Warum Deutschland so nervös wie selten ist


Kindererziehung war schon mal einfacher. Zumindest in Zeiten, als man den Nachwuchs wirklich noch dessen Eltern überlassen hat. Herr K. steht zwischen zwei Supermarktregalen vor seinem sechsjährigen Sohn, der sich schreiend auf dem Boden wälzt. Ein Bewusstsein für die Keimbildung auf bundesdeutschen Supermarkt-Bodenfliesen geht Sechsjährigen ja völlig ab. Dafür wissen sie genau, dass sie ohne die Schokoriegel-Großpackung keine Sekunde mehr weiterleben können. „Uääääh, ich hasse dich!“

Der archaische Reflex wäre, den Jungen anzuschreien er solle die Klappe halten, um ihn dann am Oberarm Richtung Kasse zu zerren. Aber da könnte er sich auch – „Heil Hitler“ intonierend – nackt in die Käsetheke legen. Also versucht Herr K. es mit Vernunft und Bestechung. Er beugt sich über seinen schreienden Sohn und flüstert ihm zu, er besorge ihm auch seine drei noch fehlenden Panini-Bildchen der kroatischen Fußball-Nationalmannschaft. Der Junge schreit weiter.

„Früher hätt‘s das nicht gegeben“, mischt sich als erstes ein Mittfünfziger in schlammfarbenem Blouson ein. „Ach ja, da haben Leute wie Sie einfach mal kurzen Prozess gemacht, was!“, steht plötzlich ein junger Typ mit Dreadlocks und Skateboard unterm Arm daneben. „Ja, ja, immer gleich die Nazi-Keule schwingen!“, blafft der Senior zurück. „Jetzt alle ma Ruhe habbe“, ruft eine kompakte Supermarkt-Fachkraft in gestärktem Kittel dazwischen.

Der einzige, der sich allmählich beruhigt, aber noch auf dem Boden liegt, ist Herr K.s Sohn.


„Wann wir uns beruhigen, können Sie schon uns überlassen“, blafft eine junge Mutter, die auf dem Dach ihres Bugaboo-Kinderwagens allerlei frischestes Obst und Gemüsesmoothies gestapelt hat. „Ich finde es zum Beispiel empörend, dass Sie unseren Kindern immer noch diese Zuckerbomben andrehen. Das ist Völkermord!“ Jetzt wird ihr eigenes Kind wach und fängt an zu schreien. „Klar, die noble Frau Ober-Veganerin befreit am Wochenende sicher auch Masthühnchen. Wer ist hier der Nazi?“, höhnt der Mittfünfziger.

„Ich ruf jetzt die Polizei“, sagt ausgerechnet der Dreadlock-Wuschel und tippt auf seinem Smartphone rum. „Hier ist eh kein Empfang. Servicewüste Deutschland“, zischt ein Anzugträger im Vorbeigehen, während jetzt alles durcheinander schreit: „Das Land geht vor die Hunde.“ „Das muss nix gefalle lass, wisse.“ „Sie Faschist!“ „Sind wir schon wieder so weit in Deutschland?“ „Trullas wie Sie mit Ihrem Salatfimmel gehören doch einfach mal wieder....“ 

Den Rest kann Herr K. nicht mehr verstehen. Er hat sich mit seinem verwundert dreinblickenden Sohn an allen Kontrahenten vorbei gemogelt. Als sie sich in der Kassenschlange einreihen, kommt ein gelangweilter Polizeibeamter durch den Eingang. Die Nerven liegen blank im Land. Und das liegt nicht nur an Özil oder Müller und selbst wenn mal ausnahmsweise kein einziger allein reisender Flüchtling aus sicherem Herkunftsland eine Rolle spielt.

Herr K. schenkt seinem Sohn noch ein paar Snickers. Manchmal ist Kindererziehung auch ganz einfach. Und der Junge hat heute wirklich viel gelernt.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt’s auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK