Deutscher Nobelpreisträger berichtet in ARD-Talk vom Tsunami-Horror seiner Familie

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"Ich war vorher ein ganz normaler Chemiker. Mit einem Schlag zählt man zum Olymp": Mit einem erfrischend-humorvollen Talkshow-Auftritt begeisterte der deutsche Chemie-Nobelpreisträger Benjamin List beim "Kölner Treff". Bewegend gestalteten sich seine Erinnerungen an die Tsunami-Katastrophe von 2004.

Chemiker Benjamin List in der Talkshow
Der Chemiker Benjamin List kam als frischgebackener Nobelpreisträger in die Talkshow "Kölner Treff". (Bild: WDR)

Die Sängerin und Moderatorin Ina Müller war unter anderem zu Gast, der Ex-Skirennläufer Felix Neureuther und der Rapper Marteria. So weit so prominent und so normal - doch einen waschechten Nobelpreisträger kann eine Talkshow wie der "Kölner Treff" wahrlich nicht alle Tage aufbieten.

In der am Dienstagabend im Ersten gesendeten Ausgabe der WDR-Show nahm ein Mann Platz, der vor wenigen Tagen nur in Fachkreisen bekannt war, jetzt aber aller Welt ein Begriff ist: Benjamin List, Direktor der Abteilung für homogene Katalyse am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr, wird für seine bahnbrechende Forschung in diesem Jahr mit dem Nobelpreis für Chemie geehrt. So etwas weckt öffentliches Interesse.

Nobelpreisträger Benjamin List in der Talkshow
2004 überlebte Benjamin List mit seiner Familie nur knapp die Tsunami-Katastrophe in Thailand. (Bild: WDR)

"Ich empfinde den Nobelpreis als ein bisschen viel für eine oder zwei Personen"

"Ich bemühe mich, ein bisschen Nobelpreis-mäßiger zu laufen, aber ich habe immer noch diesen Professorengang", entgegnete der Wissenschaftler schlagfertig auf die Frage von Gastgeber Micky Beisenherz, ob er schon eine Veränderung an seinem Gang festgestellt habe. Dann griff der Talkshow-Debütant neben sich: "Ich muss erst mal einen Schluck Kölsch trinken. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich eines Tages mit Ina Müller in einer Talkshow sitze - das ist so aufregend!"

Natürlich sollte er noch einmal den Moment schildern, der nicht nur sein berufliches Leben verändert hat: Der Anruf des Nobelpreiskomitees aus Schweden habe ihn am Mittwochvormittag vergangener Woche völlig unvorbereitet in einem Café in Amsterdam auf dem Handy ereilt, erinnerte sich Benjamin List. Am Max-Planck-Institut sei daraufhin bis in die Morgenstunden gefeiert worden. Insgesamt seien rekordverdächtige "113 Flaschen Champagner" geköpft worden.

Und doch bemühte sich der 53-Jährige um ein gewisses Understatement: "Ich empfinde den Nobelpreis als ein bisschen viel für eine oder zwei Personen. Ich war vorher ein ganz normaler Chemiker, niemand von Ihnen kannte mich wahrscheinlich. Mit einem Schlag zählt man zum Olymp und kann sich einreihen mit Max Planck und Albert Einstein, das ist sehr, sehr viel auf einmal. Wenn ich 'Benjamin List Nobelpreisträger' höre, kriege ich das noch nicht zusammen, ganz ehrlich."

"Wichtiger als das Internet, das Fernsehen, die gesamte Landwirtschaft zusammen"

Leichter fiel es ihm da schon, seinen Fachbereich der "Asymmetrischen Organokatalyse" allgemeinverständlich zu erläutern. "Ich bin auch deshalb hier, weil ich wichtig finde, dass jeder weiß, wie wichtig Katalyse für die Menschheit ist. Es trägt etwa zu einem Drittel des Weltbruttosozialprodukts bei. Das sind Billionen", erklärte der Chemiker. "Es ist wahrscheinlich wichtiger als das Internet, das Fernsehen, die gesamte Landwirtschaft zusammen. Das weiß eigentlich keiner." Was er im Labor untersuche, sei "ein Molekül entfernt von der Magie". List: "Wir können ein Objekt nehmen und mit einer winzigen Menge eines Katalysators versetzen, und es verwandelt sich in was anderes."

Zur großen Erheiterung der Runde erzählte Benjamin List, dass er schon als Kind einen kleinen Feuerunfall beim Experimentieren mit Schwarzpulver im Keller verursacht habe. Seine eigenen Kinder taten es ihm vor einigen Jahren gleich, als sie einen Brand im Elternhaus verursachten. Womöglich gibt es da eine genetische Veranlagung im Hause List, wie der Nobelpreisträger scherzte: "Meine Frau hat mal einen Teppich angekokelt, mein Schwiegervater hat eine Garage abgebrannt, da gab es diverse Fälle."

"Ich hatte das Gefühl, dass keiner von denen das überlebt hatte"

Ernster wurde es zum Ende des Gesprächs: Benjamin List überlebte 2004 mit seiner Familie die Tsunami-Katastrophe in Thailand, eine "sehr einschneidende" Erfahrung, über die er freimütig im "Kölner Treff" berichtete. Man habe in Khao Lak am Pool den letzten Urlaubstag verbracht, als plötzlich die Tsunami-Welle brach. Beide Elternteile hätten sich noch rasch ein Kind geschnappt. "Die nächste Sekunde waren wir schon im tiefen, schwarzen Ozean." Er selbst sei "gefühlt mehrere Minuten unter Wasser" gewesen und dann am Strand wieder aufgetaucht. Getrennt von seiner Familie.

"Ich hatte das Gefühl, dass keiner von denen das überlebt hatte", berichtete List der Runde. Zunächst habe er seine Frau mit dem schwer verletzten älteren Sohn, damals fünf Jahre alt, wiedergefunden. Vom dreijährigen Sohn war zunächst keine Spur. "Wir hatten ihn schon so ein bisschen abgeschrieben." In einem Krankenhaus habe man ihn dann völlig unverhofft wiedergefunden. Benjamin List schlug den Bogen zum Anruf des Nobelpreiskomitees: "Ein Moment, der noch viel schöner war als der am Mittwoch." Das ermutigende Fazit: "Am Ende war es für uns als Familie fast eine Stärkung."

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