Deutsche Energie-Agentur: Klimaneutralität ist gewaltige Aufgabe - aber machbar

·Lesedauer: 3 Min.
Schäden nach der Flutkatastrophe an der Ahr im Juli (AFP/CHRISTOF STACHE)

Für das Erreichen der Klimaziele darf es nach Einschätzung der Deutschen Energie-Agentur (Dena) kein "Weiter so" geben. Gleichwohl sei der Weg zur Klimaneutralität als gesamtgesellschaftliche Aufgabe machbar, erklärte die Dena am Donnerstag und rief die künftige Bundesregierung zu "massiven Anstrengungen" in allen Sektoren auf. Eine besondere Rolle spielen demnach auch die internationale Zusammenarbeit und die Akzeptanz bei den Bürgerinnen und Bürgern.

"Deutschland muss neuen Schwung holen in der Energie- und Klimapolitik", forderte Dena-Chef Andreas Kuhlmann anlässlich der Vorstellung der Leitstudie "Aufbruch Klimaneutralität" der Energie-Agentur. In den vergangenen Jahren sei zu viel liegen geblieben, die konkreten sektorspezifischen Jahresziele würden "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht erreicht", kritisierte er. "Dessen sollte sich die neue Bundesregierung unbedingt bewusst sein", fügte er hinzu und verwies darauf, dass die gegenwärtigen gesetzlichen Regeln die "notwendige Dynamik" verhinderten.

Trotzdem ist es laut Dena machbar, die gesetzlich verankerten Ziele für 2030 noch zu schaffen. Auch Klimaneutralität im Jahr 2045 könne erreichbar sein, heißt es in der Studie, an der sich zehn wissenschaftliche Institute und mehr als 70 Unternehmen beteiligten und die der künftigen Bundesregierung eine "praxisorientierte Perspektive" geben soll.

Konkret listet die Studie vier Säulen auf dem Weg zur Klimaneutralität auf. Dazu zählt die Erhöhung der Energieeffizienz insbesondere in der Industrie und im Gebäudesektor. Außerdem müsse es für den umfassenden direkten Einsatz von erneuerbaren Energien eine breite und deutlich beschleunigte Elektrifizierung geben.

Als drittes führt die Dena erneuerbare gasförmige und flüssige Energieträger und Rohstoffe an. Hierzu zählen etwa grüner Wasserstoff, der allerdings nach den Szenarien der Energie-Agentur erst in der Zeit nach 2030 eine größere Rolle spielt, und synthetische Kraftstoffe.

Als vierte Säule listet die Studie "technische und natürliche CO2-Senken" auf. "Wir werden nicht alle Emissionen vermeiden können, insbesondere in der Landwirtschaft und der Industrie", erklärte Kuhlmann. Daher müsse die zukünftige Bundesregierung hier schnell eine Strategie entwickeln.

Technische Senken sind etwa Mechanismen zur Abscheidung und Speicherung von CO2 (sogenanntes Carbon Capture and Storage). Als natürliche CO2-Senken, die der Studie zufolge eine "große Rolle" spielen, gelten beispielsweise Wälder und Moore.

Insgesamt sind nach Einschätzung der Dena "massive Anstrengungen" in allen Sektoren nötig. In der Studie hervorgehoben werden unter anderem der beschleunigte "marktbasierte Ausbau der erneuerbaren Energien" durch einfachere Genehmigungsverfahren und die Bereitstellung von mehr Fläche, eine "aktive Begleitung des vorzeitigen Ausstiegs aus der Kohleverstromung" und eine "Forcierung der Elektromobilität im Individualverkehr" sowie ein stärkerer Ausbau des ÖPNV.

Große Bedeutung für das Erreichen der Klimaneutralität hat demnach aber auch die europäische Ebene. Allein die radikale Veränderung der Importe von Energie und die damit verbundenen geopolitischen Herausforderungen machten deutlich, dass Klimapolitik eine "zentrale Aufgabe" für den nächsten Außenminister oder die nächste Außenministerin sein müsse, erklärte Kuhlmann.

Außerdem ist demnach eine "breite gesellschaftliche Verankerung" nötig, der gewaltige Transformationsprozess müsse sozial gerecht ausgestaltet sein. "Partizipieren und profitieren Bürgerinnen und Bürger an und von der Energiewende, steigt die Akzeptanz für die Transformation", erläuterte der Dena-Chef.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Helmut Dedy, betonte, die Städte seien zu umfangreichen Schritten für mehr Klimaschutz bereit. Dafür müssten Bund und Länder aber auch den Geldbeutel weiter öffnen. "Die Förderung von energetischen Sanierungen muss massiv ausgeweitet und vereinfacht werden. Der Ausbau des Nahverkehrs und der Fuß- und Radwege braucht mehr Unterstützung", forderte er. "Wir erwarten, dass die neue Bundesregierung ressortübergreifend die Weichen stellt für mehr Klimaschutz."

Die Transparenzorganisation Lobbycontrol kritisierte unterdessen, dass es bei der Dena-Leitstudie ein einseitiges Sponsoringmodell gegeben habe. Dieses ermögliche Unternehmen und Wirtschaftsverbänden, "sich Einfluss auf die Studie zu erkaufen", erklärte Lobbycontrol-Sprecherin Christina Deckwirth. Der Zwischenbericht zur Dena-Leitstudie habe in Teilen die Handschrift der Gaslobby getragen. Die künftige Bundesregierung solle das Sponsoring der Leitstudie "grundlegend überprüfen", forderte die Organisation.

jm/hcy

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.