Deutschlands Frauen bekommen wenig Rente

In keinem Industrieland klaffen die Renten von Frauen und Männern so weit auseinander wie in Deutschland. Das zeigt eine neue Studie – und benennt auch die Gründe.


Für 18 Frauen war 2016 in Sachen Gleichstellung ein historisches Jahr. In den Chefetagen der größten deutschen Konzerne verdienten im Vorjahr erstmals weibliche Vorstände mehr als ihre 125 männlichen Kollegen: Im Schnitt gingen 3,00 Millionen Euro auf ihrem Konto ein, gegenüber 2,86 Millionen Euro bei den männlichen Dax-Vorständen. Das zeigte gerade eine Auswertung der Unternehmensberatung EY. „In den Vorständen der Dax-Unternehmen ist zumindest bei der Vergütung die Gleichberechtigung erreicht“, bilanzierte EY-Partner Jens Massmann.

Wenige Tage später wartet die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mit einem scharfen Kontrast auf. In der heute präsentierten Studie zur Gleichstellung von Männern und Frauen heißt es: „Deutschland hat das größte Rentengefälle zwischen Männern und Frauen in der OECD“: Nach diesen Zahlen von 2014 fielen die Altersbezüge der Frauen hierzulande im Schnitt um 45,7 Prozent niedriger aus als die Renten der Männer. In keinem Industrieland geht die Schere im Alter weiter auseinander. Das geht aus der Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC) hervor. Demnach verdienten Frauen hierzulande im selben Jahr zudem im Durchschnitt 17,1 Prozent weniger als Männer – auch dieser Wert liegt jenseits des OECD-Schnitts von 14,3 Prozent.

„In Deutschland ist die Rente ein sehr genaues Abbild der Erwerbsbiographien“, heißt es dazu bei der deutschen OECD-Dependance in Berlin. Anders ausgedrückt: Wer im Laufe seines Lebens weniger Erwerbsarbeit leistet und weniger verdient, hat auch im Alter weniger Geld zur Verfügung. Eine Folge des deutschen Rentensystems. Denn: „Im Gegensatz zu vielen anderen OECD-Ländern gibt es in Deutschland keine Mindestrente.“

 


Ein wesentlicher Schlüssel, um die Lücke bei den Rentenansprüchen zu schließen, liegt also auf dem Arbeitsmarkt. „Die Bildung und Kompetenzen von Frauen werden auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht voll ausgeschöpft“, stellt die OECD dazu fest. Die Studie liefert dafür deutliche Anhaltspunkte. Etwa in der Art der Beschäftigung: So arbeiten knapp 37 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Teilzeit. Höher ist der Anteil nur in den Niederlanden und der Schweiz.

Oder bei den Bildungsabschlüssen. Zwar machen mit einem Anteil von 48,5 Prozent fast genauso viele Frauen wie Männer einen Bachelor. Doch Fächer wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik sind bei Frauen nach wie vor weniger gefragt. Dabei versprechen gerade solche MINT-Abschlüsse einen lukrativen Verdienst. Stattdessen entscheiden sich Frauen häufiger für geringer bezahlte Jobs, etwa in sozialen Berufen. Leicht unterdurchschnittlich ist überdies der Frauenanteil in Führungspositionen: In Deutschland lag er 2016 bei 29,3 Prozent, OECD-weit bei 31,2 Prozent.

Lobend erwähnen die Experten, dass seit 2013 rund zwei Drittel ihrer Mitgliedsländer etwas für mehr Gleichstellung unternommen hätten. Auch hierzulande wurde der Gesetzgeber tätig: So trat Anfang 2016 eine Frauenquote für Aufsichtsräte in Kraft. Im Juli dieses Jahres folgte das Entgeltgleichheitsgesetz, das für mehr Lohntransparenz in Unternehmen sorgen soll.

 


Die OECD attestiert ihren Mitgliedstaaten in jüngster Zeit insgesamt aber „nur geringe Fortschritte“. Der Soziologe Rainer Geißler hält dagegen: „Wer meint, Gleichstellung könnte man innerhalb eines Jahrzehnts erreichen, hat falsche Vorstellungen.“ Sozio-ökonomische Unterschiede zwischen Männern und Frauen hätten sich über Jahrzehnte nachweislich abgeschwächt: zunächst in der Bildung, später auf dem Arbeitsmarkt. Dagegen hat sich die gesellschaftliche Debatte um die Gleichstellung der Geschlechter gänzlich gegenläufig entwickelt. „Mit der Verringerung der geschlechtstypischen Unterschiede erhöht sich zugleich die Sensibilität gegenüber den verbliebenen“, stellt Geißler fest.

 Wer in den vergangenen Monaten mit offenen Augen durch die Straßen lief, erkannte etwa die Brisanz des Themas Lohnungleichheit. So plakatierte die SPD im jüngsten Bundestagswahlkampfes: „Wer als Frau 100 Prozent leistet, darf nicht 21 Prozent weniger verdienen.“ Das blieb nicht unwidersprochen. Die Sozialdemokraten verwiesen auf eine Statistik des Statistischen Bundesamtes zum durchschnittlichen Brutto-Stundenlohn. Aus den Daten vom März dieses Jahres geht aber noch etwas anderes hervor: Für vergleichbare Tätigkeiten verdienen Frauen noch rund sechs Prozent weniger als Männer – wenn man all die anderen Faktoren, vor allem die hohe Teilzeitquote, berücksichtigt.