Deutscher und zwei Kiwis: Die neuen Weltmeister

Dreamteam aus drei unterschiedlichen Charakteren: Bernhard/Bamber/Hartley


Zum dritten Mal in Folge haben Porsche-Werksfahrer mit dem Le-Mans-Prototyp 919 Hybrid den Fahrertitel in der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) gewonnen. Am heutigen Sonntag lösten Earl Bamber, Timo Bernhard und Brendon Hartley mit Platz zwei beim 6-Stunden-Rennen in Schanghai ihre Vorgänger Romain Dumas, Neel Jani und Marc Lieb ab. Für Bernhard und Hartley ist es nach 2015 der zweite Fahrer-Weltmeistertitel in der WEC. Die beiden sind mit zwölf gemeinsamen Rennsiegen die erfolgreichsten Langstreckenpiloten der WEC-Geschichte; ihren ersten WM-Titel gewannen sie 2015 mit Mark Webber als drittem im Bunde.

Einer für alle, alle für einen

Sich derart erfolgreich zu dritt einen Rennwagen bei Sechs- oder 24-Stunden-Rennen zu teilen, ist enorm anspruchsvoll. "Die Langstrecke ist Mannschaftssport", sagt Timo Bernhard eindringlich. Er ist selbst Chef des Porsche "Team 75 Bernhard" und weiß, was alles dazu gehört. Aber er meint auch explizit das Zusammenspiel der Fahrer: "Eine Langstrecken-Crew muss sich menschlich und technisch absolut verstehen. Das muss man hinbekommen, das ist Arbeit."

Jeder bringt seinen Fahrstil mit, so individuell wie eine Unterschrift. Diesen Stil muss er erstens anpassen und zweitens bei der Abstimmungsarbeit ehrlich in der Bewertung des Autos berücksichtigen. Die drei teilen sich die knappe Trainingszeit. Selbst bei konstanter Witterung erhalten nicht alle drei die Chance, eine Qualifyingsimulation mit frischen Reifen zu absolvieren. Ebenso wenig werden alle einen Reifensatz am Ende seines Lebenszyklus ausprobieren können. Trotzdem muss jeder für das Rennen wissen, wie sich das Auto mit neuem, gebrauchtem und abgenutztem Gummi fährt.

Feedback über Grip-Niveau und Einlenkverhalten, Warnungen vor nassen Stellen oder unachtsamen Konkurrenten müssen verlässlich formuliert sein und vom Empfänger richtig eingeordnet und umgesetzt werden. Die Abstimmungsarbeit fordert auch Verzicht auf Wünsche. Niemand profitiert von Maßnahmen, die nur einem nützen. Aber alle bezahlen, wenn einer nicht zurechtkommt. Einer für alle, alle für einen. Während ein Musketier auf der Strecke ist, kleben die anderen beiden an den Monitoren, hören dem Funkverkehr zu und beraten sich mit den Ingenieuren.

Erfahrener Endurance-Experte und junger Vollgas-Glüher

Timo Bernhard ist 36 und der dienstälteste Porsche-Werksfahrer. Der Saarpfälzer begann 1999 als Junior und wurde über die Jahre in allen Kategorien der Porsche-Pyramide Meister. Er war es auch, der 2013 den ersten Funktionstest mit der Urversion des Porsche 919 Hybrid fuhr. In der schwierigen Testphase half er, das junge LMP-Team zusammenzuschweißen. Von 2014 bis einschließlich 2016 teilte er sich das Auto mit dem damals 24-jährigen Neuseeländer Brendon Hartley und Mark Webber. Der Formel-1-Star aus Australien und der junge Kiwi profitierten von Bernhards Langstreckenerfahrung.

Daytona, Sebring, Le Mans und gleich fünf Mal das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring - er hatte alle Klassiker gewonnen. "Von Timo und Mark habe ich unglaublich viel gelernt", ist Hartley dankbar. Seinerseits verdiente er sich von Anfang an Respekt mit schierem Speed. "Unser junger Glüher", pflegte Bernhard ihn zu nennen und ihm dabei freundlich auf die Schulter zu hauen. Daumen hoch für den anfangs außerhalb des Autos noch oft schüchternen Hartley. Webber registrierte die Endurance-Umgangsformen, freute sich an der Atmosphäre in der Box und steuerte erfrischt seine große Erfahrung mit echten Abtriebsautos bei. So wuchs das ungleiche Trio zu einem starken Dreigestirn zusammen, das 2015 gemeinsam Weltmeister wurde.

Eigengewächs Bamber: Vom Porsche-Schüler zum Weltmeister

Als Webber sich nach drei gemeinsamen Jahren, mittlerweile 40 geworden, Ende 2016 verabschiedete, waren sich Bernhard und Hartley einig: Sie wollten Earl Bamber. Der zweite Kiwi kam ins Team. Acht Monate jünger als Landsmann Hartley und ein Shooting-Star bei Porsche: Als Gewinner des Porsche Motorsport International Cup Scholarship holte er 2014 sowohl den Titel im Porsche-Supercup als auch, zum zweiten Mal in Folge, im Carrera-Cup Asia.

Bei seinem Debüt im Porsche 911 RSR beim "Petit Le Mans" auf der Road Atlanta wurde er Zweiter. Anfang Dezember 2014 beförderte ihn Porsche zum Werksfahrer und 2015 ins Cockpit des damals dritten Porsche 919 Hybrid für die 24 Stunden von Le Mans. Dort holte er zusammen mit Nico Hülkenberg und Nick Tandy den 17. Gesamtsieg für Porsche.

City-Boy und Country-Boy wachsen gemeinsam auf

Hartley kannte beileibe nicht nur die Rennerfolge Bambers: Die beiden sind zusammen aufgewachsen - City-Boy Brendon und Country-Boy Earl. "Meine Eltern haben mich gern zu Earl auf die Farm gebracht, manchmal für ziemlich lange", erinnert sich Hartley, "wir hatten dort tolle Sommer." "Brendon hat bei uns auf dem Grundstück Auto fahren gelernt", steuert Bamber bei. Grinsend ergänzt er: "Und er wurde bei uns mit einigen Aspekten des Landlebens konfrontiert."

"Dafür hat mich dein Vater mit Süßigkeiten bestochen, damit ich dir Kartfahren beibringe", kontert Hartley. Der Lehrer sieben, der Schüler sechs Jahre alt. Die beiden fuhren gegeneinander, bis sie zwölf waren, dann verloren sie sich bald aus den Augen. Hartley setzte seine Formel-Karriere in Europa fort und stieg rasch auf. Er wurde Formel-1-Ersatzfahrer bei Red Bull Racing und der Scuderia Toro Rosso, Simulatorfahrer im Formel-1-Team von Mercedes und entdeckte dann den Langstreckensport im LMP2, als es mit einem permanenten Formel-1-Cockpit nicht klappen wollte.

Bamber zog es nach Asien. Auch er fuhr erfolgreich in verschiedenen Formelklassen, ehe er sich umorientierte und seine Karriere mit Porsche richtig Fahrt aufnahm. Die kontinentalen Vorlieben der beiden blieben: Heute lebt Hartley in Monaco, Bamber in Kuala Lumpur. "Dass 2017 wir zwei Kiwis als Gesamtsieger in Le Mans auf dem Podium standen, war eine Riesensache in Neuseeland", erklärt Bamber, "das Rennen war dort um ein Uhr morgens zu Ende, und dann gab es nur noch Party."

Auch Bernhards Motivation, sich Bamber als dritten Mann zu wünschen, war nicht nur der Papierform geschuldet: Der Neuseeländer fuhr in seinem Team im Carrera-Cup Deutschland. "Bis ich ihn nicht mehr halten konnte, weil er zu gut war", sagt der Ex-Chef und haut Bamber lachend auf die Schulter.

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