Deutsche Wirtschaft trotzt der Krise: Das Bruttoinlandsprodukt wächst im dritten Quartal überraschend sogar um 0,4 Prozent

Die deutsche Wirtschaft ist im dritten Quartal überraschend stark um 0,4 Prozent gewachsen - Copyright: REUTERS/Fabian Bimmer via Picture Alliance
Die deutsche Wirtschaft ist im dritten Quartal überraschend stark um 0,4 Prozent gewachsen - Copyright: REUTERS/Fabian Bimmer via Picture Alliance

Die deutsche Wirtschaft ist bis in den Spätsommer trotz der Krise in Folge des Ukraine-Krieges kräftig gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im dritten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 0,4 Prozent zu, teilte das Statistische Bundesamt mit. Es korrigierte damit seine erste Schätzung von 0,3 Prozent noch einmal nach oben. Schon diese erste Meldung hatte die Erwartungen deutlich übertroffen und zu einem Stimmungsumschwung in der Wirtschaft beigetragen.

Im Vergleich zum Vorjahr war das BIP im dritten Quartal um 1,2 Prozent höher. Auch dies ist mehr als die zunächst gemeldeten 1,1 Prozent. Die deutsche Wirtschaft hat damit erstmals wieder das Niveau vor Beginn der Corona-Pandemie Anfang 2020 erreicht.

Ökonomen gehen weiterhin davon aus, dass die deutsche Wirtschaft in den Winterquartalen in eine Rezession rutscht. Die Aussichten, dass der Abschwung milder verläuft, haben sich aber verbessert.

Privater Konsum stützt die Wirtschaft

Das Wachstum im dritten Quartal wurde vor allem vom privaten Konsum getragen: Trotz Inflation und Energiekrise nutzten die Verbraucher die Aufhebung fast aller Corona-Beschränkungen, um zum Beispiel mehr zu reisen und auszugehen. Die privaten Konsumausgaben waren ein Prozent höher als im zweiten Quartal. Die Konsumausgaben des Staates blieben dagegen etwa gleich. Die Bauinvestitionen gingen erneut um 1,4 Prozent zurück. Dagegen gaben Unternehmen 2,7 Prozent mehr Investitionen in Ausrüstungen aus, also vor allem Maschinen, Geräte und Fahrzeuge.

Industrie und Dienstleistungen im Plus, Bau im Minus

Die Industrie legte trotz Produktionsrückgängen in energieintensiven Branchen wie Chemie und Metall. Mehr als ausgeglichen wurde dies von Steigerungen der Automobilbranche und im Maschinenbau. In den meisten Dienstleistungsbereichen stieg die Wirtschaftsleistung ebenfalls. Besonders dynamisch wuchsen die in der Statistik zusammengefassten Bereich Handel, Verkehr, Gastgewerbe (+3,3 Prozent), Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit (+4,5) und sonstige Dienstleister (+5,4).

So viele Erwerbstätige wie noch nie

Die Wirtschaftsleistung wurde von rund 45,6 Millionen Erwerbstätigen mit Arbeitsort in Deutschland erbracht. Das waren 490 000 Personen mehr als ein Jahr zuvor und ein neuer Rekord. Im Durchschnitt je Erwerbstätigen wurden 1,1 Prozent mehr Arbeitsstunden geleistet als im 3. Quartal 2021, was vor allem mit einem Rückgang der Kurzarbeit zusammenhängt. Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen – also die Gesamtzahl der geleisteten Arbeitsstunden aller Erwerbstätigen – nahm dadurch kräftig um 2,2 Prozent zu.

Die gesamtwirtschaftliche Produktivität je Arbeitsstunde nahm nach vorläufigen Berechnungen gegenüber dem Vorjahresquartal um 1,0 Prozent ab. Je Erwerbstätigen war sie um 0,1 Prozent höher.

Einkommen und Konsum steigen, Sparquote sinkt

In jeweiligen Preisen gerechnet war das Volkseinkommen um 4,0 Prozent höher als im dritten Quartal 2021. Dabei stieg das Arbeitnehmerentgelt um 4,6 Prozent und damit etwas stärker als die Unternehmens- und Vermögenseinkommen (2,4 Prozent). Die durchschnittlichen Bruttolöhne und -gehälter legten um 3,7 Prozent zu. Neben tariflich vereinbarten Lohnsteigerungen geht dieser Zuwachs vor allem auf den starken Rückgang der Kurzarbeit zurück. Die Summe der Bruttolöhne und -gehälter war um fünf Prozent höher als im Jahr zuvor, da sich auch die Zahl der Arbeitnehmer erhöhte. Auch aufgrund des Steuerentlastungsgesetzes 2022 stiegen die Nettoeinkommen mit 5,2 Prozent etwas stärker als die Bruttolöhne und -gehälter.

In Folge des gestiegenen Konsums bei höheren Preisen fiel die Sparquote von 10,4 auf 9,6 Prozent. .

Deutsche Wirtschaft wächst stärker als der EU-Durchschnitt

Die deutsche Wirtschaft wuchs im dritten Quartal etwas stärker als der Durchschnitt der Europäischen Union (EU) und des Euroraums mit jeweils plus 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal. In Spanien und Frankreich stieg das BIP ebenfalls um 0,2 Prozent In Italien wuchs die Wirtschaft mit 0,5 Prozent etwas stärker. In ähnlichem Ausmaß nahm die Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten (USA) zu (0,6). Einige kleinere EU- und Nachbarstaaten Deutschlands verzeichneten hingegen Rückgänge (Niederlande, Belgien, Österreich, Tschechien). Im Vorjahresvergleich liegen die BIP-Wachstumsraten der anderen EU-Mitgliedstaaten aber immer noch fast alle höher als in Deutschland.