Deutschland ist bei Ladestationen für Elektroautos ein Entwicklungsland

Der Ausbau von Ladestationen geht nur schleppend voran – obwohl der Absatz von Elektroautos steigt. Woran liegt das? Die wichtigsten Fakten.

Beim Thema E-Ladestationen in Deutschland beißt sich der Hund sprichwörtlich in den Schwanz: Die Deutschen kaufen kaum Elektroautos, weil die passende Infrastruktur fehlt. Energieversorger, Tankstellen und Autohersteller wiederum stellen kein ausreichendes, flächendeckendes Netz an Ladesäulen auf, weil die Nachfrage zu gering ist. Und das, obwohl der Absatz von Elektroautos oder Pkw mit Hybridantrieb in Europa im vergangenen Jahr gestiegen ist, allein in Deutschland um 80 Prozent.

Die gute Nachricht: Fast alle Energieversorgungsunternehmen sind schon im Bereich Elektromobilität aktiv. Laut einer Studie der Unternehmensberatung PwC haben sogar bereits mehr als drei Viertel davon Ladesäulen installiert. Die schlechte Nachricht: Es handelt sich häufig nur um vereinzelte Stationen, die von den Energieversorgern vor allem aus Imagegründen aufgestellt werden. Die Bereitschaft für weitere Investitionen ist eher gering, heißt es in der Studie.

Aber warum geht der Ausbau so schleppend voran? Warum kaufen die Deutschen so wenig Elektroautos? Bislang wurde gerade mal ein Fünftel der Prämien abgerufen. Und wer, außer den Energieversorgern, ist für den Ausbau der Ladeinfrastruktur verantwortlich? Hier sind Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um den Ausbau der Ladeinfrastruktur in Deutschland.

Wie viele Elektroautos fahren überhaupt schon im Straßenverkehr?

Dass der Ausbau so schleppend voran geht, könnte auch daran liegen, dass laut Kraftfahrtbundesamt gerade einmal 53.861 Autos mit elektrischem Antrieb über Deutschlands Straßen rollen – bei insgesamt über 46 Millionen Pkw, eine verschwindend geringe Zahl. Sogar wenn man die Hybridfahrzeuge mit Stromanschluss dazurechnet, käme man lediglich auf knapp 58.000 Stromer. Auch wenn die Anzahl der Elektroautos steigt, ist ihr Gesamtanteil also immer noch verschwindend gering. Von Januar bis Ende Mai wurden in Deutschland rund 1,43 Millionen Benziner und Dieselautos neu zugelassen, aber gerade mal 14.583 E-Fahrzeuge. Da wirkt das von der Bundesregierung angepeilte Ziel von einer Million E-Autos bis 2020 schier unerreichbar.


Warum werden verhältnismäßig wenig E-Autos hierzulande verkauft?

Elektroautos gibt es heutzutage in jeder Preisklasse. Ein Problem ist für viele allerdings oft die geringe Reichweite. Für ein Auto, das mehrere hundert Kilometer schafft, muss dann wieder tief in die Tasche gegriffen werden. Dass ein Durchschnitts-Stromer auch an einer Schnellladestation noch mindestens eine Stunde braucht, um komplett zu laden, schreckt dann noch mehr Personen ab.

Wer keinen Starkstromanschluss in der Garage hat, muss sich außerdem jeden Abend auf die Suche nach einer der wenigen Ladesäulen machen. Hinzu kommt, dass ein Elektroauto immer noch deutlich teurer ist als ein vergleichbares Modell mit Verbrennungsmotor.

Geringe Reichweite, hoher Preis, schlechte Ladeinfrastruktur – das sind die drei großen Hemmnisse der Elektromobilität. Und es sind die drei wesentlichen Gründe, warum Elektroautos wohl auch für die nächste Zeit nur etwas für wohlhabende Überzeugungstäter sind, die ein Eigenheim samt Wallbox haben. Allerdings: Die sinkenden Produktionskosten der immer leistungsfähigeren Akkus lassen auf billigere E-Autos hoffen. Kostete eine Kilowattstunde Akkukapazität vor zehn Jahren noch rund 1000 Euro, sind es jetzt nur noch etwa 150 Euro.

Wie viele Ladestationen gibt es aktuell?

Noch seltener als Elektroautos sind in Deutschland nur E-Ladestationen: Rund 5000 öffentliche Ladesäulen sind aktuell über die Bundesrepublik verteilt. Die Zahl der Anschlüsse beläuft sich auf rund 20.000, an den Säulen gibt es meist zwei Ladebuchsen. Hinzu kommen weitere 70.000 private und privatwirtschaftliche Ladepunkte. Die von der Bundesregierung geplanten 100.000 Ladepunkte bis 2020 werden mit dem Tempo allerdings nicht erreicht.

Wieso das E-Auto nicht einfach zu Hause an der Steckdose laden?

Wer sein Auto nicht den halben Tag an der handelsüblichen Steckdose hängen lassen will, muss sich zu Hause eine Ladebox einbauen lassen. Dafür braucht man allerdings eine gesonderte Genehmigung von seinem Stromversorger. Sonst fliegen alle Sicherungen raus, wenn in einem Mehrfamilienhaus acht Autofahrer nach Feierabend gleichzeitig laden. Dazu kommen Installationskosten von mehreren tausend Euro.


Braucht es überhaupt so viele E-Ladestationen?

In der Hälfte der EU-Staaten liegt der Marktanteil von Elektroautos derzeit bei weniger als einem Prozent. Als realistisches Ziel sieht der europäische Autoherstellerverband Acea 20 Prozent bis 2030. Nach Berechnungen des Verbands müssten innerhalb der nächsten zwölf Jahre fast zwei Millionen neue Ladesäulen gebaut werden.

Nach Angaben der „Nationalen Plattform Elektromobilität“ werden mit der steigenden Zahl an E-Autos im Jahr 2020 allein in Deutschland 70.000 öffentliche Ladepunkte und 7100 Schnellladesäulen benötigt. Viel Zeit haben die Autohersteller und Energieunternehmen also nicht.

Steht Deutschland im EU-Vergleich wirklich so schlecht da?

Auch im Vergleich mit anderen Mitgliedsländern der Europäischen Union schneidet Deutschland nicht gerade gut ab. Laut einer Erhebung der europäischen Informationsplattform European Alternative Fuels Observatory (EAFO) finden sich zwischen Hamburg und München gerade einmal 25 Elektro-Ladepunkte pro 100.000 Einwohner.

Verglichen mit den Spitzenreitern wirkt Deutschland wie ein Entwicklungsland: In Norwegen und den Niederlanden kommen bis zu 185 Ladepunkte auf 100.000 Einwohner. Schlechter als Deutschland schneidet im Ranking nur Frankreich ab. Hier kommen gerade einmal 24 E-Ladepunkte auf 100.000 Einwohner.

Warum geht der Ausbau hierzulande so schleppend voran?

Bisher wird mit Ladeinfrastruktur wenig Geld verdient. Energieriesen, Ölkonzerne und Autohersteller haben die hohen Investitionskosten eher gescheut. Nun kommt der Markt langsam in Fahrt, aber eben noch nicht schnell genug. Laut der PwC-Studie unter Energieversorgern nennen die Befragten größtenteils die niedrigen Gewinnaussichten und ein zu geringes Marktvolumen als Gründe für ihr verhaltenes Engagement.


Was tut die Bundesregierung, um das Problem zu lösen?

Mit rund 300 Millionen Euro fördert der Bund bis 2020 den Ausbau der Ladeinfrastruktur. Ziel der Förderrichtlinien „Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge in Deutschland“ ist ein flächendeckendes und bedarfsgerechtes Ladenetz für E-Mobilisten. Geld gibt es, bis der Topf leer ist. Aus Sicht der EU-Kommission sollten für den Ausbau von Ladestationen europaweit mindestens 800 Millionen Euro bereit stehen.

Und die Wirtschaft macht gar nichts?

Mit einer steigenden Nachfrage an E-Autos kommt auch der Markt für Ladesäulen so langsam in Fahrt. Zum Beispiel durch die Eigeninitiative Ionity von Daimler, VW, Ford, BMW und anderen, die bis 2020 eine flächendeckende Schnellladeinfrastruktur in Deutschland aufbauen wollen. So sollen 400 Schnellladestationen entstehen, damit Fahrer von E-Autos alle 120 Kilometer nachladen können. Dafür hat das Konsortium bereits Partnerschaften mit Shell, Tank & Rast und dem österreichischen Öl- und Gaskonzern OMV geschlossen.

RWE, Eon und viele andere Energieversorger betreiben außerdem schon Stromladesäulen. EnBW will außerdem ab 2019 mit neuen Hochgeschwindigkeitsladesäulen, sogenannten High Power Chargern, den Ladezyklus auf drei Minuten verkürzen. Laut Unternehmensangaben sind diese für eine Reichweite von hundert Kilometer ausreichend. Fehlen also nur noch die Elektroautos. Oder war es andersherum?