„Die EU sollte Zölle auf Autos senken“

Zölle senken statt Handelskrieg anfachen: Das fordert Welthandel-Experte Rolf Langhammer vom neuen Kabinett. Warum die Maßnahme Trump besänftigen – und langfristig sogar den deutschen Autobauern nützen könnte.

Herr Langhammer, Österreich ist gerade in Mannschaftsstärke nach China gereist, um im Handelsstreit zu intervenieren. Warum hält sich die deutsche Regierung in der Sache bislang so zurück?
Die deutsche Regierung ist doch ständig in voller Besetzung in China präsent, um die Handelsbeziehungen zu pflegen. Da haben wir nun wirklich keinen Nachholbedarf.

Bringt der medienwirksame Auftritt der Österreicher denn was?
Für die Handelsstreitigkeiten jedenfalls nicht. Dafür ist die EU-Kommission zuständig. Es kann aber sein, dass die Österreicher bei der Investitionspolitik eine eigene Linie suchen. Und da könnte es zu unterschiedlichen Positionen zwischen den EU-Mitgliedern kommen, weil Investitionspolitik keine gemeinschaftliche Politik ist. Hier wäre Geschlossenheit wünschenswert.

China lockt schon länger mit einem Freihandelsabkommen...
...und die EU hat immer gesagt, dass es dafür erst einmal ein Investitionsschutzabkommen braucht. Aber da geht es schon länger nicht voran, weil die China wichtige Forderungen der EU nicht akzeptieren will.


Geht die Taktik der EU denn im aktuellen Handelsstreit auf?
Naja, eine richtige Strategie hat die EU ja bislang gar nicht. Sie steht zwischen China und den USA, irgendwo zwischen Birke und Baum. Sie versucht, zusammen mit Partnerländern die WTO zu stärken. Und sie versucht, über Unternehmen, die in den USA investieren, an Trump ranzukommen und ihn doch noch zu beschwichtigen und davon zu überzeugen, dass seine Handelspolitik auch für die USA ziemlich teuer würde. Ob die EU damit Erfolg hat, bezweifle ich aber.

Wie sollte sich Europa aufstellen?
Die EU sollte die Zölle auf Autos senken! Ich weiß: das hört sich erst einmal paradox an. Aber es hätte zwei positive Effekte. Zum einen wäre es eine Art handelspolitische Landschaftspflege. Und zum anderen würden deutsche Autobauer davon auf lange Frist sogar profitieren.


Das sehen die Manager in Wolfsburg, München und Ingolstadt sicher anders.
Mag sein. Aber es ist doch so: Die deutsche Autoindustrie ist momentan sehr auf die Montage der verschiedenen Bauteile fokussiert. Und die aktuelle Zollstruktur zementiert diese Ausrichtung, weil wir relativ hohe Einfuhrzölle auf Autos haben, aber quasi keine für Bauteile aus dem Ausland, einschließlich der EU Partner. In Zukunft wird diese Produktionsstruktur aber angesichts des Strukturwandels zu neuen Antriebsaggregaten wahrscheinlich ohnehin unwirtschaftlich sein.


"Trump geht immer nach dem gleichen Muster vor"

Und wie sollen da niedrigere Zölle helfen?
Sie würden einen Anreiz setzen, sich statt der Montage von importierten Bauteilen auf die eigene Entwicklung hochwertiger Bauteile, zum Beispiel Batterien für Elektroautos, zu konzentrieren. Die deutsche Autoindustrie würde dann tatsächlich in die Zukunft investieren.

Viele Ökonomen fordern das Gegenteil und wollen, dass die EU ebenfalls mit Strafzöllen droht.
Da kann ich nur den Kopf schütteln. Eine unkluge Maßnahme mit einer ebenso unklugen Maßnahme zu kontern, das hat ökonomisch noch nie Sinn ergeben. Wenn man so etwas macht, verlieren alle.


Es scheint aber die einzige Sprache zu sein, die Trump versteht.
Die Frage ist doch, welche Sprache er überhaupt versteht. Trump geht immer nach dem gleichen Muster vor: Erst droht er, dann dealt er, und am Schluss beansprucht er den Sieg für sich. Das ist vor allem Wahlkampfgetöse. Und es funktioniert nur mit schwächeren Verhandlungspartnern. China und die EU sind aber nicht schwächer als die USA. Deswegen hoffe ich, dass seine Berater Trump noch klar machen werden, dass seine Taktik diesmal nicht aufgehen wird.

Kollegen von Ihnen behaupten, dass die EU in der Sache ohnehin nichts ausrichten und höchstens den Schaden begrenzen kann.
Das sehe ich anders. Die EU kann schon versuchen, ein Vorbild zu sein und Partnern Rückendeckung geben. Sie kann außerdem helfen, der WTO wieder Autorität zu verschaffen. Das Problem dabei ist nur, dass auch viele Handelspolitiker merkantilistisch geprägt sind und glauben, das größte Wohl liege vor allem darin zu exportieren. Solange dieser Glauben vorherrscht, werden wir immer wieder mehr oder weniger heftige Handelskriege erleben.