Deutsche wollen mehr Geld und mehr Zeit

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Deutsche wollen mehr Geld und mehr Zeit

Der Vorsitzende der IG Metall, Jörg Hofmann, spricht im Interview über die Arbeitszeit von morgen, die Folgen der Digitalisierung für die Macht der Gewerkschaften - und die Vision von digitalen Streiks.


WirtschaftsWoche: Herr Hofmann, wie viele Stunden arbeiten Sie am Tag?
Jörg Hofmann: Manche sagen: zu viel. Aber die Arbeit macht mir Spaß, ich arbeite oft mobil, sehr gern im Zug. Ich kann mich auch von zu Hause einloggen, wenn es nötig ist.

Wann, wie viel und wo Beschäftigte künftig arbeiten, will Ihre Gewerkschaft am 27. Juni auf einem großen Kongress debattieren. Wird das Thema Arbeitszeit dann auch ein Thema in der anstehenden Tarifrunde?
Sehr wahrscheinlich. Die Digitalisierung der Wirtschaft ist für Beschäftigte mit dramatischen Veränderungen verbunden. Die IG Metall hat in diesem Jahr die größte Arbeitnehmerumfrage gemacht, die es je gab, um zu hören, wie die Beschäftigten ihre Arbeitszeitrealität sehen und was sie erwarten. Wir haben 680.000 Rückmeldungen bekommen. Daraus lässt sich nun eine Reihe von Forderungen ableiten – auch als Antwort auf die Flexibilisierungswünsche der Arbeitgeber.


Was wollen Sie durchsetzen?
Punkt 1: Wir brauchen Arbeitszeiten, die sich an den Lebensphasen der Menschen orientieren. Wir debattieren derzeit darüber, ob die Beschäftigten für einen bestimmten Zeitraum das Recht erhalten sollten, für die Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen die Arbeitszeit zu verkürzen, etwa von 35 auf 32 oder 28 Stunden...


...und dafür auf Lohn verzichten müssen?
Nein. Die Arbeitszeitverkürzung muss auf jeden Fall mit einem ausreichenden Lohnausgleich durch die Arbeitgeber einhergehen. Sonst könnten sich viele Arbeitnehmer die Arbeitszeitverkürzung nicht leisten. Ein Modell nur für Besserverdiener ist das Letzte, was wir wollen.

Lieber ein Modell, das den Unternehmen hohe Zusatzkosten aufbürdet?
Es wären Zusatzkosten, die die Unternehmen gut tragen könnten. Sie halten so wichtige Fachkräfte, die sonst oft gezwungen wären, aus dem Beruf auszuscheiden.


Und Ihre weiteren Forderungen?
Wir brauchen dringend eine Entlastung für Schichtarbeiter. Denkbar wäre die Möglichkeit, eine Arbeitszeit unterhalb von 35 Stunden zu wählen. Es ist nachgewiesen, dass Schichtarbeiter eine höhere Gesundheitsbelastung und geringere Lebenserwartung als der Durchschnitt der Arbeitnehmer haben. Dagegen müssen wir etwas tun. Außerdem diskutieren wir in der IG Metall, ob tarifliche Regeln für mobiles Arbeiten nötig sind. Und was ganz wichtig ist: Wir brauchen mehr Selbstbestimmung aller Beschäftigten bei ihrer Arbeitszeit.

In einem eng getakteten Dreischichtbetrieb kann nicht jeder kommen und gehen, wie er will. Wie soll das Plus an Zeitsouveränität in der Praxis aussehen?
Es fängt schon damit an, dass die Leute ihre Freischichten selber festlegen oder mit Kollegen tauschen können, das ist derzeit in vielen Betrieben nicht möglich. Man könnte etwa festschreiben, dass jeder Schichtarbeiter eine bestimmte Zahl von Schichten im Jahr frei wählen kann. Es gibt auch heute schon Schichtmodelle mit Gleitzeit. Meine Hoffnung ist, dass Digitalisierung und Industrie 4.0 hier mehr Freiräume schaffen. Wenn sich starre Verkettungen in der Produktion auflösen, werden ganz neue Formen der Arbeitsorganisation möglich.


"Spürbare Lohnerhöhungen und Arbeitszeitreformen"


Die Digitalisierung ist also für Sie kein Bedrohungsszenario, sondern eine Chance?
Sie ist beides. Bei manchen Arbeitsplätzen in der Innenraum-Montage der Autoproduktion ist ein Roboter besser – weil er sich seinen Rücken buchstäblich nicht krumm arbeiten kann.

Ist Ihnen in der Tarifrunde das Zeitthema wichtiger als mehr Geld?
Wir wollen qualitative Forderungen durchsetzen, und wir haben eine konjunkturelle Großwetterlage, die nicht für Entgeltzurückhaltung spricht. Insofern sind sowohl spürbare Lohnerhöhungen als auch Arbeitszeitreformen finanzierbar.


Sie würden notfalls also für neue Arbeitszeitregeln streiken, wenn Ende des Jahres die Tarifverträge auslaufen?
Nach unserer Erfahrung lassen sich die Mitglieder für qualitative Forderungen besonders stark mobilisieren. Da haben sich die Interessen deutlich verändert.

Die Arbeitgeber fordern angesichts der digitalen Revolution eine Reform des Arbeitszeitgesetzes. Sie auch?
Nein. Ich verstehe das Scharfschießen der Arbeitgeber nicht. Das Gesetz beinhaltet eine Reihe von Öffnungsklauseln. Was etwa die tägliche Höchstarbeitszeit von zehn Stunden betrifft, sind abweichende tarifliche Lösungen schon lange erlaubt.


Die Arbeitgeber kritisieren vor allem die vorgeschriebene Erholungszeit. Danach müssen Beschäftigte nach der Arbeit eine ununterbrochene Ruhezeit von elf Stunden einhalten. Nach dieser Logik darf ein Vertriebsmitarbeiter abends nicht mal eine Kundenanfrage aus Übersee beantworten.
Ich bitte Sie: Wenn jemand um 20 Uhr noch mal für eine Stunde den Laptop aufklappt, endet seine Ruhezeit morgens um 8 Uhr. Wo ist das Problem? Es ist zudem möglich, in Tarifverträgen abweichende Ruhezeiten zu regeln. Wir haben etwa bei Daimler, BMW und Bosch betriebliche Regeln zum mobilen Arbeiten, mit denen alle gut zurechtkommen.


Die Ruheregel stammt aus der Arbeitszeitordnung von 1938...
Und trotzdem besteht – im Moment – kein Änderungsbedarf. Die Arbeitgeber sagen doch selbst, dass die Menschen ein Recht auf Abschalten haben! Ich gestehe zu, dass wir uns bei den Ruhezeiten in einer Grauzone befinden, dass manche sich aus eigenem Entschluss nicht daran halten. Aber die Kollegen möchten dazu eben nicht gezwungen werden. Sie sehen die Ruhezeitregel als rote Linie. Im Straßenverkehr ist ja auch nicht ein Tempolimit unsinnig, nur weil Autofahrer manchmal schneller fahren.

Ein Trend der neuen Arbeitswelt ist das Crowdworking, bei dem Solo-Selbstständige über Onlineplattformen um Aufträge kämpfen. Bleiben die Gewerkschafter in der Plattformökonomie außen vor?
Nein. Wir haben unsere Satzung geändert, um auch Solo-Selbstständige aufnehmen zu können. Deren Zahl hat zuletzt nicht mehr zugenommen, aber auf Dauer werden wir um eine Regulierung nicht herumkommen. Hier sind wir auch mit Plattformanbietern im Gespräch. Nötig sind vor allem Mindesthonorare für das Crowdworking. Eine Möglichkeit wäre, die Crowdworker unter das bestehende Heimarbeitsgesetz zu fassen, um ein Minimum an sozialer Absicherung zu schaffen.


"Digitalisierung muss nicht heißen, dass allein das Kapital profitiert"


Sind künftig digitale Arbeitskämpfe denkbar, bei denen von der IG Metall mobilisierte Crowdworker in den Klick-Streik treten?
Das ist sehr hypothetisch, aber nicht unmöglich. Durch die überragende Rolle der IT in vernetzten Unternehmen wird es künftig zweifellos möglich, mit relativ wenigen Leuten viel Druck auf den Arbeitgeber zu erzeugen. Wenn der IT-Techniker und der Netzwerkadministrator nicht zur Arbeit kommen, hat das gravierende Folgen.

Diese Experten sind aber oft nicht in der Gewerkschaft organisiert. Auch Roboter unterschreiben keine Mitgliedsanträge. Die Macht der IG Metall erodiert.
Roboter unterschreiben keine Mitgliedsanträge – aber die Menschen, auf die es in Zukunft ankommt. Sicher: In der digitalen Arbeitswelt wird die Beschäftigtenstruktur heterogener, und einen Ingenieur oder IT-Spezialisten holen Sie nicht mit der Trillerpfeife in die Gewerkschaft. Aber auch diese wollen verlässliche Regeln und Arbeitsbedingungen, das zeigt unsere Umfrage. Auch diese Klientel will nicht ständig mehr arbeiten als vereinbart – und das oft auch noch unbezahlt. Wir nehmen daher viel Geld in die Hand, um Angebote auch für hoch Qualifizierte zu entwickeln – rund 20 Millionen Euro pro Jahr. Das klappt gut. In keinem anderen Segment steigen unsere Mitgliederzahlen so stark.


Manche Ökonomen und Gewerkschafter fordern eine Robotersteuer, um Rationalisierungsgewinne abzuschöpfen und Digitalisierungsverlierer entschädigen zu können. Halten Sie das für eine gute Idee?
Nein. Digitalisierung muss nicht heißen, dass allein das Kapital profitiert. Das ist auch eine Frage unserer Gestaltungsmacht. Wir dürfen keiner Entwicklung Vorschub leisten, bei der negative Folgen von Produktivitätssprüngen über Sozialtransfers vergesellschaftet werden. Das hilft den Beschäftigten nicht, die ihren Job verlieren. Unser Ansatz ist: Es darf gar nicht erst so weit kommen! Die beste Methode, um Rationalisierungsgewinne abzuschöpfen, ist eine Pflicht der Arbeitgeber zur Weiterbildung ihrer Leute und zur Investition in sichere Jobs und gute Arbeit. Wenn sich die Tarifparteien da auf wirksame Schritte einigen könnten, wäre das allemal besser als neue Steuern und Transfers.




KONTEXT

Zur Person

Jörg Hofmann

Jörg Hofmann, 61, ist seit 2015 Vorsitzender der IG Metall, der mit rund 2,3 Millionen Mitgliedern größten deutschen Gewerkschaft. Zuvor war der Diplom-Ökonom Vize-Chef der Gewerkschaft und zehn Jahre lang Bezirksleiter in Baden-Württemberg.