Der deutsche Jurist Martin Selmayr wird Generalsekretär der Europäischen Kommission. Der 47-Jährige pflegt einen ruppigen Umgangston.


Als EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker sein Amt im November 2014 antrat, ging ein kräftiger Ruck durch die Brüsseler Behörde. Das lag keineswegs nur an Juncker selbst. Sein machtbewusster Kabinettschef Martin Selmayr lehrte die Beamten der Kommission von Anfang an das Fürchten. Wer den politischen Kurs des neuen Kommissionspräsidenten nicht voll und ganz unterstütze, der werde ausgetauscht, drohte Selmayr. Das gelte auch für Generaldirektoren, die an der Spitze der Brüsseler Bürokratie stehen.

Bei dem ruppigen Umgangston ist es seither geblieben. Martin Selmayr regiert seit vier Jahren durch. Dabei kümmert er sich auch um kleinste Details und scheut keinen Konflikt. Manche sagen, dass der vor Energie sprühende Jurist den schweren Tanker EU-Kommission in Bewegung gebracht und sich damit viel Respekt erworben habe. Andere erzählen, der in Bonn gebürtige Deutsche verbreite Angst und Schrecken. Zu der Behauptung, dass Selmayr in der EU-Kommission beliebt sei, hat sich noch niemand verstiegen.

Insofern dürfte die Nachricht vom gestrigen Mittwoch für viele Kommissionsmitarbeiter ein ziemlicher Schock gewesen sein: Juncker hat seinen wichtigsten Mann befördert. Schon im März soll Selmayr Generalsekretär der EU-Kommission werden. Er besetzt damit die wichtigste Schaltstelle der EU-Behörde.


Den Generaldirektoren werden sich daher weiter mit Selmayr arrangieren müssen – und zwar länger als bisher zu erwarten gewesen war. Eigentlich wäre für ihn im November nächsten Jahres Schluss gewesen. Dann wird Junckers Amtszeit enden und der Luxemburger will kein zweites Mal antreten,

Dem Kommissionspräsidenten war offenkundig bewusst, dass seine Entscheidung nicht nur Freude auslöst. „Martin Selmayr und ich haben eines gemeinsam: Wir haben nicht nur Freunde“, sagte der Luxemburger. Die Beziehungen mit manchen Kommissaren und Generaldirektionen würden sich manchmal „schwierig“ gestalten, räumte Juncker ein. Das sei in der Politik aber „völlig normal“. Er glaube ganz fest, dass Selmayr „einen exzellenten Generalsekretär“ abgeben werde.

Der 47jährige Selmayr krönt mit dem neuen Posten eine Karriere, die in der EU-Kommission ihresgleichen sucht. Der Europarechtler war in Brüssel zunächst für Bertelsmann tätig gewesen, bevor er 2004 in die EU-Behörde wechselte. Dort war er erst Pressesprecher und dann Kabinettschef der für Medien zuständigen Kommissarin Viviane Reding. Schon damals fiel der ausgesprochen umtriebige Selmayr auf, vor allem weil er seine Kommissarin extrem geschickt in Presse und Fernsehen platzierte. Reding empfahl ihn dann weiter an ihren Landsmann Juncker. Der Christdemokrat hatte damals gerade sein Amt als Premierminister verloren und schickte sich an, als EVP-Spitzenkandidat in den Europawahlkampf zu ziehen. Selmayr managte Junckers Kampagne und wurde dafür mit dem Posten des Kabinettschefs belohnt.

Seither sorgt der hyperaktive Juncker-Vertraute quasi ununterbrochen für Gesprächsstoff in Brüssel. Mal herrscht große Aufregung, weil Selmayr Interna aus politischen Gesprächen etwa mit der britischen Premierministerin Theresa May an Medien durchgestochen haben soll. Mal wird gelästert, er würde in einem Akt der Selbstüberschätzung sogar Premierminister abblitzen lassen. Manches davon mag stimmen, doch wirklich bewiesen ist nichts. „Selmayr ist intellektuell brillant und enorm fleißig, aber eben auch sehr eitel“, meint ein hochrangiger EU-Diplomat.


Letzteres Charakteristikum könnte in seinem neuen Job ein Problem für ihn werden. Der Generalsekretär der EU-Kommission ist nicht dazu da, in der Öffentlichkeit Wirbel zu machen. Im Gegenteil: Ähnlich wie der deutsche Kanzleramtsminister hat auch der Generalsekretär die Aufgabe, effizient und geräuschlos im Hintergrund die Arbeit der Kommission im Sinne des Präsidenten zu koordinieren.

Für Selmayr ist das eine große Herausforderung. Bisher verstand er sich als politischer Beamter einer politischen Kommission. Sein Chef Juncker war damit einverstanden. Natürlich seien die Posten in seinem Kabinett politisch, sagte Juncker. Doch „er Generalsekretär ist es nicht“, warnte er.

Künftig muss sich Selmayr also stärker zurückhalten - zumal er den Posten noch nicht endgültig in der Tasche hat. Nach der Europawahl im Mai 2019 benötigt er das Placet von Junckers Nachfolger - wer immer es auch sein mag. Selmayr muss sich also unsichtbar machen. Mal sehen, ob er das schafft.