Darum ist Deutschland Faustball-Supermacht

Eric Böhm

Elfmal Weltmeister, elfmal Europameister - eine Bilanz, die sich die Fußballer wünschen würden.

Deutschland ist die Supermacht im Faustball schlechthin. Diesen Ruf hat die Nationalmannschaft auch bei den World Games 2017 in Breslau untermauert. In einem dramatischen Finale gegen die Schweiz sicherte sie sich den 6. Titel bei den Weltspielen.

Obwohl gleich zu Beginn des Turniers Topspieler Patrick Thomas mit einer Schultereckgelenksprengung ausfiel, bewies die Truppe von Trainer Olaf Neuenfeld ein beeindruckendes Kämpferherz.

Letzte Niederlage 2007

"Es ist unglaublich. Wir haben ja schon viele Titel geholt, aber dieser war am unwahrscheinlichsten. Das sagt viel über uns - auch mit Patrick. Das war bestimmt toll anzuschauen. Die World Games haben für uns einen ganz hohen Stellenwert - auch mit dieser Atmosphäre, die ich zum ersten Mal miterleben kann. Einmalig", sagt Angreifer Nick Trinemeier im Gespräch mit SPORT1.


Seit Jahren dominiert Deutschland die internationalen Höhepunkte. Bei der WM war man immer auf dem Podium. Die letzte WM-Niederlage setzte es 2007, ausgerechnet im eigenen Land.

Die Gründe für den Erfolg? Trinemeier sieht mehrere: "Wir haben zunächst die meisten Faustballer in Deutschland", erklärt er. Die Konkurrenz sei aber groß genug, dass man es sich nicht allzu bequem mache: "Die anderen Nationen machen uns immer Druck."

Außerdem: "Wichtig war die Umstrukturierung der Talentförderung vor rund zehn Jahren. Da wurden gute Sachen angestoßen."

"Faustball ist faszinierend"

Dennoch fristet dieser spektakuläre Sport selbst in seiner Hochburg Deutschland meist ein Schattendasein.

Eigentlich schade, denn die Regeln sind auch für Laien schnell zu verstehen und die kraftvollen Schmetterbälle oder akrobatischen Rettungsaktionen ziehen die Zuschauer schnell in ihren Bann.

"Faustball ist einfach faszinierend. Es verbindet viele Sachen. Du musst kräftig sein - speziell im Angriff. Gleichzeitig braucht es aber Schnelligkeit, um das Feld abzudecken, Ballgefühl, Kommunikation auf dem Feld. Außerdem haben alle Faustballer ein faires Verhältnis. Deshalb tun uns auch die Schweizer heute schon leid. Sie hätten es auch verdient", betont Trinemeier.

Geschichte reicht weit zurück

Das Problem des Nischendaseins haben viele Sportarten in Deutschland - dabei ist Faustball älter als die meisten anderen Ballsportarten. Schon 300 vor Christus soll es einen Vorläufer in Südeuropa gegeben haben. Johann Wolfgang von Goethe beschrieb das Volleyball-ähnliche Spiel in seiner "Italienischen Reise".


Nach der ersten Regelfestlegung in Deutschland 1894 wuchs die Beliebtheit stetig. Deutsche Auswanderer trugen es mit nach Südamerika, deshalb sind Brasilien, Argentinien oder Chile ebenfalls begeisterte Faustballnationen - neben Deutschland, Österreich und der Schweiz.

1963 gewann Hirschfelde aus der DDR den erstmals ausgetragenen Europapokal der Landesmeister.

Gefühle "fast wie bei Olympia"

Die Spieler sind reine Amateure, selbst Bundesliga-Spieler bekommen maximal etwas Fahrtgeld. Es braucht schon extrem viel Leidenschaft, um Faustballer auf Spitzenniveau zu sein.

Das gilt übrigens auch neben dem Platz. Die Faustballer sind fast so etwas wie das Herz des deutschen World-Games-Teams. Viele Sportler feuern sie frenetisch an, die Faustballer selbst sind ebenfalls bei vielen Events lautstark vertreten.


"Wir genießen die Atmosphäre bei den World Games, haben uns auch beispielsweise mit den Korfballern angefreundet und haben uns gegenseitig angefeuert. Dann das deutsche Haus, du fühlst dich schon etwas wie bei Olympia", sagt Trinemeier.

Im Gegensatz zu anderen Sportarten bei den World Games werden Olympische Spiele für Faustball zunächst ein Traum bleiben. Es gibt weltweit schlicht zu wenige Verbände. Vorgeschrieben bei den Männern sind mindestens 75 Verbände auf vier Kontinenten.

Aktuell gibt es im internationalen Faustballverband aber "nur" 62 Länder von vier Kontinenten. Aber welches Land bekommt nach solchen Spielen keine Lust auf Faustball?