Deutschland hinkt bei der künstlichen Intelligenz hinterher

Beim Treffen des CDU-Wirtschaftsrates muss Anja Karliczek Kritik einstecken. Die Forschungsministerin kündigt aber bis zum Herbst einen „Masterplan Künstliche Intelligenz“ an.


Der Zeitpunkt für die Podiumsdiskussion beim Wirtschaftstag des CDU-Wirtschaftsrates hätte nicht besser sein können. Nur ein paar hundert Kilometer entfernt von Berlin werden gerade die neuesten technologischen Entwicklungen bei der Cebit in Hannover vorgestellt – selbstlernende Software, humanoide Roboter, Blockchain-Anwendungen. In vielen Fällen kommen die Hersteller nicht aus Europa.

Deutschland hinkt im internationalen Vergleich bei entscheidenden Technologien hinterher. Im Bereich Industrie 4.0 schaue die Welt bereits auf Deutschland, stellte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) fest, das wolle man auch bei KI erreichen. Bis Herbst dieses Jahres will die Große Koalition dafür einen „Masterplan Künstliche Intelligenz“ entwickeln.

Auf Nachfrage von Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe, der die Diskussion moderierte, zählt Karliczek auf, was darin enthalten sein soll: Mehr Fokus auf die nötige Ausbildung, stärker in der Forschung werden, Transfer der Forschungsergebnisse in die Wirtschaft gewährleisten. Aber auch: Vertrauen aufbauen. „Wir merken jetzt schon, dass sich die Extreme massiv verstärken“, warnte Karliczek.


Viele Menschen hätten Angst, dass die Digitalisierung ihnen den Arbeitsplatz nimmt. Die Unsicherheit sei auch deshalb so groß, weil keiner sagen könne, welcher Arbeitsplatz wegfalle. KI könne Menschen künftig zeitraubende Arbeit sparen, damit in Zukunft mehr Zeit für die wichtigen Dinge bleibe, so Karliczek. „Aber wir wollen bestimmt nicht alles, was jetzt möglich ist, auch umsetzen.“

Vertrauen in künstliche Intelligenz zu schaffen, nannte auch Victoria Espinel, Chefin des Software-Verbands BSA als wichtige Säule für eine erfolgreiche technologische Entwicklung. „Künstliche Intelligenz ist mitnichten etwas, das noch lange in der Zukunft liegt“, sagte sie. Wir müssten jetzt die Gefahren und Chancen analysieren.

Rüdiger Stroh, Chef von NXP Semiconductors Deutschland hingegen kritisierte die Bundesregierung scharf dafür, dass sie erst einmal darüber diskutiert, wo denn das geplante KI-Zentrum demnächst sein soll und eine Debatte über die Technologie führen will, anstatt zu handeln.

Erst vor kurzem hatte sich eine Ministerrunde unter Leitung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit KI-Experten und Unternehmensvertretern getroffen. „Während wir eine ausgewogene Debatte haben, haben andere schon längst Produkte“, warnte Stroh. Ethik, Datenschutz, Jobverlust - „wir haben fast immer eine Ausrede.“ Dabei habe man bei keiner Disruption gewusst, welche Arbeitsplätze wegfallen. Man müsse einen Rahmen schaffen, aber „es darf nicht ewig dauern“, forderte er.


Gemein hatten die Diskussionsteilnehmer die Befürchtung, dass Deutschland immer mehr von China und den USA bei technologischen Entwicklungen abgehängt wird. Forschungsministerin Karliczek sieht auch unterschiedliche Rahmenbedingungen als einen Grund dafür. Im Silicon Valley spiele eben Geld keine Rolle und China biete Geld und zusätzlich kurze Entscheidungswege, stellte sie fest.

Auch Stroh warnte eindringlich vor dem enormen Aufstieg Chinas als Technologieweltmacht. Zum ersten Mal würden „Top-Leute“ von Google oder Apple nach China gehen. Er mahnte zu mehr Tempo, mehr Engagement, denn so einfach sei es nicht bei der künstlichen Intelligenz aufzuholen. „Manchmal frage ich mich, ob wir wirklich wissen, worüber wir sprechen“, so Stroh. Deutschland müsse sich überlegen, wie es sich einbringt, damit das Land nicht weiter zuschaue, während China und USA bei künstlicher Intelligenz voranpresche.