Deutschland kann auch ohne russisches Gas. Aber wie lange noch?

(Bloomberg) -- Deutschland wird diesen Winter wohl ohne russisches Gas überstehen, auf das es bisher angewiesen war. Die Frage ist nun, ob die Lücke auch in den kommenden Wintern geschlossen werden kann — und zu welchem Preis.

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Seit September ist kein russisches Pipelinegas mehr nach Deutschland geflossen. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass es in den kommenden Monaten zu Engpässen kommen wird — eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass vor dem Einmarsch in die Ukraine 52% der Importe aus Russland kamen.

Flüssiggas (LNG) sowie Pipelinegas aus Norwegen und den Niederlanden haben Industrie und Haushalte vor möglichen Rationierungen und Stromausfällen bewahrt — und die gute alte Kohle.

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Dieser Erfolg, der das Land 46 Milliarden Euro kosten könnte, wird durch das unerwartet milde Wetter begünstigt, das die Heiznachfrage in Grenzen hält.

Der Erfolg in den kommenden Jahren steht auf mehreren wackligen Beinen.

Jagd nach Flüssiggas

Bundeskanzler Olaf Scholz sagte letzte Woche gegenüber Bloomberg, Deutschland habe seine Lektion aus der zu großen Abhängigkeit von Russland gelernt. Sein Ziel, LNG-Kapazitäten aufzubauen, um russisches Erdgas zu ersetzen, wird jedoch nach Schätzungen der Regierung nicht vor 2026 erreicht werden.

Doch Kapazitäten sind nur die halbe Miete: Ohne langfristige Verträge stehen LNG-Käufer auf den internationalen Märkten in hartem Wettbewerb. Und die weltweit verfügbare Menge an LNG wird voraussichtlich in den nächsten drei Jahren nicht wesentlich steigen.

Wenn sich Chinas Wirtschaft nach der Lockerung der Covid-19-Beschränkungen wieder erholt, könnten viele Mengen für Europa nicht mehr verfügbar sein. Ein 15-Jahres-Vertrag, den Deutschland mit Katar unterzeichnet hat, entspricht pro Jahr nur etwa 6% des 2021 aus Russland bezogenen Pipelinegases.

“Die größte Herausforderung für Deutschland in den nächsten Jahren ist die Gewinnung von LNG als Grundlastquelle”, sagt Simone Turri, Leiterin des westeuropäischen strukturierten Handels beim Schweizer Energiehändler MET International. “Der Ausbau von LNG-Terminals ohne neue Verträge löst das Problem nicht.”

Neue Abhängigkeit

Norwegen und die Niederlande haben vom Ausfall Russlands massiv profitiert. Doch ihre Kapazität als Lieferant ist nicht unbegrenzt. Norwegen ist mit einem Anteil von 33% zum größten Lieferant geworden. Oslo geht davon aus, dass die Lieferungen in den nächsten vier bis fünf Jahren konstant bleiben, dann aber allmählich abnehmen, da seine Vorkommen zur Neige gehen.

Die Niederlande haben ihren monatlichen Anteil an den deutschen Importen bis Dezember verdreifacht, so der Branchenverband BDEW. Das meiste davon stammt allerdings aus dem Groningen-Gasfeld, das im nächsten Jahr stillgelegt werden soll, weil die Produktion zu Erdbeben geführt hat. “Diese Länder können ihre Gasexporte nur begrenzt steigern”, so Turri.

Wechselhaftes Wetter

Die Durchschnittstemperatur war im vergangenen Jahr 1,1 Grad höher als das Mittel der vorigen vier Jahre. Berlin und andere Städte brachen im Winter Rekorde. Diese außergewöhnliche Wärme trug dazu bei, den Gasverbrauch um 14% zu senken, so die Bundesnetzagentur. Die Preise sanken und halfen auch die Inflation und den mit ihr einher gehenden Druck auf die Politik zu verringern.

“Die günstigen Wetterbedingungen spielen uns derzeit in die Hände”, sagte Timm Kehler, Vorsitzender der Gaswirtschafts-Lobby Zukunft Gas. “In normalen Jahren könnte die Situation viel fragiler sein.”

Wiederauferstehung der Kohle

Der schmutzigste fossile Brennstoff galt als Auslaufmodell, doch die Krise hat ihn wieder zum Leben erweckt. Die Bundesregierung hat einigen Kohlekraftwerken, die bereits stillgelegt waren, wieder den Betrieb erlaubt. Das löste Proteste aus und könnte Scholz und seinen grünen Koalitionspartner politisch noch teuer zu stehen kommen.

Mehr als ein Drittel des Stroms wird derzeit aus Kohle erzeugt. Die RWE AG, die ihre Kapazitäten für saubere Energie in diesem Jahrzehnt verdreifachen will, hält an Plänen fest, in Westen Deutschlands weiter Braunkohle abzubauen.

“Deutschland wird weiterhin auf Kohle setzen und die Kraftwerke mit maximaler Kapazität betreiben müssen”, sagte Klaus-Dieter Borchardt, ein leitender Berater für Energiefragen bei Baker McKenzie. “Es gibt nicht so viele Alternativen zu russischem Gas.”

Überschrift des Artikels im Original:Germany Beat Putin’s Energy Squeeze. But for How Long?

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