Deutschlands Krimi-Sieg: War das die Initialzündung?

Der Zittersieg gegen die Schweden hält Deutschland nicht nur im Rennen, sondern könnte auch ein Zeichen an die Konkurrenz gewesen sein: Mit dem amtierenden Weltmeister ist weiter zu rechnen.

Die deutschen Spieler bejubeln den 2:1-Siegtreffer von Toni Kroos

Es sind die zweiten Spiele bei großen Turnieren, bei denen deutsche Mannschaften die ganze Klaviatur der Emotionen spielen. Einmal trickste Herberger gegen die Ungarn, ganz oft ging eine zweite Partie schief und Deutschland stand im letzten Gruppenspiel mit dem Rücken zur Wand. 2008 war das so und 2010, selbst beim Triumph in Brasilien drohte nach dem zweiten Spiel das Aus.

Und dann gibt es noch die Initialzündung. Das 2:1 nach Verlängerung gegen besonders renitente Algerier vor vier Jahren wurde im Nachhinein von den Weltmeistern als Knackpunkt im Turnierverlauf bezeichnet. Der Tag, an dem die deutsche Mannschaft eine ganz Nation mitnahm auf einen wilden Ritt, war der 14. Juni 2006, ein Mittwochabend. Dortmunder Westfalenstadion, Deutschland gegen Polen. Die Polen nach ihrer Auftaktniederlage mit dem Rücken zur Wand und in den letzten Minuten mit einem Spieler weniger.

Deutschland ganz gut gestartet gegen Costa Rica, aber doch nicht gefestigt und fragil in der Defensive. Die deutschen Fans bleiben skeptisch und jetzt gegen nur zehn Polen, da muss ein Sieg her. Nicht unbedingt, um damit den Einzug ins Achtelfinale perfekt zu machen. Sondern um ein Zeichen zu setzen an die Konkurrenz.

Aber es geht nicht viel gegen die Polen und wenn mal was geht, dann vergibt Deutschland seine Chancen kläglich. Bis hinein in die Nachspielzeit geht das so. Bis ein Lupfer von Bernd Schneider den eingewechselten David Odonkor auf die Reise schickt. Bis Odonkor flankt und in der Mitte der ebenfalls eingewechselte Oliver Neuville den Ball über die Linie drückt. Es war der Kickstart in den heißen Sommer 2006, hinein ins Sommermärchen. Der Beweis, dass mit dieser Mannschaft zu rechnen sein wird und für das Team selbst die Bestätigung: Mit Willen und Leidenschaft ist vieles möglich.

Zeichen an die Konkurrenz

Nun ist das Spiel gegen die Polen, die Odonkor-Neuville-Kombination schon zwölf Jahre her. Am Samstagabend in Sotschi erlangte dieser eine Moment aber so etwas wie eine kleine Renaissance. Deutschland stand am Abgrund, gegen die Schweden lief nicht viel, das Remis wäre zu wenig. Dann Freistoß, dann Toni Kroos. Und aus größtmöglicher Häme über das anzunehmende Ausscheiden wurde mit einem Schuss die Hoffnung auf den großen Wendepunkt.

Die drei lebenswichtigen Punkte sind der faktische Beleg, die Art und Weise, wie sich Deutschland zu diesem Sieg gearbeitet hat, können ein Zeichen sein an den Rest: Wir sind wieder da. Denn wer solche Spiele gewinnt, wer schon direkt vor dem Exitus steht, ein Tor zu wenig auf der Tafel und einen Spieler weniger auf dem Platz und doch überlebt, der zieht daraus manchmal mehr Energie als aus einem glatt herausgespielten Sieg.

“Das kann ein Wendepunkt sein”

“Jetzt fliegen die Schmetterlinge. Das kann natürlich ein Wendepunkt sein. Das werden wir erst nach dem Turnier sehen, aber jetzt sind wir im Turnier”, sagte Thomas Müller. Der Münchener ist einer der Spieler, die bisher noch gar nicht angekommen sind in diesem Turnier, auch gegen Schweden blieb Müller weit unter seinen Möglichkeiten. Aber Müller sieht die Mannschaft nun im Turniermodus, er sieht ein Team, das von Spiel zu Spiel besser wird.

Mit einem Trainer, der gegen die Schweden alles riskiert und alles gewonnen hat. Trotz Unterzahl setzte Joachim Löw alles auf Sieg, alles andere wäre auch töricht gewesen. Aber Löw riskierte damit das endgültige Aus an diesem Abend von Sotschi. Ohne Hintertürchen oder doppelten Boden.

Deutschland ist noch fünf Endspiele vom großen Ziel entfernt, das ist noch ein verdammt langer Weg und niemand weiß, ob er auch zu Ende beschritten wird. Aber wenigstens gibt es jetzt noch mindestens ein weiteres Endspiel, am Mittwoch gegen Südkorea. Eine ganze Zeit lang schien es, als würde dieses dritte und letzte Gruppenspiel nicht mehr sein als ein Testspiel unter Wettkampfbedingungen.