Deutsche Kühe stillen katarischen Milchdurst


Es sind nicht bloß ein paar Kühe, die am Flughafen von Doha in Katar am späten Dienstagabend Ortszeit ausgeladen worden sind. Es sind 165 Holsteiner, die ein Symbol sein sollen für die Widerstandsfähigkeit des Emirats gegen die von Saudi-Arabien geführte Allianz, die Katar wirtschaftlich und politisch isolieren will.

Seit dem 5. Juni ist der Boykott bereits in Kraft, die Grenzen sind geschlossen und wichtige Flugrouten für die staatliche Airline Qatar Airways gesperrt. Die neuen Importe per Luftfracht werden von katarischer Seite zuweilen als die größte Luftbrücke seit 1948 bezeichnet. Damals hatten US-amerikanische „Rosinenbomber“ das eingeschlossene Berlin mit Nahrungsmitteln versorgt.

„Wenn der Preis für die katarische Unabhängigkeit ist, jeden Liter Milch einzufliegen, dann werden wir das tun“, sagte Fahad al-Attiyah der britischen Zeitung „The Sunday Telegraph“. Al-Attiyah ist für die Nahrungsmittelsicherheit in Katar zuständig.


Die Kühe sollen Milch geben und so klar machen: Katar kann sich selbst versorgen, auch wenn keine Lebensmittel mehr über die Landesgrenze mit Saudi-Arabien importiert werden können. Für den Rest der Wirtschaft gilt ebenfalls die offizielle Marschroute, dass dem Emirat kein Schaden zugefügt werden könne. „Wir haben genug Barreserven, um jeden Schock zu verkraften“, sagte der katarische Zentralbankchef Abdullah bin Saoud Al Thani am Montag in einem Interview.

Die gefleckten Tiere zeigen, das auch die Milchreserven aufgefüllt werden könnten. Das Ausladen der Paarhufer überträgt am Dienstagabend ein staatlicher Fernsehsender live – just zu dem Zeitpunkt, da Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und Bahrain ein neues Statement zum politischen Konflikt veröffentlichen. Darin begrüßten die Länder ein Abkommen zwischen den USA und Katar, gemeinsam gegen die Terrorismus-Finanzierung vorzugehen. Gleichzeitig erinnern sie aber an ihren langen Forderungskatalog, dem Katar nachkommen muss und bis zu dessen Erfüllung an der „gegenwärtigen Vorgehensweise“ nichts geändert werde.


Die Blockade des Landes bleibt also in Kraft und hier kommen die Kühe ins Spiel: Der syrische Geschäftsmann Moutaz Al Khayyat lässt sie von seiner katarischen Firma Powerholdings International mit Frachtmaschinen von Qatar Airways ins Land bringen. Insgesamt sollen es 4.000 Tiere werden, die dann in klimatisierten Hallen gehalten werden. Der Nachrichtenagentur Bloomberg sagte Al Khayyat im Juni, dass er damit ein Drittel des Milchbedarfs des Landes decken können werde.

Den Plan des Kuhimports hätte der Geschäftsmann schon seit einigen Jahren gehabt, berichten regionale Nachrichtenportale. Und die Kühe habe er eigentlich einschiffen wollen. Doch die veränderte politische Lage habe ihn dazu gebracht, das Vorhaben zu beschleunigen und die Tiere per Flugzeug bringen zu lassen.

Die 165 Holstein-Kühe stammten von einem Händler in Budapest, kämen ursprünglich aber aus Deutschland, sagte ein Sprecher des Bauernhofbetriebs Baladna der Deutschen Presse-Agentur. Noch in dieser Woche soll ihre Milch erstmals an Molkereien geliefert und dann in katarischen Geschäften angeboten werden. Weitere Kühe werden nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Australien und den USA kommen.

Zum Abholen der ersten Ladung war ein üppiger Konvoi an beflaggten Lkws mit Polizeibegleitung zum Flughafen geschickt worden. 59 weitere Flüge sollen in den kommenden Wochen folgen.


„Die Krise eröffnet neue Möglichkeiten für lokale Geschäftsleute, ihre Geschäft zu erweitern und neue Tätigkeitsfelder zu erschließen“, zitiert eine Zeitung Geschäftsmann Al Khayyat. Die Zahl der Kühe solle im Land von 4.000 auf 25.000 erhöht werden. „Wir streben an, die Unabhängigkeit bei der Milchversorgung in den kommenden ein bis zwei Jahren zu erreichen.“




KONTEXT

Katar: Aufstieg eines Zwergs

Größe

Das Emirat Katar im Osten der arabischen Halbinsel ist geografisch zwar nur etwa halb so groß wie Hessen, gewinnt international aber sowohl politisch als auch wirtschaftlich immer mehr an Bedeutung. Große Vorkommen an Erdöl und Erdgas machten Katar zu einem der reichsten Länder der Erde. Das Land ist 2022 Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft.

Viele Ausländer

Rund 2,2 Millionen Menschen leben in Katar, von denen der Großteil aus dem Ausland kommt und als Gastarbeiter beschäftigt ist. Das Land hat zahlreiche Beteiligungen an europäischen Unternehmen, darunter etwa Anteile am VW-Konzern und an der Baufirma Hochtief. Der arabische Nachrichtensender al-Dschasira hat seinen Sitz in Katar.

Öl und Geopolitik

Katar ist Mitglied der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) und hat unter anderem zusammen mit Saudi-Arabien, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten den Golfkooperationsrat mitgegründet, der eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik in der Region als Ziel hat. Südlich der Hauptstadt Doha befindet sich der größte Stützpunkt der US-Armee in der arabischen Welt.

Schelte

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisiert Katar für die Ausbeutung von Gastarbeitern und eingeschränkte Meinungsfreiheit.