Deutschland wählt seinen Lieblingsvogel

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Zutraulicher Sympathieträger mit wunderschönem Gesang: das Rotkehlchen ist der «Vogel des Jahres».
Zutraulicher Sympathieträger mit wunderschönem Gesang: das Rotkehlchen ist der «Vogel des Jahres».

Endlich mal eine Wahl ohne lange Reden und dicke Programme. Bei der Wahl zum «Vogel des Jahres» konnte man einfach für den sympathischsten Kandidaten stimmen.

Hilpoltstein/Berlin (dpa) - Die Corona-Krise hat auch die Sicht der Menschen auf die Natur verändert. Was vor unserem Haus fliegt, krabbelt und wächst, ist vielen Menschen stärker ins Bewusstsein gerückt.

Es passiert ja nicht viel, da kann man stundenlang die Vögel vor dem Fenster beobachten und später stolz die Bilder vom neuen Futterhäuschen posten, das dank Webcam besonders nahe Einblicke ermöglicht.

Das täglich mit Walnüssen versorgte Krähenpaar der Gegend, das Eichhörnchen aus dem Hinterhof und andere Tiere aus dem direkten Umfeld sind zum beliebten Small-Talk-Thema geworden. Dass das Rotkehlchen - Deutschlands wohl beliebtester Singvogel - der «Vogel des Jahres» 2021 ist, wundert einen da kaum.

Seit 50 Jahren vergeben der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und der bayerische Landesbund für Vogelschutz (LBV) den Titel. Doch im Jubiläumsjahr durfte erstmals die Bevölkerung Deutschlands Super-Vogel küren.

Am Freitagabend gaben Nabu und LBV den gefiederten Wahlsieger per Live-Stream im Internet bekannt - und es blieb bis zur letzten Minute spannend. Über Wochen lieferten sich das Rotkehlchen und die Rauchschwalbe ein Kopf-an-Kopf-Rennen, gefolgt von Kiebitz, Feldlerche, Stadttaube, Haussperling, Goldregenpfeifer, Blaumeise, Eisvogel und Amsel. Am Freitag dann entschied das Rotkehlchen das Rennen knapp für sich.

Viele Wahlkampf-Teams gingen bis zum Schluss auf Stimmenfang für ihren Favoriten - und dass diese immer für eine Überraschung gut sind, zeigte sich bereits in der Vorrunde, als die zehn Finalisten unter den 307 heimischen Arten gewählt wurden. Dort landete die Stadttaube - ein eher polarisierender Vogel - zur Verwunderung der Naturschützer auf dem ersten Platz und damit auch im Finale.

Dem vielen Menschen unbekannten, weil seltenen Goldregenpfeifer verhalf wahrscheinlich der Schriftsteller Saša Stanišić in die Endrunde. Mit markigen Sprüchen, niedlichen Fotos und viel Wissenswertem rührte dieser in den sozialen Medien kräftig die Werbetrommel. Und nicht nur dort.

Das Prachtkleid seines Lieblingsvogels sei wunderschön anzusehen, schwärmt Stanišić in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. «Es ist goldgesprenkelt und schimmert wahnsinnig schön in der Sonne.» Mit seinem Wahlkampf wolle er dem vom Aussterben bedrohten Goldi - wie ihn seine Fans liebevoll nennen - zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Was gelang: Der Außenseiter konnte immerhin den 7. Platz erobern.

Auch der Kiebitz sei stark gefährdet, hält Sebastian Amler dagegen. «Der Kiebitz ist ein wunderschöner Vogel mit seinem auffälligen Federkamm und seinem schimmernden Gefieder», betont er.

Mit dem Wahlkampfspruch «Kleine Felder und auch nass, das macht unsrem Kiebitz Spaß!», konnte sein Team von der LBV-Kreisgruppe in Fürth zahlreiche Stimmen für den Flugakrobaten einsammeln und lag zuletzt in der Rangliste der erfolgreichsten Wahlkämpfer kurz hinter den «Goldregenpfeifer-Ultras» von Saša Stanišić. Am Ende landete Amlers Favorit auf Platz 3.

Die Gefährdung eines Vogels ist nach Angaben des LBV jedoch nicht ausschlaggebend dafür, dass er «Vogel des Jahres» wird. Normalerweise stehen die «Vögel des Jahres» stellvertretend für ein größeres Naturschutzthema. Doch in diesem Jahr sollten die Menschen einfach ihren Lieblingsvogel wählen, unabhängig davon, ob dessen Lebensraum besonders wertvoll ist oder ob er Vogelkundler begeistert. In den vergangenen zwei Monaten taten dies nach Nabu-Angaben mehr als 340.000 Vogelfans.

«Die Kinos und Theater haben zu. Die Vögel aber sind immer draußen und singen», erklärt sich Stefanie Bernhardt vom LBV in Hilpoltstein die große Beteiligung. Dass es mehr Interesse an Vögeln gibt, merkt der LBV seit dem vergangenen Jahr ganz deutlich: Über das Internet und die Hotline meldeten sich spürbar mehr Menschen, die Fragen zur Vogelbestimmung, zur richtigen Futterstelle oder zu selbstgemischtem Futter hätten, sagt Bernhardt.

Dass das Rotkehlchen die Herzen besonders vieler Wählerinnen und Wähler höher schlagen lässt, wundert Silvia Teich vom Nabu deshalb nicht: «Es ist ein totaler Sympathieträger. Es ist niedlich - und jeder hat es schon einmal gesehen.»

Auch die Fachleute können dem Singvogel mit der orangefarbenen Brust viel abgewinnen - wegen seines wunderschönes Gesangs und weil er so zutraulich sei, dass er einem im Winter bei der Gartenarbeit schon mal auf den Spaten hüpfe, sagt Wolfgang Fiedler, Präsident der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft. Auch als Vogelschutz-Botschafter sei das Rotkehlchen gut geeignet, denn in öden Schottergärten und auf gepflegtem Rasen mit Konifere fühle es sich nicht wohl. «Wenn alle unsere Gärten und Grünanlagen wenigstens rotkehlchentauglich wären, hätten wir schon viel gewonnen.»

Die große Begeisterung für die Wahl hat die Naturschutzverbände auf jeden Fall überzeugt. Künftig werde die Bevölkerung den «Vogel des Jahres» immer aus fünf Vogelarten wählen dürfen, kündigt Nabu-Bundesgeschäftsführer Leif Miller während der Siegerehrung an. Die Wahl sei ein Experiment gewesen, das definitiv geglückt sei.