulande haben ihm viele seine beiden Davis-Cup-Absagen - auch wenn sie sich positiv auf seine Einzel-Karriere auswirkten - noch nicht verziehen.

Nadal schlagen und Deutschland ins Davis-Cup-Halbfinale führen, wäre aber sicher ein guter Anfang, damit auch die Deutschen ihren Heißsporn irgendwann ins Herz schließen.