Deutsche nehmen jede Woche fünf Stunden Arbeit mit nach Hause


Vor dem Fernseher noch eine dienstliche E-Mail beantworten, während des Abendessens ein kurzes berufliches Telefonat führen und abends im Bett ein bisschen Fachliteratur wälzen: Deutsche Angestellte nehmen ihre Arbeit offenbar oft mit nach Hause, wie eine Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) und dem Karrierenetzwerk Xing zeigen, die dem Handelsblatt vorab vorliegt.

Für die Untersuchung zur neuen Arbeitswelt wurden insgesamt 3.000 Arbeitnehmer zwischen 25 und 54 Jahren befragt. Demnach gaben 62, 8 Prozent der Studienteilnehmer an, sich auch in ihrer Freizeit mit Tätigkeiten zu beschäftigen, die eigentlich ihrer Arbeitszeit zuzurechnen sind. Im Durchschnitt fünf Stunden pro Woche. Mehr als jeder Zehnte gab an, sechs bis zehn Stunden pro Woche in seiner Freizeit zu arbeiten, 8,2 Prozent der Befragten sogar mehr als 20 Stunden pro Woche.

Die Studie offenbart allerdings Unterschiede zwischen den Arbeitsweisen von Männern und Frauen: 67 Prozent der Männer, aber nur 50 Prozent der weiblichen Befragten verbringen einen Teil ihrer Freizeit mit beruflichen Aktivitäten. Die Wissenschaftler führen den Unterschied darauf zurück, dass Frauen immer noch deutlich mehr Aufgaben im Haushalt übernehmen – und aus diesem Grund weniger Zeit für den Job haben.



Als Grund dafür, dass einige Arbeitnehmer ihrer Arbeit mit nach Hause nehmen, sehen die Forscher insbesondere die Digitalisierung. Einerseits bietet sie Angestellten zwar die Möglichkeit, ihre Arbeitszeiten flexibel zu wählen. Andererseits verschwimmt durch den technischen Fortschritt zunehmend die Grenze zwischen Privatleben und Job.

65,7 Prozent aller Studienteilnehmer haben feste Arbeitszeiten. Unter den befragten Mitgliedern des Karrierenetzwerkes Xing, bei denen es sich der Studie zufolge um „moderne Wissensarbeiter“ handele, nicht einmal jeder Zweite (45,1 Prozent).

Dabei sieht das Arbeitszeitgesetz vor, dass sich die Arbeitszeit eindeutig bemessen lassen muss. Durch flexible Arbeitszeiten werde die Messung allerdings erschwert. „Ein Instrument, das dazu gedacht ist, Arbeitnehmer vor Überlastung zu schützen, verliert damit an Wirkung“, heißt es in der Untersuchung.

Die dauerhafte Erreichbarkeit birgt auch gesundheitliche Risiken: Wer auch nach Feierabend noch mit der Arbeit beschäftigt ist, findet oft nur schwer in den Schlaf, wacht nachts häufiger auf – und ist am Folgetag müde und in manchen Fällen sogar lustlos und unmotiviert.



Der Mensch ist es schließlich gewohnt, Phasen der An- und Entspannung zu erleben. Wenn er nur angespannt ist, belastet das Körper und Geist – und man wird krank. Die häufigsten Erkrankungen laut Gesundheitsreporten diverser Krankenkassen: Depressionen, Burn-out, Suchterkrankungen und psychosomatische Krankheiten.

Aufgrund der Studienergebnisse ist IZA-Chef Hilmar Schneider der Ansicht, dass das Arbeitszeitgesetz längst überholt ist. „Ein immer größerer Teil der Wertschöpfung gründet sich auf Wissensarbeit und soziale Interaktion.“ Beides finde zunehmend außerhalb eines festen Arbeitsplatzes statt. „Die Messbarkeit von Arbeitszeit gerät damit zur Illusion“, meint Schneider.

Der IZA-Chef hält eine grundsätzliche Debatte über die Definition von Arbeit für wichtig. Forderungen nach einem Verbot für Arbeitnehmer, in ihrer Freizeit berufliche E-Mails zu beantworten oder Telefonate zu führen, hält Schneider für rückwärtsgewandt – und unwirksam.