40 Jahre RAF: Sie war acht, saß in der Landshut – und dann kamen die Terroristen

Deutscher Herbst 1977: Eine Geisel erinnert sich an die Entführung.

Als Gaby am Morgen des 18. Oktober 1977 auf der verdreckten Tragfläche der Boeing 737-200 der Lufthansa steht, wähnt sie sich am Ende der Welt.

Mogadischu. Von diesem Ort hat sie noch nie etwas gehört. Auch nicht von Larnaka, Aden oder Dubai. Wie auch. Sie ist gerade acht Jahre alt und hat sich in den vergangenen Tagen mitunter wie in einem Raumschiff gefühlt – mit ungewissem Ziel. Eine Vorstellung, die sie verlockend, aber auch beängstigend findet.

Es ist heiß in Mogadischu. Maskierte Männer haben Gaby Minuten vorher aus dem Schlaf gerissen. Es fielen Schüsse. Sie dachte noch, jetzt bekommen die Terroristen Verstärkung. Bis sie deutsche Stimmen hörte. Sie soll die Maschine über die Tragfläche verlassen, sagen sie ihr. Gaby hangelt sich eine dort aufgestellte Treppe hinunter und läuft schnell, wie es ihr gesagt worden ist, auf eine Sandmulde zu. Ihr weißes T-Shirt, das sie von ihren Eltern auf Mallorca geschenkt bekommen hat, klebt an ihrem Körper. Überall rennen schwarze Menschen über das Rollfeld. Noch nie hat sie solche Menschen gesehen. Hinten steht eine Blechhütte, es ist die Zentrale des Flughafens von Mogadischu in der somalischen Wüste.

Kinder an Bord der Landshut

Mehr weiss sie eigentlich nicht von jenem Morgen nach fünf Tagen Irrfahrt, deren Grund sie damals nicht versteht. 108 Stunden sitzt sie mit 85 anderen Passagieren und fünf Crewmitgliedern in der Maschine. Sie ist eines von mehreren Kindern, das jüngste ist drei Jahre alt. Im Flugzeug sind außerdem vier Entführer, sie brüllen und drohen und sagen immer wieder, dass sie alle umbringen werden. Sie scherzen aber auch mit den Passagieren, lachen und umarmen sie sogar.

Ein Wechselbad der Gefühle. Was soll ein Kind davon halten?

Und dann ist da plötzlich das deutsche Sondereinsatzkommando GSG9, das sie und die anderen befreit. Gaby erinnert sich natürlich an die Hektik auf dem Flughafen. Aber vor allem ist ihr eines im Gedächtnis geblieben: „Ich bekam nach der Befreiung eine Cola, die durfte ich daheim nie trinken.“

Gaby Coldewey lächelt, wenn sie an die Cola von damals denkt. Sie ist in ein Berliner Café gekommen, um über ihre Erinnerungen an die fünf Tage als Geisel zu reden. Sie hat das noch nicht oft getan. Sie ist 48 Jahre alt, lebt in Berlin, ist verheiratet, hat einen elfjährigen Sohn. Ihr Leben läuft in schönen Bahnen. Sie will nicht bekannt dafür sein, dass sie damals mit in der Landshut saß. Dafür konnte sie ja nichts, und sie wünschte, es wäre ihr erspart geblieben. Sie möchte auch lieber nicht fotografiert werden. Aber sie spricht sehr offen über das Erlebte.

Die RAF-Spitze sitzt in Stammheim

Mit acht Jahren sei sie ein eher schüchternes Kind gewesen, sagt sie, aber auch eines, das gerne auf Bäume klettert und mit ihrem Kumpel Western- oder Krimiszenen nachspielt. Sie ist dennoch oft ängstlich, fürchtet sich vor Dunkelheit, Fremden und auch vor Flugzeugabstürzen.

Ihre Eltern halten alles Böse von ihr fern, sie wollen, dass sie wohlbehütet in dem kleinen Dorf nahe Bremen aufwächst. „Außer der Sesamstraße durfte ich nur wenig fernsehen“, sagt sie. Grimms Märchen findet ihre Mutter zum Vorlesen zu grausam. Kriege, Katastrophen oder gar Terroristen und der Hochsicherheitstrakt Stammheim, in dem die führenden Köpfe der Roten Armee Fraktion – Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe – einsitzen, sind für Gaby weit weg.

Manchmal erhascht sie doch einen Blick auf die 20-Uhr-Nachrichten im Fernsehen. Darin zeigen sie in jenem Herbst oft einen traurig blickenden Mann im Unterhemd mit einem Schild vor der Brust. „Gefangener der RAF“ steht darauf. Auch in der Zeitung sieht sie das Bild. Ihr tut Hanns Martin Schleyer irgendwie leid, wie er so da sitzt. Die Mundwinkel nach unten gezogen, der glasige Blick.

Der 3. Oktober 1977

Und dann sind in ihrem kleinen Dorf nahe Bremen noch die vielen Fahndungsplakate der RAF. Diese ganzen Gesichter, die ihr von den Plakaten entgegenblicken. Diese jungen Menschen sehen alle so düster aus. Manchmal stellt sie sich vor, sie würde einen von ihnen finden. Es gibt schließlich eine satte Belohnung. Aber ihr Vater erklärt ihr, dass Terroristen sich nicht in Dörfern verstecken.

Es ist der 3. Oktober 1977, als die Familie nach Mallorca reist. Der Jahresurlaub der Familie. Gaby ist begeistert, als sie das Hotel in Cala Millor sieht. Es hat einen Pool, einen Billardtisch und abends gibt es ein Büfett. Sie liebt es, schwimmen zu gehen, Tretboot zu fahren und mit ihrem Vater an den Flippermaschinen zu spielen. Alles ist so aufregend. „Wir sind damals nicht oft weit weg geflogen“, erinnert sie sich. Einmal ging es nach Gran Canaria. Aber meistens fuhren sie mit dem Auto nach Dänemark.

Mallorca ist in jenem Herbst noch nicht die Lieblingsinsel der Deutschen. Den Ballermann gibt es noch nicht. Gaby sieht keine Menschen am Strand, die Sangria aus Eimern trinken. Sie bekommt das T-Shirt von ihren Eltern geschenkt, das sie stolz am Tag ihrer Abreise trägt.

An das Gewusel auf dem Flughafen von Palma de Mallorca erinnert sie sich kaum. „Wir haben eingecheckt, und uns ist auch nichts aufgefallen, das uns hätte beunruhigen können“, sagt sie. Ihr Vater, der bei der Bundesanstalt für Flugsicherheit arbeitet, sagt ihr später, dass es keine Kontrollen auf dem Flughafen gab und ihn das wunderte. Mehr aber nicht. Die Terrorangst von heute war damals noch weit weg.

Im Flugzeug mit den Entführern

Gaby Coldewey hält inne. Das macht sie oft, als müsse sie der Erinnerung Zeit geben. Sie spricht weiter: „Was uns passiert ist, war damals jenseits meiner Vorstellung. Ich dachte, die entführen nur wichtige Menschen wie den Arbeitgeberpräsidenten Schleyer.“ Dass es einfache Menschen treffen kann, ist für sie unvorstellbar.

Im Flugzeug sitzt Gaby zwischen ihren Eltern, die Maschine hebt ab. Die Stewardessen sind nett, reichen Getränke und Essen und schäkern mit ihr. Sie ist ein süßes Mädchen mit blonden, langen Haaren und Sommersprossen. Doch dann ist da plötzlich diese Unruhe. Gaby sieht, wie Menschen...Lesen Sie den ganzen Artikel bei berliner-zeitung