Deutsche Bank meldet Verlust für 2017

Die Deutsche Bank erwartet, dass die US-Steuerreform ihr Ergebnis mit rund 1,5 Milliarden Euro belasten wird. Für das Gesamtjahr 2017 sei mit einem Nachsteuerverlust zu rechnen. Die Aktie gerät unter Druck.


Die Aktionäre der Deutschen Bank sind Kummer gewohnt. Aber auf den bunten Strauß an schlechten Nachrichten, die Vorstandschef John Cryan am Freitag präsentierte, waren sie dann doch nicht vorbereitet. Die Quintessenz der Hiobsbotschaften: Das größte heimische Geldhaus erwartet für das „Gesamtjahr 2017 einen geringen Verlust nach Steuern“. Dabei hatte Cryan zu Beginn des vergangenen Jahres noch leicht schwarze Zahlen versprochen. Außerdem hatte der Vorstandschef eine Dividende von mindestens elf Cent je Aktie in Aussicht gestellt. Ob es trotz des erwarteten Jahresverlusts bei den Ausschüttungsplänen bleibt, hat die Bank nach Informationen aus Finanzkreisen noch nicht entschieden. 2016 hatte sich der Verlust des Frankfurter Geldhauses auf 1,4 Milliarden Euro summiert.

Anleger reagierten schockiert auf die Meldung. Die Aktie vergrößerte ihre Verluste nach Bekanntwerden der Nachricht. Sie notierte am späten Nachmittag bei 15,49 Euro und damit 5,16 Prozent schwächer als am Vortag.

Wichtigster Grund für die erneut roten Zahlen ist die Steuerreform in den USA. Die US-Regierung will den Steuersatz für Unternehmensgewinne von 35 auf 21 Prozent senken. Die Reform ist ein zentraler Pfeiler der Wirtschaftspolitik der Trump-Regierung. Es mag absurd wirken, aber die geplante Erleichterung wird einige Geldhäuser zuerst teuer zu stehen kommen, darunter auch die Deutsche Bank. Schuld sind die Spätfolgen der Finanzkrise. Damals häuften viele Institute im US-Geschäft hohe Verluste auf. Diese Verluste können die Banken steuerlich geltend machen und in die Zukunft übertragen. Daraus ergeben sich sogenannte Verlustvorträge (Deferred Tax Assets), die die künftige Steuerlast drücken.


Fallen nun die Steuersätze in den USA, sinkt auch der Wert der Verlustvorträge, daher werden Abschreibungen fällig. Bei der Deutschen Bank werden das rund 1,5 Milliarden Euro sein, die sich auf das Jahresergebnis durchschlagen. Bislang hatten die Analysten im Schnitt mit einem Gewinn von 1,3 Milliarden Euro gerechnet. Außerdem dürfte die Neubewertung der latenten Steueransprüche in den USA die harte Kernkapitalquote (CET 1) des Frankfurter Instituts um rund 0,1 Prozentpunkte reduzieren. Auswirkungen auf die Fähigkeit, die fälligen Zahlungen auf bestimmte Nachranganleihen (Additional Tier 1) zu leisten, erwartet die Bank nicht. Im Frühjahr 2016 hatten Diskussionen darüber, ob die Bank die Zinsen für diese riskanten Bonds bezahlen kann, das Geldhaus in eine Vertrauenskrise gestürzt.


Die Deutsche Bank ist nicht das einzige Institut, das durch die US-Steuerreform getroffen wird. Auch die US-Finanzriesen Citi und Goldman Sachs sowie die europäischen Großbanken Credit Suisse, UBS und Barclays rechnen mit milliardenschweren Abschreibungen. Bei der Deutschen Bank kommen allerdings weitere schlechte Nachrichten hinzu: Nach dem enttäuschenden dritten Quartal 2017 im wichtigen Wertpapierhandel setzte sich die Flaute auch in den Monaten Oktober bis Dezember fort. „Die Erträge aus dem Handel mit festverzinslichen Wertpapieren, Währungen und Aktien sowie dem Finanzierungsgeschäft dürften daher im vierten Quartal etwa 22 Prozent geringer ausfallen als im entsprechenden Vorjahreszeitraum“, warnt die Bank.


Damit ist der Reigen der schlechten Nachrichten nicht zu Ende. Die Bank erwartet jetzt einen Vorsteuerverlust im vierten Quartal, unabhängig von den höheren Aufwendungen für Restrukturierung, Abfindungen und Rechtsfälle, die das Quartalsergebnis insgesamt mit etwa 0,5 Milliarden Euro belasten dürften. Die Gründe für die roten Zahlen im Schlussquartal sind neben schwachen Erträgen höhere bereinigte Kosten. Sie werden voraussichtlich in etwa auf dem Niveau des Vorjahreszeitraums liegen. Außerdem belastet ein Verlust aus dem kürzlich bekanntgegebenen Verkauf des Privat- und Firmenkundengeschäfts in Polen die Bank.


Ad-hoc-Meldung wird Diskussion um Cryan als Vorstand wohl weiter anheizen


Die Schwäche im Investmentbanking dürfte die Investoren kaum überraschen, schließlich hatten eine ganze Reihe von US-Banken bereits vor einem schwachen vierten Quartal im Handel gewarnt. Anders sieht es bei den Kosten aus. Noch im dritten Quartal waren Cryans Sparanstrengungen einer der wenigen Lichtblicke, die die Investoren milde stimmten. Die Ad-hoc Mitteilung vom Freitag dürfte nicht gerade dazu beitragen, die Diskussion um die künftige Strategie der Bank und um die Zukunft des Vorstandschefs zu beenden. Einige einflussreiche Großaktionäre zweifeln daran, ob Cryan, bislang als Sanierer durchaus geschätzt, der Richtige ist, um die Bank nach der Überwindung der tiefen Vertrauenskrise von 2016 wieder auf einen robusten Wachstumspfad zu führen.

Aber nicht nur von außen kommt Kritik, auch intern sorgt die Ertragsschwäche im Investmentbanking für kontroverse Diskussionen. Vordergründig drehen sich diese Diskussionen im Vorstand und im Aufsichtsrat zunächst einmal um die Frage, wie hoch die Boni für das vergangene Jahr ausfallen sollen. Die beiden Investmentbankingvorstände Marcus Schenck und Garth Ritchie haben sich nach Informationen aus Finanzkreisen für deutlich höhere Vergütungen als im Vorjahr eingesetzt. Das Thema ist brisant, weil die Bank 2016 ihre Boni drastisch zusammengestrichen hat. Die individuelle variable Komponente der Vergütung wurde komplett gestrichen. Das betraf vor allem höhere Dienstgrade – insgesamt rund 25.000 von weltweit 100.000 Mitarbeitern. Gezahlt wurde nur die variable Gruppenkomponente an alle Mitarbeiter. Der Bonustopf war dadurch von 1,4 Milliarden im Jahr 2015 auf 546 Millionen Euro 2016 geschrumpft. Vorstandschef John Cryan hat versprochen, dieses Jahr zum normalen Vergütungssystem zurückzukehren. Die Frage ist allerdings, was genau normal bedeutet.


Ritchie und Schenck fürchten, dass eine weitere Enttäuschung zu einem Exodus wichtiger Leistungsträger im Investmentbanking führen könnte und sich damit die Sanierung des Bereichs, der lange die Gewinnmaschine der Bank war, noch weiter verzögert. Die beiden Vorstände gehen ohnehin davon aus, dass es noch zwei bis drei Jahre dauern wird, bis sie das Investmentbanking so aufgestellt haben, wie sie sich das wünschen. Andere Top-Manager fragen sich dagegen, ob es sich die Bank in ihrer aktuellen Lage wirklich leisten kann, die Investmentbanker glücklich zu machen.

Letztlich steckt hinter dem Bonusstreit die weit größere Frage nach der Strategie des Geldhauses. Schafft die Bank es wirklich, im Investmentbanking zu alter Stärke zurückzufinden? Oder sollte sie sich noch stärker auf das Privat- und Firmenkundengeschäft konzentrieren? Schenck und Ritchie haben vor kurzem im Interview mit dem Handelsblatt die Devise ausgegeben, dass die Deutsche Bank die „führende europäische Investmentbank sein“ will. „Hält man an diesem Ziel fest, dann muss man bereit sein zu investieren, und das heißt wettbewerbsfähige Boni zu bezahlen“, meint ein ranghoher Deutsch-Banker.