Deutsche liebt Syrer: Kika-Doku in der Kritik

Ein Kika-Film der Reihe “Schau in meine Welt“ ist Ziel von rechten Hetzern geworden (Bild: Screenshot Kika)

Ein AfD-Bundestagsabgeordneter bauscht eine Dokumentation des Kinderkanals zum Skandal auf. Was nun in den sozialen Netzwerken und Medien folgt, ist eine ideologische Debatte, in der Aufklärung keine Rolle mehr spielt.

Ein 24-minütiger Film der Reihe „Schau in meine Welt“, der auf dem „Kinderkanal“ (Kika) ausgestrahlt wurde, steht derzeit in der Kritik. In der Dokumentation „Malvina, Diaa und die Liebe“ geht es um die Beziehung eines Syrers mit einem deutschen Mädchen. Das Alter des deutschen Mädchens wird im Film mit 16 Jahren angegeben, das Alter des arabischen Jungen Diaa bleibt unerwähnt. Vermittelt wird der Eindruck, beide seien in etwa gleich alt.


Und genau hier beginnt der vermeintliche Skandal: Später hieß es auf der Website von Kika, Diaa sei 17 Jahre alt, Anfang der Woche korrigierte der Sender sein Alter dann auf 19. Diese Verwirrung bei den Altersangaben hat Kika mittlerweile aufgeklärt: „Entschuldigen wollen wir uns für einen Fehler in Bildunterschriften: Im Film wird über Malvinas Alter (zum Zeitpunkt des Drehs 16 Jahre) gesprochen, nicht aber über Diaas. Recherche und Drehbeginn für die Dokumentation lagen am Beginn 2017. Diaa war zu der Zeit 19 Jahre alt. Als er und Malvina sich kennenlernten, war er 17 Jahre alt.“ Dass dieses Alter dann in Bildunterschriften aufgetaucht sei, sei irreführend, „wir haben das korrigiert.“

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Ein drastischer Recherchefehler, keine Frage. Und einer, der in Zeiten, in denen viel um junge Flüchtlinge und deren tatsächliches Alter diskutiert wird, nicht unbemerkt bleibt. Darüber kann sich, wer möchte, natürlich auch kurz aufregen.


Doch durch die Skandalisierung des Beitrags durch einen AfD-Politiker ist der Sender Kika nun zum Ziel von rechten Hetzern geworden. Dirk Spaniel, der für die Alternative für Deutschland (AfD) im Bundestag sitzt, hatte auf Facebook zuerst geschrieben: „KiKa erzählt die Geschichte als Rührstück und vermittelt den festen Glauben an ein Happy End, in dem mit Kompromissen und gutem Glauben alles funktionieren würde. Das Video selbst widerspricht der Darstellung und straft die Macher Lügen.“


Später stellte der AfD-Politiker auf Facebook gar einen direkten Bezug zwischen der Dokumentation und dem Mord in Kandel her: „Es ist unerträglich, wie dieses Mädchen hier als Vorbild hingestellt und instrumentalisiert wird. Vor dem Hintergrund des Mordes an der 15-jährigen Mia ist es ein Skandal ersten Ranges, dass – noch dazu ein Kindersender (!!!) auf subtile Art falsch verstandene Toleranz bewirbt.“

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In Kandel hatte ein mutmaßlich 15-jähriger Flüchtling seine gleichaltrige Ex-Freundin erstochen. Die Beziehungstat löste eine politische Debatte aus, die von Rechtspopulisten und Rechtsextremen instrumentalisiert wird.

Der wichtige Unterschied: Eine Dokumentation ist keine Reportage

Es sind Menschen wie Spaniel, die aus einer spannenden Dokumentation nun eine ideologische Debatte basteln, in der Argumente und Aufklärung nicht mehr zählen. Auf Facebook, Twitter & Co. machen nun auch viele User ihrem Ärger darüber Luft, dass der Beitrag „Malvina, Diaa und die Liebe“ unkommentiert bleibt. Filmemacher Marco Giacopuzzi hat sich allerdings für die Form der Dokumentation entschieden. Der Beitrag besteht lediglich aus O-Tönen und verzichtet auf erklärende Kommentare.


Bei einer klassischen Dokumentation nehmen – im Gegensatz zu einer Reportage – weder Redaktion noch Regisseur Einfluss auf das Geschehen. Dargestellt werden die Protagonisten, deren Gedanken im Mittelpunkt stehen. Es gibt keine vorbereiteten Sätze, keine Zensur. Und genau das ist es, was „Malvina, Diaa und die Liebe“ auch so spannend macht. Ganz ohne Zeigefinger, ohne Erklärungen zeigt der zurückhaltende Film die wahren Gefühle und Probleme eines deutsch-syrischen Pärchens auf, über die sonst oft lautstark und urteilend berichtet wird.

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Dass es Probleme gibt, versucht der Film gar nicht zu verschleiern. „Ich darf keine kurzen Sachen anziehen, immer nur lange Sachen“, erzählt Malvina. Und Diaa antwortet: „Ich kann so etwas nicht akzeptieren, dass meine Frau so aussieht. Das ist total schwierig für arabische Männer.“


Auch dass Malvina einen deutschen Freund umarmt, gefällt dem Syrer nicht. Er meint: „Sie gehört mir.“ Für Rechtspopulisten natürlich ein gefundenes Fressen, doch bei all der Aufregung haben viele Hasskommentatoren der sozialen Netzwerke wohl die Reaktion des deutschen Mädchens verpasst. „Du hast mir nicht zu sagen, mit wem ich mich unterhalten darf“, antwortet sie selbstbewusst.

Zweifel an der Zukunft der Beziehung haben ihre Berechtigung

Gerade weil die Kamera bei diesem Beitrag nur die beobachtende Rolle einnimmt, wird die Herausforderung, vor der Diaa und Malvina stehen, deutlich. Als Zuschauer dürfen natürlich Zweifel aufkommen, ob diese Liebe eine Zukunft haben wird. Hier prallen zwei Welten aufeinander und die daraus resultierenden Konflikte werden greifbar – auch für Kinder.


Es ist wichtig und mutig, dass das deutsch-syrische Pärchen offen über seine Probleme spricht. Denn dadurch wird ein realer Einblick erst möglich. „Malvina, Diaa und die Liebe“ ist eine authentische Analyse kultureller Differenzen. Darüber zu sprechen, kann ein erster Schritt sein, diese auch zu überwinden.

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