Deutsche können sich heute für eine Stunde Arbeit dreimal mehr leisten als 1960

Die Kaufkraft der Deutschen hat sich je nach Produkt sehr unterschiedlich entwickelt, zeigt eine IW-Studie. Starken Einfluss auf die Entwicklung hat die Globalisierung.


Man kennt es aus dem Elektronikmarkt: Der frisch erworbene Laptop ist beim nächsten Besuch ein paar Wochen später schon wieder billiger geworden, weil längst die nächste Generation auf dem Markt ist. Viele andere Produkte verteuern sich jedoch. Damit steigen die Lebenshaltungskosten insgesamt, weil die Inflation auch in Zeiten der Nullzinspolitik nicht ganz verschwunden ist. Für das laufende Jahr rechnet die Bundesregierung mit einer Preissteigerung von 1,8 Prozent für die Privathaushalte.

Aber was wird teurer und was wird billiger? Und wie sieht es in der Langfristbetrachtung aus, wenn man die Inflation mit der Lohnentwicklung vergleicht? Wie lange muss man heute noch für einen Kühlschrank schuften, der einen 1960 noch mehr als drei Arbeitswochen gekostet hat?

Diesen Fragen ist das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in einem Kurzbericht nachgegangen. „Dass früher alles besser war, ist eine sehr nostalgisch geprägte Sichtweise, die zumindest nicht in allen Bereichen einer Überprüfung standhält“, sagt IW-Forscher Christoph Schröder. Dies sei bei der Entwicklung der Kaufkraft besonders augenfällig. „Denn heute kann man sich von dem Nettolohn einer Stunde Arbeit deutlich mehr leisten als früher.“

Zwar liegen die Preise für die Lebenshaltung heute 4,3 Mal so hoch wie auf dem Höhepunkt des Wirtschaftswunders 1960. Die Löhne – gemessen am Nettostundenverdienst – sind aber im gleichen Zeitraum auf den 14-fachen Wert gestiegen. Das heißt im Umkehrschluss: Die Kaufkraft hat sich mehr als verdreifacht. „Der Warenkorb, für den man 1960 noch eine Stunde arbeiten musste, ist heute bereits nach 19 Minuten verdient“, sagt Schröder. Seit der Wiedervereinigung 1991 hat sich die erforderliche Arbeitszeit immerhin noch um ein Sechstel verringert.

Allerdings hat sich die Kaufkraft je nach Produkt oder Dienstleistung sehr unterschiedlich entwickelt, wie auch die Grafik anschaulich zeigt. Besonders stark ist sie dort gestiegen, wo der technische Fortschritt rasant verläuft oder sich die Auswirkungen der Globalisierung zeigen. Während Beschäftigte für einen einfachen Schwarz-Weiß-Fernseher 1960 noch fast 347 Stunden arbeiten mussten, bekommen sie heute ein Smart-TV-Flachbildschirmgerät schon für den Nettoverdienst von gut 24 Stunden Arbeit. Mit umgerechnet 447 Euro war das Röhrengerät dabei damals etwa so teuer wie sein modernes Pendant heute.


Weil viele Modefirmen heute im Ausland schneidern lassen, sind auch Textilien billiger geworden. Ein hochwertiges Herrenhemd sei heute bereits in gut zwei Stunden verdient, heißt es im IW-Kurzbericht. 1960 waren dagegen noch fast acht Stunden nötig. Dagegen haben die Preise für Damenstrumpfhosen seit der Wiedervereinigung stärker angezogen als die Löhne. Ein Paar ist heute mit 18 Minuten Arbeit verdient, 1991 waren es 16 Minuten.

Eine kaum veränderte geschweige denn sinkende Kaufkraft hat Schröder auch bei persönlichen Dienstleistungen beobachtet, weil sich die Produktivität dort kaum steigern lässt. So können etwa Journalisten ihre Denkgeschwindigkeit nicht beliebig steigern, und der Druck im Anzeigengeschäft führt zu höheren Verkaufspreisen von Tageszeitungen.

Das Monatsabonnement ist deshalb heute mit knapp 35 Euro 16 Mal so teuer wie 1960, der Preis ist stärker gestiegen als die Löhne. Entsprechend müssen Arbeitnehmer für ein Zeitungsabo heute eine Stunde und 57 Minuten arbeiten – 18 Minuten länger als zu Wirtschaftswunderzeiten.

Bei den Nahrungsmitteln ist die Kaufkraftentwicklung noch komplexer und uneinheitlicher. So spielten hier die Industrialisierung der Landwirtschaft, die weltweite Nachfrage nach Lebensmitteln, die Ernteerträge und Umweltfaktoren wie die Überfischung der Meere eine Rolle, schreibt Schröder: „Für den Kabeljau muss man heute sogar länger arbeiten als 1960, während sich die Arbeitszeit für ein Pfund Kaffee von 3:30 Stunden auf 20 Minuten reduziert hat.“