Deutsche Unternehmen haben bei der Digitalisierung noch Nachholbedarf

Die deutsche Wirtschaft kommt auf dem Weg ins digitale Zeitalter nur langsam voran. Unternehmen fordern dringend schnellere Datenleitungen.


Sophia hatte schon eine Verabredung mit US-Talkshow-Mann Jimmy Fallon, auf Twitter folgen ihr 93.000 Follower – nicht schlecht für einen humanoiden Roboter. Er kann auf Fragen antworten und Emotionen zeigen und ist derzeit eines der Vorzeigebeispiele für das, was künstliche Intelligenz der Menschheit bescheren kann.

Die Digitalisierung schreitet voran, schon ist vom Zukunftsfeld der künstlichen Intelligenz die Rede, also von selbstlernenden Maschinen und Programmen, dem Internet der Dinge. Deutsche Unternehmen bekommen davon noch nicht allzu viel mit, wie eine Studie von Kantar TNS und dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim zeigt.

Im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums untersuchten die Forscher den Digitalisierungsgrad der deutschen Industrie und der Dienstleistungsbranche. Die Studie liegt dem Handelsblatt vor.

Das Ergebnis: Nimmt man die Digitalisierung der beiden Bereiche zusammen, stagniert die deutsche Wirtschaft. Gerade mal 54 von 100 möglichen Punkten erreichen die deutschen Unternehmen – das ist der gleiche Wert wie im vergangenen Jahr. Im Dienstleistungsbereich ist der Digitalisierungsgrad sogar leicht zurückgegangen.

Die gute Nachricht: Die Industrie hat sich von 42 auf immerhin 45 Punkte verbessert. Trotzdem ist noch Luft nach oben. „Die deutsche Wirtschaft landet bei Studien zur Digitalisierung im internationalen Vergleich immer wieder im Mittelfeld“, warnt Studienautorin Irene Bertschek, Leiterin des Forschungsbereichs „Digitale Ökonomie“ beim ZEW. „Da muss mehr passieren“, fordert sie.

Die deutsche Wirtschaft hat deutlichen Aufholbedarf

Auch eine aktuelle Studie der Boston Consulting Group (BCG) hatte der deutschen Wirtschaft deutlichen Aufholbedarf bei der Digitalisierung bescheinigt. „Deutschland droht im internationalen Standortwettbewerb um die Vorreiterrolle in Digitalisierung und Innovation zurückzufallen“, sagte Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), am Montag in Hannover bei der Eröffnung der Cebit.

Wie die ZEW-Studie zeigt, gibt es insgesamt nur sehr wenige digitale Spitzenunternehmen in Deutschland: Nur 6,7 Prozent der deutschen Wirtschaft sind laut des Monitoring-Reports digitale Vorreiter, davon sind nur fünf Prozent wiederum Industrieunternehmen. Gerade im Bereich der Digitalisierung ist es jedoch essenziell, dass Unternehmen früh genug Trends setzen.


Vor allem beim Thema künstliche Intelligenz (KI) droht Deutschland und die deutsche Wirtschaft abgehängt zu werden. Gerade mal fünf Prozent der deutschen Unternehmen im Industrie- und Dienstleistungsbereich setzen KI bereits ein, nur zwei Prozent planen es laut dem Monitoring-Report. Doch die Konkurrenz schläft nicht.

„Wir müssen aufpassen, dass man demnächst nicht nur noch nach China fährt, wenn man das Neueste im Bereich künstliche Intelligenz erfahren will“, sagt Co-Studienautor Tobias Weber von Kantar TNS. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt will Unternehmen und Forschung in den nächsten Jahren mit Milliardensummen fördern.

Schuld an dem deutschen Rückstand ist auch die Politik. Die Regierung habe „keine Strategie“, um das wirtschaftliche Potenzial von künstlicher Intelligenz und autonomen Systemen durch intelligente Förderung zu heben, warnt die Expertenkommission für Forschung und Innovation EFI. Die Bundesregierung will das ändern und arbeitet an einem Plan zur Stärkung der Forschung im Bereich KI und zum besseren Transfer in die Praxis.

Zu langsames Netz

Der sehnlichste Wunsch der Wirtschaft ist jedoch: schnelles Internet. In der Umfrage gaben 61 Prozent der Unternehmen an, dass sie sich von der Politik den Breitbandausbau wünschen. Erst an zweiter Stelle nannten 13 Prozent den Wunsch nach digitalisierungsfreundlichen Rahmenbedingungen. „Die Netzinfrastruktur ist für die Unternehmen mittlerweile so wichtig wie die Stromleitungen“, sagte Bertschek.

Der Wunsch der Wirtschaft ist groß, die Umsetzung indes hakt. Zwar setzt sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zu Beginn einer jeden Regierungszeit vollmundige Ziele: 2009 versprach sie Breitband für alle bis 2010; 2013 dann schnelles Internet von mindestens 50 Megabit in der Sekunde (Mbit/s) bis 2018. Doch jedes Mal hält sie ihre Zusagen nicht ein.

Seit Ende 2015 verteilt der Bund Steuergeld mit einem Förderprogramm. 2200 Projekte wurden bewilligt, erst zwei wurden aber abgeschlossen, wie aus einer Antwort der Regierung auf eine Anfrage der Grünenfraktion hervorgeht, die dem Handelsblatt vorliegt. Danach wurde vor allem wegen der komplizierten Förderung Geld ausgegeben: 23,4 Millionen Euro für Berater und nur 3,1 Millionen für Investitionen.


Damit ist bisher so gut wie kein Cent der mehr als drei Milliarden Euro abgeflossen, die bis 2018 verbaut sein sollten. „Die meisten Mittel werden voraussichtlich bis Ende 2021 ausgezahlt sein“, heißt es zurückhaltend in der Antwort. Frühestens in der nächsten Wahlperiode also werden alle Projekte für mindestens 50 Mbit/s abgeschlossen sein und die Schlussrechnungen beglichen sein.

Am Wochenende sagte Merkel, sie wolle „jetzt endlich mit dem Infrastrukturausbau bei Breitband schneller vorankommen“. Doch Zweifel sind erneut angebracht, ungeachtet des neuen Ziels, wonach die Regierung Merkel Glasfaseranschlüsse für alle bis 2025 verspricht und damit Gigabit-Geschwindigkeiten.

Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer nennt die bisherige Bilanz „ein Trauerspiel“. Er bezichtigt die Regierung der „Inkompetenz“, da andere europäische Länder beim Ausbau längst weiter seien. Das Ziel, bis Ende 2018 allen Haushalten Zugang zu einem schnellen Internet mit einer Geschwindigkeit von 50 Mbit/s zu ermöglichen, werde „krachend verfehlt“.

Mit einem geänderten Förderprogramm will die Regierung ab Sommer das Tempo erhöhen – in Richtung Gigabit-Gesellschaft.