Deutschland muss bei der Digitalisierung aufholen

Skandinavien, Niederlande, Korea und die USA: Sie sind in fast allen Aspekten der Digitalisierung besser als Deutschland. Nur bei der Industrie 4.0 schneidet die hiesige Wirtschaft im neuen OECD-Vergleich gut ab.


Als FDP-Chef Christian Lindner noch zur Schule ging, gleichzeitig aber schon eine Beratungsfirma betrieb, sagte er einem Filmteam in die Kamera: „Probleme sind dornige Chancen.“ Als wahrscheinliches Mitglied einer möglichen Jamaika-Koalition dürfte er viele derartige Chancen vorfinden – vor allem mit Blick auf die Digitalwirtschaft.

Wo die Herausforderungen liegen, kann die werdende Bundesregierung jedenfalls seit diesem Mittwoch im neuen Digital-Wirtschaftsausblick studieren. Deutschland liegt im Vergleich der Industrieländer meist irgendwo im Mittelfeld. Nur in der digitalen Ressourcenplanung ist das Land führend.

In allen anderen Kategorien gibt es oft zahlreiche Länder, die besser abschneiden. Finnland, Dänemark, Schweden, die Niederlande, Südkorea und die USA sind fortschrittlicher. Das fängt an beim Breitbandausbau, der sich zu sehr auf die Großstädte beschränkt, und endet beim Cloud-Computing, dessen Nutzung in Deutschland weniger verbreitet ist als im Durchschnitt der Industrieländer.


Recht gut schneidet Deutschland immerhin bei Industrie 4.0 ab. Aber auch beim Einsatz von Robotern in der Produktion liegen nach dem OECD-Bericht Japan, die USA und Korea noch vor dem Exportweltmeister, der beim Export digitaler Services diesen Titel ebenfalls nicht halten kann: Irland, Indien, die Niederlande und die USA liegen vor Deutschland.

Immerhin verfügen hierzulande alle Großunternehmen über Breitbandanschlüsse, und 90 Prozent aller Firmen unterhalten eine Website. Der Anteil der in der Informationstechnologie Beschäftigten liegt mit dreieinhalb Prozent jedoch deutlich niedriger als im führenden Südkorea mit einem Anteil von 4,5 Prozent an allen Beschäftigten. Bei Big Data ist der Anteil an Firmen, die dies anwenden, nur für den vorletzten Platz im Vergleich gut. Ein kleiner Trost mag sein, dass auf diesem Feld auch das sonst oft führende Südkorea schwächelt und den letzten Platz belegt.

Im Privatleben gilt hierzulande noch immer: Junge und mittelalte Menschen nutzen Internet und Smartphone, Ältere ab 55 Jahren sowie schlecht ausgebildete hängen zurück. Führend ist Deutschland wiederum bei der Sorge um die Datensicherheit. Diese Sorge hat allerdings weltweit in den Jahren 2015 und 2016 deutlich zugenommen. Offenbar aus nachvollziehbaren Gründen: Die Zahl der Personen, die eine Daten-Attacke selbst erlebt haben, ist deutlich gestiegen. Denn technikfeindlich sind die Deutschen nach einer Umfrage Auftrag des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) nicht: 75 Prozent erwarten mehr Vorteile als Nachteile durch die Digitalisierung.


Der Fortschritt dürfte auch dann eher begrüßt werden, wenn sich die Politik den Schattenseiten nicht verschließt: Zugenommen hat in den letzten Jahren die Marktkonzentration, vor allem bei den Unternehmen, die Digitalplattformen betreiben: Sie alle, von Apple, Google, Amazon und Facebook bis Alibaba, sitzen heute entweder in den USA oder in China. In allen anderen Industriestaaten ist das Bewusstsein gewachsen, dass sie mehr tun müssen, um den digitalen Wandel zu gestalten, schreibt die OECD.

Die Empfehlungen an die Regierungen sind altbekannt: Die digitale Infrastruktur muss ausgebaut, Breitband zum Standard werden. Und die Aus- und Weiterbildung sollte verbessert werden. In Dänemark, einem der besten Länder in dem Bericht, ist auch der Anteil der Älteren im Internet höher als im OECD-Durchschnitt.