Die Deutsche Bank zittert vor dem US-Stresstest

In Kürze veröffentlicht die US-Notenbank die Resultate ihres Stresstest – und die Deutsche Bank muss mal wieder schlechte Noten fürchten.

Seit Jahren kämpft die Deutsche Bank um die Gunst der amerikanischen Bankenaufseher. Controller wurden eingestellt, IT-Systeme verbessert, viel Geld für die Optimierung von Prozessen ausgegeben, alles, um den angeschlagenen Ruf in den USA endlich aufzubessern.

Ob die Anstrengungen Eindruck auf die Aufseher der US-Notenbank Fed gemacht haben, wird sich in Kürze zeigen: Die Behörde veröffentlicht in dieser und der nächsten Woche die Ergebnisse der diesjährigen Stresstests – und für die Deutsche Bank sieht es alles andere als gut aus. Wieder einmal.

„Ich glaube nicht, dass jemand überrascht wäre, wenn die Deutsche Bank bei den Stresstests durchfällt“, sagt Karen Petrou von dem auf Regulierungsfragen spezialisierten Analysehaus Federal Financial Analytics. „Es wäre eher eine Überraschung, wenn sie besteht.“ Petrou ist nicht die Einzige, die die Deutsche Bank für versetzungsgefährdet hält. Auch Chris Whalen, Gründer und Analyst von Whalen Global Advisors, sagt: „Ich mache mir schon etwas Sorgen um die Deutsche Bank.“


Für das Frankfurter Geldhaus wäre ein weiteres „Ungenügend“ seitens der US-Aufseher ein herber Dämpfer. Schließlich hat sie schon Teile des Stresstests in den Jahren 2015 und 2016 nicht bestanden. Die Probleme der Bank lagen dabei weder bei der Kapital- noch bei der Liquiditätsausstattung, sondern bei den Defiziten ihrer Kontrollsysteme.

Handfeste Konsequenzen hätte ein schlechtes Zeugnis nicht: Die Fed könnte der USA-Holding des Instituts zwar verbieten, Gewinne an die Zentrale auszuschütten, oder strenge Kapitalauflagen verhängen. Doch da die Bank ihre US-Aktivitäten ohnehin mit enorm viel Eigenkapital ausgestattet hat, wäre das verkraftbar. Deshalb bezeichnet ein großer Investor ein mögliches Durchfallen als „zwar unschön, aber nicht dramatisch“.

Risiko Reputationsschaden

Schwerer würde da schon der Reputationsschaden für die Bank bei den Bankenaufsehern wiegen. Schließlich gilt das Verhältnis zu den Behörden in den Vereinigten Staaten seit Längerem als belastet. Außerdem lassen sich auch die europäischen Aufseher die Berichte ihrer US-Kollegen schicken.

Eigentlich müssen sich nur US-amerikanische Banken dem Stresstest der Fed unterziehen. Doch weil die Deutsche Bank in den Vereinigten Staaten stark aktiv ist, muss sie sich ebenfalls dieser Prüfung unterziehen. Erstmals ist davon das gesamte Nordamerika-Geschäft betroffen: Zuvor nahm die Vorgängerorganisation teil, die unter dem Namen Deutsche Bank Trust Corporations jedoch nur rund 15 Prozent des Amerika-Geschäfts abbildete. Mittlerweile sind alle US-Aktivitäten aber in einer Zwischenholding gebündelt, die sich nun dem Stresstest stellen muss.

Die Stresstests in den USA bestehen aus zwei Teilen: Der erste Teil – Dodd-Frank-Act-Stresstest (DFAST) genannt – ähnelt den Stresstests, die auch die europäischen Bankenaufseher regelmäßig durchführen. Dabei müssen die Banken die Auswirkungen unterschiedlicher wirtschaftlicher Szenarien durchrechnen und zeigen, dass sie auch bei einer schweren Rezession ausreichend Kapital vorhalten können.


Wichtiger als dieser quantitative Test ist für die Aufseher die umfassende Kapitalanalyse (Comprehensive Capital Analysis and Review, kurz CCAR). Hier prüft die Fed, wie die Banken ihre Bilanzen verwalten, ob das Risikomanagement funktioniert und ob sie stark genug für Dividenden oder Aktienrückkäufe sind.

Bei diesem Teil der Prüfung können Banken durchfallen – und genau mit diesem Teil tut sich die Deutsche Bank traditionell schwer. 2015 beklagte die Fed „zahlreiche und signifikante Defizite“ etwa bei internen Kontrollen und der Fähigkeit, Risiken zu identifizieren und Verluste abzuschätzen. 2016 bemängelte die Fed „weitreichende und substanzielle Schwächen“ in den Kapitalplänen der Deutschen Bank und der Banco Santander.

Auch für dieses Jahr stehen die Vorzeichen ungünstig: Erst vor Kurzem sickerte durch, dass die Fed die US-Aktivitäten der Bank bereits im vergangenen Jahr mit einem schlechten Rating versehen hatte. Daraufhin landete das Institut auf der Liste der „Problembanken“ bei der US-Einlagensicherung FDIC. Kapital- oder Liquiditätsprobleme waren nicht der Grund dafür. In Aufsichtskreisen heißt es, die Fed habe Punkte im Risikocontrolling und Datenmanagement bemängelt. „Es ist nicht ganz neu, dass die Bank dort ein Problem hat“, so ein europäischer Aufseher. Es brauche aber Zeit, so etwas zu beheben.

Bank muss Abgänge verkraften

Das macht die Lage für die Deutsche Bank nicht besser. Ein schlechtes Fed-Rating kratzt nicht nur an der Reputation. Wer als „Problembank“ eingestuft wird, soll etwa bei der Kreditvergabe und im Handelsgeschäft weniger Risiken eingehen. Die Bank hatte sich zu ihrer schlechten Einstufung durch die US-Notenbank seinerzeit nicht konkret geäußert, aber darauf verwiesen, dass sie stets eingeräumt habe, dass die amerikanischen Behörden „in einigen Bereichen Schwächen identifiziert haben mit Bezug auf unsere Kontrollen und die Infrastruktur“. Man arbeite weiter entschlossen daran, die Schwächen im US-Geschäft zu beseitigen, heißt es aus den Doppeltürmen an der Frankfurter Taunusanlage.

Rein formal haben der Stresstest und die Einstufung der Deutschen Bank als „Problembank“ vom Vorjahr nichts miteinander zu tun. Die Stresstests laufen getrennt von den anderen Bereichen der Finanzaufsicht. Zumindest theoretisch darf also das eine das andere nicht beeinflussen. Bankenberater Whalen befürchtet dennoch Konsequenzen für die Stresstests. „Die Fed ist damit in einer schwierigen Position. Ich sehe nicht, wie die Notenbank die Deutsche Bank bestehen lassen kann“, sagt er.

Auch ohne zusätzlichen Reputationsschaden durch die Stresstests in den Vereinigten Staaten hat die Deutsche Bank an vielen Ecken zu kämpfen. Im Frühjahr hatte das Geldhaus in einer Hauruckaktion den bisherigen Vorstandschef John Cryan abgesetzt und ihn durch den Leiter des Privatkundengeschäfts Christian Sewing ersetzt.

Doch die Probleme sind damit noch nicht beseitigt. Seit Sewings Ernennung ist der Aktienkurs um rund 20 Prozent gefallen. Seit Jahresbeginn summiert sich das Minus an der Börse auf 40 Prozent. Nachdem verpatzten Start ins Jahr 2018 hat Sewing bereits vor einem schwachen zweiten Quartal gewarnt. Außerdem schürt die Herabstufung der Bonitätsnote durch die Ratingagentur Standard & Poor’s die Angst, dass Kunden Geschäft abziehen könnten.

Einige wichtige Manager der Bank scheinen die Hoffnung auf eine baldige Wende zum Besseren zu verlieren. Meldungen über hochrangige Deutschbanker, die das Institut verlassen, hatten sich zuletzt gehäuft. Zum Teil hat das mit dem rigiden Sparkurs zu tun, den Vorstandschef Christian Sewing dem Institut gerade auch im Investmentbanking verordnet hat. „Zum Teil gehen aber auch Leute, die wir gerne halten würden“, sagt ein hochrangiger Manager des Instituts.


Warum profilierte Führungsleute ihren Abschied nehmen, wie zuletzt der M & A-Chef für Amerika, Charlie Dundree, lässt sich von außen oft schwer sagen. Auch der Verlust großer Teile des „Quant Strat“-Teams, das Handelsstrategien für Hedgefonds entwickelt, lässt sich verschmerzen, da die Bank das Hedgefonds-nahe Geschäft ohnehin reduzieren will.

Doch wenn ein ganzer Trupp Händler aus dem profitablen Bereich „Convertibles“, also Wandelanleihen, geht, lässt sich kaum kaschieren, dass die Bank auch Leute verliert, die sie gerne halten würde. „Die Deutsche Bank hat nicht mehr den gleichen Ruf wie früher, der Leute automatisch anlockt“, warnt ein Personalberater. Das gelte vor allem für die globalen Zentren für das Investmentbanking USA und London. Da passt es gar nicht, dass ausgerechnet jetzt durch den US-Stresstest neuer Ärger an der Wall Street droht.