Deutsche Unternehmen sparen sich mit Outsourcing reich

Eine neue Studie belegt: Deutsche Unternehmen setzen immer stärker auf die Auslagerung von Jobs - und senken dadurch ihre Lohnkosten. Welche Branchen besonders betroffen sind.


Bei Daimler wehren sich nun auch die Hausmeister: Vergangene Woche verhandelte das Arbeitsgericht Stuttgart in erster Instanz die Klagen von neun ehemaligen Mitarbeitern im Gebäudeservice des Konzerns. Vor einigen Jahren hatte Daimler die betroffenen Angestellten in ein externes Dienstleistungsunternehmen ausgegliedert. Sie verrichten im Konzern seitdem weiter dieselbe Arbeit, werden aber schlechter bezahlt – und wollen sich wieder bei ihrem alten Arbeitgeber einklagen. Konkurrent BMW hatte zuletzt ähnlichen Ärger mit Werkverträgen.

Solche Streitfälle häuften sich in den vergangenen Jahren, nicht nur in der Autoindustrie. Dass sich die Hausmeister auf dem Werksgelände in Stuttgart in immer größerer Gesellschaft befinden, zeigt jetzt eine Studie, die soeben im „Quarterly Journal of Economics“ erschienen ist. Darin zeigen der deutsche Arbeitsmarktforscher Johannes Schmieder von der Boston University und seine Kollegin Deborah Goldschmidt, wie stark das sogenannte Outsourcing in Deutschland über die Jahre zugenommen hat.

Ihre Befunde sind eindeutig: Unternehmen haben hierzulande eine stetig wachsende Zahl von Arbeitsplätzen an externe Firmen ausgelagert. Und die betroffenen Beschäftigten verdienen rund zehn bis fünfzehn Prozent weniger als Kollegen, die weiterhin direkt bei den Stammunternehmen angestellt sind.



Die beiden Forscher haben für ihre Studie umfangreiche Daten aus den deutschen Sozialversicherungsmeldungen der Jahre 1975 bis 2009 ausgewertet. Anhand der Informationen lässt sich detailliert nachvollziehen, wie sich Löhne und Gehälter jedes einzelnen Beschäftigten entwickelt haben. Es werden also Erwerbsbiographien miteinander verglichen, nicht etwa Durchschnittswerte ganzer Branchen oder Betriebe. Der große Vorteil: „So können wir plausibel annehmen, dass sich Unterschiede in der Lohnentwicklung tatsächlich kausal auf das Outsourcing zurückführen lassen“, sagt Schmieder.

Fälle von Outsourcing sind in den Sozialversicherungsmeldungen zwar nicht unmittelbar als solche gekennzeichnet. Aus den Daten lässt sich aber darauf schließen. Wechselte eine Gruppe von mindestens zehn Beschäftigten von einem Tag auf den nächsten geschlossen von einem Betrieb in einen anderen, legt das nahe: Hier wurden Jobs ausgelagert. An Subunternehmer oder andere externe Dienstleister. Auf rund 1000 solcher Fälle, in denen Unternehmen auf einen Schlag ganze Abteilungen ausgelagert haben, stießen Goldschmidt und Schmieder im Untersuchungszeitraum 1975 bis 2009.




Im Fokus ihrer Studie stehen die Branchen Logistik, Reinigung, Sicherheit und Gastronomie. Klassische Dienstleistungen mit oft geringer Qualifikation also, die in vielen großen Unternehmen gefragt sind. Hier hat sich die Zahl der Beschäftigten mit Werkverträgen oder vergleichbaren Beschäftigungsverhältnissen seit 1975 in etwa vervierfacht.

Unter den Reinigungskräften ist ihr Anteil auf fast 40 Prozent gestiegen. Bei den Beschäftigten im Transportgewerbe (insbesondere Lkw-Fahrer) waren es Ende des vorigen Jahrzehnts rund ein Drittel, gefolgt von Angestellten privater Sicherheitsfirmen mit einem Branchenanteil von fast 30 Prozent. Auch in der Gastronomie, etwa bei Köchen und Küchenpersonal in Firmenkantinen, ist der Trend eindeutig, wenn auch mit zuletzt rund einem Fünftel auf niedrigerem Niveau.


Hauptmotiv: Kosten senken

Das Hauptmotiv der Stammunternehmen liegt auf der Hand: Sie wollen ihre Kosten senken. Mittels Outsourcing, das räumen selbst Kritiker ein, sind deutsche Firmen international wettbewerbsfähiger geworden. „Wieviel die Firmen wirklich sparen, können wir anhand unserer Daten aber nicht sagen“, so Schmieder. Schließlich verlieren ausgelagerte Angestellte auch Ansprüche, die sich nicht direkt an ihrem Gehalt bemessen – Betriebsrenten etwa.


Auf Seiten der Dienstleistungsunternehmen sorgen der starke Wettbewerb und der vergleichsweise schwach ausgeprägte gewerkschaftliche Organisationsgrad dafür, dass die Löhne geringer ausfallen als im Stammbetrieb. Schmieder: „Wenn große Unternehmen Aufträge an ausgelagerte Betriebe vergeben, ist der günstigere Preis das zentrale Argument – und der geht bei externen Dienstleistern zum großen Teil auf die Löhne zurück.“

Die Gewerkschaften dürften sich durch das Studienergebnis in ihrer Kritik bestätigt sehen. Outsourcing verschärfe die ohnehin großen Lohnunterschiede zwischen Industrie- und Dienstleistungssektor, sagt Gustav Horn von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Auch Studienautor Schmieder stellt fest: „Klar ist, dass es Verlierer des Outsourcings gibt, die nicht für ihre Verluste kompensiert worden sind.“



Trotzdem betont Schmieder: „Unsere Botschaft soll nicht sein, dass Outsourcing eine Katastrophe ist.“ Denn frühere Untersuchungen lieferten Hinweise darauf, dass es gesamtwirtschaftlich betrachtet positive Aspekte gebe – etwa mit Blick auf  die Gesamtbeschäftigung und die Wirtschaftsleistung in Deutschland.

Wie viele Fälle von Outsourcing rechtswidrig sein könnten, können die Autoren mit ihrer Studie nicht abschätzen. Die Daten lassen keine Rückschlüsse auf einzelne Firmen oder spezifische Fälle zu. Ob sich ihre Klage lohnt, ist für die Hausmeister in Stuttgart daher ungewiss. In erster Instanz bekam ihr früherer Arbeitgeber Recht.